Spaniens Kirche wird Missbrauchsopfer entschädigen

"Weltweit wegweisendes Modell"

Hunderttausende Menschen in Spanien könnten als Minderjährige in kirchlichen Einrichtungen sexuell missbraucht worden sein. Nun gibt es ein Abkommen, das laut der spanischen Regierung "weltweit wegweisend" ist.

Kathedrale Almudena in Madrid / © Catarina Belova (shutterstock)
Kathedrale Almudena in Madrid / © Catarina Belova ( shutterstock )

Die Regierung und die katholische Kirche in Spanien haben vereinbart, Opfer sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen auch in bereits verjährten Fällen zu entschädigen. Nach zweijährigen Verhandlungen wurde das Abkommen von der Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez, der Kirche und dem spanischen Ombudsmann in Madrid unterzeichnet.

Spanische Kirche will Missbrauchsopfer entschädigen / © Alberto Ortega/EUROPA PRESS (dpa)
Spanische Kirche will Missbrauchsopfer entschädigen / © Alberto Ortega/EUROPA PRESS ( dpa )

Nach der Unterzeichnung versicherte Justizminister Félix Bolaños, es handele sich um ein "weltweit wegweisendes Modell". Er sprach von einem "Tag der Gerechtigkeit für die Opfer". Der Staat werde bei den Anträgen "das letzte Wort haben" und die Kirche "wird zahlen", betonte der Minister der linken Regierung.

Anträge können ab April gestellt werden

Das vereinbarte Verfahren richtet sich vor allem an Betroffene, deren Fälle strafrechtlich nicht mehr verfolgt werden können, etwa wegen Verjährung oder weil die Täter nicht mehr leben. Dabei handelt es sich nach offiziellen Angaben um die Mehrheit der Opfer. Die Betroffenen dürfen ab dem 15. April ihre Anträge beim Justizministerium stellen.

Angel Gabilondo ist Ombudsmann und Leiter einer Untersuchungskommission in Spanien / © Jesús Hellín/EUROPA PRESS (dpa)
Angel Gabilondo ist Ombudsmann und Leiter einer Untersuchungskommission in Spanien / © Jesús Hellín/EUROPA PRESS ( dpa )

Vorgesehen ist ein zweistufiges Verfahren: Eine unabhängige Kommission beim Ombudsmann prüft die Anträge und schlägt eine Entschädigung vor. Eine kirchliche Kommission nimmt dazu Stellung, aber die endgültige Entscheidung trifft der Ombudsmann. Die Kirche übernimmt die Zahlungen vollständig. Das Verfahren soll Ombudsmann Ángel Gabilondo zufolge maximal drei Monate dauern.

Zahl der Opfer könnte in die Hunderttausende gehen

Zur Höhe der Entschädigungen macht die Vereinbarung keine konkreten Vorgaben. Weder Mindest- noch Höchstbeträge sind festgelegt. Bolaños wertete dies als Vorteil, da jeder Fall einzeln und "mit der nötigen Tiefe" geprüft werde, so dass in besonders schweren Fällen keine Begrenzung bestehe. Das Protokoll sieht "objektive" Kriterien für die Bemessung vor, wie die Schwere des Schadens, mögliche Wiederholungen der Taten und das Alter der Betroffenen.

Neben finanziellen Leistungen sind auch symbolische Formen der Wiedergutmachung vorgesehen, wie der Vorsitzende der spanischen Bischofskonferenz, Luis Argüello, erklärte. Dazu zählen zum Beispiel die offizielle Anerkennung der Opfer und Gespräche mit Vertretern der Kirche.

Nach jüngsten Angaben der spanischen Bischofskonferenz wurden seit 1940 mehr als 1.000 Missbrauchsfälle dokumentiert. Dem stehen deutlich höhere Schätzungen unabhängiger Untersuchungen gegenüber: Ein im Herbst 2023 veröffentlichter Bericht des spanischen Ombudsmanns ging auf Grundlage einer repräsentativen Umfrage davon aus, dass es mindestens 236.000, möglicherweise sogar mehr Betroffene gibt.

Opferverbände begrüßen Unterzeichnung

Spaniens Opferverbände reagierten am Montag positiv auf die Vereinbarung und das neue Entschädigungssystem. Juan Cuatrecasas sprach von einem "internationalen Meilenstein". "Auch wenn wir uns mehr Transparenz und klare Entschädigungsskalen gewünscht haben, zeigt die Vereinbarung, dass der Rechtsstaat intakt ist. Es kann nicht sein, dass die Kirche als Täterinstitution wie bisher das Recht hat, zu entscheiden, welche Entschädigung den Opfern gezahlt wird", sagte der Vorsitzende des Opferverbands geraubte Kindheit (ANIR) KNA.

Cuatrecasas bezeichnete es als enorm wichtig, dass nun "im Falle einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Parteien die Beurteilung des neutralen Ombudsmanns maßgeblich ist und somit die von uns stets geforderte Unparteilichkeit gewährleistet wird». Zudem begrüßte er den Entschluss der spanischen Bischofs- und Ordenskonferenz, als Garanten der Wiedergutmachungsmaßnahmen aufzutreten, sollten sich die vom Missbrauchsfall betroffenen Diözesen und kirchlichen Institutionen vor ihrer Verantwortung drücken, wie es hieß.

Kirche in Spanien

Kirche in Spanien hat zwei Gesichter: Zum einen ist Spanien ein traditionell katholisches Königreich - etwa ab 380 war das Christentum im Römischen Reich endgültig Staatsreligion, also auch in der Provinz Hispanien - in dem die Osterprozessionen jedes Jahr tagelang inbrünstig und mit eindrucksvollen Kutten zelebriert werden; wo jede Stadt und Gemeinde einen eigenen Feiertag hat, der dem Stadtheiligen gewidmet ist und imposante Kathedralen zum Weltkulturerbe zählen; ein Land, in dem die katholische Vereinigung Opus Dei gegründet wurde und mit eigenen Universitäten und mächtigen Mitgliedern i

Eine spanische Flagge hängt an einer alten Kirche in Cáceres (shutterstock)
Eine spanische Flagge hängt an einer alten Kirche in Cáceres / ( shutterstock )
Quelle:
dpa , KNA