Vatikan rückt Reliquie des Longinus in der Fastenzeit in den Fokus

Spur der Passion

Der Speer des Longinos wird als kostbare Reliquie in einem der Hauptpfeiler des Petersdoms aufbewahrt und nur in der Fastenzeit den Gläubigen präsentiert. Der Vatikan-Experte Ulrich Nersinger kennt die Geschichte hinter der Lanze.

Autor/in:
Carsten Döpp
Die Statue des Heiligen Longinus von Bernini im Petersdom / © crbechervaise (shutterstock)
Die Statue des Heiligen Longinus von Bernini im Petersdom / © crbechervaise ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Um was für eine besondere Lanze geht es dem Vatikan in der Fastenzeit?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Buchautor): Das ist die sogenannte Lanze des Longinus. Longinus soll jener Hauptmann gewesen sein, der bei der Kreuzigung unter dem Kreuz stand und die Seite Christi geöffnet hat. Diese Lanze gilt als eine der bedeutendsten Reliquien der Christenheit und hat eine spannende Geschichte.

DOMRADIO.DE: Wie ist diese Lanze in den Vatikan gekommen?

Nersinger: Im 15. Jahrhundert hatte Sultan Mehmed II. Konstantinopel erobert. Damit fiel ihm einer der größten Reliquien-Schätze der Christenheit in die Hände. Als Mehmed 1481 verstarb, kämpften seine Söhne um die Thronfolge.

Der unterlegene Sohn floh zu den Rittern des Johanniterordens nach Rhodos. Dort wurde er zum Spielball der europäischen Mächte. Deswegen wurde er nach Rom gebracht und kam beim Papst in eine sogenannte Ehrenhaft. Er wurde vom Papst aufgenommen – halb als Gast und halb als Geisel. Er war jedoch recht frei in seinem Aufenthalt.

Blick auf den Petersdom vom Petersplatz / © Ansharphoto (shutterstock)
Blick auf den Petersdom vom Petersplatz / © Ansharphoto ( shutterstock )

Dieser Sohn des ehemaligen Sultans versprach, wenn man ihm an die Macht in Konstantinopel verhelfe, werde er der Christenheit sehr gnädig und freundlich gegenüberstehen. Das hat seinen Bruder in Angst versetzt. Der machte dem Papst eine Offerte, die einzigartig war. Er schickte ihm die Lanze des Longinus und eine gewisse Summe an Geld, um zu sichern, dass der Bruder in Rom bleiben würde.

DOMRADIO.DE: Wie kann man sich die Präsentation nun während der Fastenzeit vorstellen?

Nersinger: Das ist eine sehr schöne Zeremonie. Drei Domherren von St. Peter begeben sich auf den Balkon, der den Pfeiler schmückt und zeigen den Gläubigen die Reliquie.

DOMRADIO.DE: Wie hat sich die Bedeutung der Lanze bei den ehemaligen Päpsten gezeigt?

Nersinger: Sie haben alle darauf geachtet, dass diese Zeremonie vollzogen wird. Aber ich habe in diesem Jahr beobachtet, dass es sehr feierlich war. Meistens ist der Kardinal-Erzpriester der Basilika nicht dabei, diesmal stand er jedoch unter dem Balkon in einer Schar von Gläubigen.

Ulrich Nersinger

"Diese Verehrung ist eine Bindung an die Passionsgeschichte und ein Erspüren der Vergangenheit."

Deswegen scheint die Lanze wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Diese Verehrung ist eine Bindung an die Passionsgeschichte und ein Erspüren der Vergangenheit.

DOMRADIO.DE: Ist die Lanze echt?

Nersinger: Das ist die große Frage. Erst einmal muss man bedenken, dass es kein vollständiger Sperr ist. Es ist eine Teilreliquie. Die Spitze ist es. Es werden in der ganzen christlichen Welt Teile oder auch eine ganze Lanze aufbewahrt, so in Armenien, der Wiener Schatzkammer und früher auch in Paris. 

Speer von Longinus im Museum der Kathedrale Etchmiadzin in Mutter Stuhl des Heiligen Etchmiadzin in Vagharshapat, Armenien am 25. Januar 2025 / © KrimKate (shutterstock)
Speer von Longinus im Museum der Kathedrale Etchmiadzin in Mutter Stuhl des Heiligen Etchmiadzin in Vagharshapat, Armenien am 25. Januar 2025 / © KrimKate ( shutterstock )

Ob sie nun echt sind oder nicht, darüber denken die Römer sehr pragmatisch. Für sie ist das eine Art Erfassen der Vergangenheit, ein Mit-hinein-genommen-Werden in die Passionsgeschichte. Wie die Römer diesen Pragmatismus gefeiert oder zelebriert haben, kann man an einer hübschen Geschichte sehen, die im vergangenen Jahrhundert geschah.

Ein Streit entbrannte zwischen zwei Kirchen darüber, wer das Haupt eines bestimmten Heiligen hat. Der Vatikan entschied darüber. Man fragte die Unterlegene, was sie nun mit der Reliquie mache. Der Pfarrer antwortete: Jetzt stellen wir kleinere Kerzen davor. 

Es ist ein sehr großer Pragmatismus, der das Ganze in ein Licht rückt, das man annehmen kann.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Was sind Reliquien?

Reliquien - vom lateinischen "reliquiae" abgeleitet - sind die sterblichen Überreste von als heilig verehrten Personen. Primäre Reliquien sind dabei die Leichname von Seligen oder Heiligen, größere Körperteile von diesen oder die komplette Asche ihrer verbrannten Körper.

Ein Reliquiar in Gestalt einer Reliquienprozession aus dem Jahr 1893 / © Oliver Berg (dpa)
Ein Reliquiar in Gestalt einer Reliquienprozession aus dem Jahr 1893 / © Oliver Berg ( dpa )
Quelle:
DR

Die domradio- und Medienstiftung

Unterstützen Sie lebendigen katholischen Journalismus!

Mit Ihrer Spende können wir christlichen Werten eine Stimme geben, damit sie auch in einer säkulareren Gesellschaft gehört werden können. Neben journalistischen Projekten fördern wir Gottesdienstübertragungen und bauen über unsere Kanäle eine christliche Community auf. Unterstützen Sie DOMRADIO.DE und helfen Sie uns, hochwertigen und lebendigen katholischen Journalismus für alle zugänglich zu machen!

Hier geht es zur Stiftung!