DOMRADIO.DE: Um was für eine besondere Lanze geht es dem Vatikan in der Fastenzeit?
Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Buchautor): Das ist die sogenannte Lanze des Longinus. Longinus soll jener Hauptmann gewesen sein, der bei der Kreuzigung unter dem Kreuz stand und die Seite Christi geöffnet hat. Diese Lanze gilt als eine der bedeutendsten Reliquien der Christenheit und hat eine spannende Geschichte.
DOMRADIO.DE: Wie ist diese Lanze in den Vatikan gekommen?
Nersinger: Im 15. Jahrhundert hatte Sultan Mehmed II. Konstantinopel erobert. Damit fiel ihm einer der größten Reliquien-Schätze der Christenheit in die Hände. Als Mehmed 1481 verstarb, kämpften seine Söhne um die Thronfolge.
Der unterlegene Sohn floh zu den Rittern des Johanniterordens nach Rhodos. Dort wurde er zum Spielball der europäischen Mächte. Deswegen wurde er nach Rom gebracht und kam beim Papst in eine sogenannte Ehrenhaft. Er wurde vom Papst aufgenommen – halb als Gast und halb als Geisel. Er war jedoch recht frei in seinem Aufenthalt.
Dieser Sohn des ehemaligen Sultans versprach, wenn man ihm an die Macht in Konstantinopel verhelfe, werde er der Christenheit sehr gnädig und freundlich gegenüberstehen. Das hat seinen Bruder in Angst versetzt. Der machte dem Papst eine Offerte, die einzigartig war. Er schickte ihm die Lanze des Longinus und eine gewisse Summe an Geld, um zu sichern, dass der Bruder in Rom bleiben würde.
DOMRADIO.DE: Wie kann man sich die Präsentation nun während der Fastenzeit vorstellen?
Nersinger: Das ist eine sehr schöne Zeremonie. Drei Domherren von St. Peter begeben sich auf den Balkon, der den Pfeiler schmückt und zeigen den Gläubigen die Reliquie.
DOMRADIO.DE: Wie hat sich die Bedeutung der Lanze bei den ehemaligen Päpsten gezeigt?
Nersinger: Sie haben alle darauf geachtet, dass diese Zeremonie vollzogen wird. Aber ich habe in diesem Jahr beobachtet, dass es sehr feierlich war. Meistens ist der Kardinal-Erzpriester der Basilika nicht dabei, diesmal stand er jedoch unter dem Balkon in einer Schar von Gläubigen.
Deswegen scheint die Lanze wieder stärker in den Vordergrund zu rücken. Diese Verehrung ist eine Bindung an die Passionsgeschichte und ein Erspüren der Vergangenheit.
DOMRADIO.DE: Ist die Lanze echt?
Nersinger: Das ist die große Frage. Erst einmal muss man bedenken, dass es kein vollständiger Sperr ist. Es ist eine Teilreliquie. Die Spitze ist es. Es werden in der ganzen christlichen Welt Teile oder auch eine ganze Lanze aufbewahrt, so in Armenien, der Wiener Schatzkammer und früher auch in Paris.
Ob sie nun echt sind oder nicht, darüber denken die Römer sehr pragmatisch. Für sie ist das eine Art Erfassen der Vergangenheit, ein Mit-hinein-genommen-Werden in die Passionsgeschichte. Wie die Römer diesen Pragmatismus gefeiert oder zelebriert haben, kann man an einer hübschen Geschichte sehen, die im vergangenen Jahrhundert geschah.
Ein Streit entbrannte zwischen zwei Kirchen darüber, wer das Haupt eines bestimmten Heiligen hat. Der Vatikan entschied darüber. Man fragte die Unterlegene, was sie nun mit der Reliquie mache. Der Pfarrer antwortete: Jetzt stellen wir kleinere Kerzen davor.
Es ist ein sehr großer Pragmatismus, der das Ganze in ein Licht rückt, das man annehmen kann.
Das Interview führte Carsten Döpp.