Ein paar Stufen geht es im Paderborner Dom nach unten in die Brigidenkapelle. Dort befindet sich "memory", der Gedenkort für Opfer sexuellen und geistlichen Missbrauchs. "memory" ist ein überdimensionaler Tisch mit drehbaren Memory-Karten. Sie sollen den Skandal des Missbrauchs "aufdecken und erinnern". Zwei Frauen stehen davor, tauschen sich aus über das, was sie sehen. Sie kommen ins Gespräch mit Burkhardt Stutenz und Reinhold Harnisch von der Unabhängigen Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn.
Auf dem Weg nach draußen, sagt die eine Frau: "Ich war auch so eine.“ "Eine was?", fragt ihre Begleitung. „Auch mir ist das passiert – als junges Mädchen“, antwortet sie. „Wa…“ ihre Begleitung bleibt abrupt auf der Treppe stehen. „Ach je", sagt sie nur, nennt den Vornamen der Frau und schließt sie in ihre Arme.
Erzbischof Bentz bittet um Verzeihung
Es geht um Transparenz, Austausch und Begegnungen wie diese – auch bei der Pressekonferenz zur Einordnung der unabhängigen Studie zum Missbrauch wenig später, einige hundert Meter entfernt. Gleich zu Beginn machte der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz deutlich, dass es nicht um individuelles Fehlverhalten geht: "Es geht um institutionelles Versagen, denn Leid wurde verursacht und der Umgang damit hat das Leid verschlimmert".
Weiter bat er um Verzeihung und kündigte Konsequenzen an. Die Studie zeige, dass Vorfälle verharmlost und bagatellisiert worden seien, sagte Bentz am Freitag in Paderborn. "Es ist mir persönlich wichtig, um Verzeihung zu bitten." Vor allem Priester, aber auch andere Mitarbeitende im kirchlichen Dienst, hätten laut der Studie Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene missbraucht und seien schuldig geworden, sagte Bentz.
"Wir haben die Wahrheit gesagt"
Für den Sprecher der Betroffenenvertretung, Reinhold Harnisch, habe die Studie den von sexuellem Missbrauch Betroffenen ein Stück Würde zurückgegeben. "Diese Studie holt uns aus dem Dunkeln", sagte er und ergänzte: "Die Studie belegt: Wir haben die Wahrheit gesagt. Und das, was andere gesagt haben, war eben nicht die Wahrheit." Zugleich dankte er Erzbischof Bentz für die Bitte um Verzeihung. "Es fällt sicherlich etwas leichter, den Verantwortlichen, die versagt haben, zu verzeihen, wenn sie das Unrecht einsehen." Bei den Tätern sei das Verzeihen schwieriger.
Die am Donnerstag vorgestellte Studie der Universität Paderborn hatte ergeben, dass im Erzbistum Paderborn in den Jahren 1941 bis 2002 deutlich mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben als bisher bekannt. Demnach gibt es jetzt 210 Hinweise auf Beschuldigte, die 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen.
Laut dem Interventionsbeauftragten wurden bislang rund 200 Anträge bei der Kommission für Anerkennungsleistungen eingereicht, davon wurden 163 entschieden. Das Erzbistum habe 4,5 Millionen Euro an Anerkennungsleistungen gezahlt.
In der Studie untersucht wurden die Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1941–1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002). Die beiden Kardinäle hätten große Milde gegenüber den beschuldigten Priestern gezeigt, aber kein Verständnis für die Opfer, so die Autoren der Studie. Grundlage waren kirchliche Akten sowie gut 50 Interviews mit Betroffenen. Dabei ging es um das Verhalten von Verantwortlichen ebenso wie um die sozialen Verhältnisse in Pfarrgemeinden und Kommunen.
"Keine neuen Erkenntnisse" bezüglich Degenhardt
Am Donnerstag wurde zudem publik, dass der verstorbene Erzbischof Degenhardt selbst einen Jungen missbraucht haben soll. Burkhardt Stutenz, Vorstand der Unabhängigen Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, bestätigte im DOMRADIO.DE-Interview vor der Pressekonferenz am Freitagvormittag: "Wir haben diese Nachricht von einem Betroffenen bekommen, der sich bei uns dazu gemeldet hat", so Stutenz. Das Verfahren sei aber noch schwebend und es müsse nun die Plausibilität der Aussage geprüft werden, erklärt er weiter.
Laut Erzbischof Bentz seien die Vorwürfe allerdings bekannt. Sowohl der Interventionsbeauftragte als auch Professorin Nicole Prieschinges hätten deutlich gemacht, dass es dazu keine neuen Erkenntnisse gebe. "Im Oktober 2025 haben wir bereits alle Details sehr umfangreich öffentlich kommuniziert", erläutert Bentz gegenüber DOMRADIO.DE auf den Vorwurf bezogen. Damals sei die Resonanz sehr verhalten gewesen und habe jetzt im Zusammenhang mit der Studie noch einmal eine eigene Dynamik bekommen.
"Die bisherigen Hinweise sind in ihrer Quellenlage und auch in der Plausibilisierung durch externe Experten so dünn, dass wir derzeit von einer nicht hinreichenden Plausibilität der Vorwürfe ausgehen müssen", sagt Bentz weiter. Allerdings könne sich das in der nächsten Zeit ändern. Daher wolle man zeitnah und transparent über die Entwicklungen informieren. "Über alles was es gibt, ob plausibel oder nicht, werden wir sprechen und dies veröffentlichen", verspricht der Paderborner Erzbischof.
Über die Ergebnisse ins Gespräch kommen
Des Weiteren kündigte er eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Studie an. Auch die Priesterausbildung im Erzbistum soll auf den Prüfstand gestellt werden. Zudem wird es laut Bentz eine Bewertung der Studie gemeinsam mit der Unabhängigen Aufarbeitungskommission geben. Vorgesehen sind auch regionale Versammlungen in Dortmund, Schmallenberg und Rheda-Wiedenbrück. Dabei soll es die Möglichkeit zum Austausch mit Vertretern des Erzbistums sowie mit Mitgliedern der Betroffenenvertretung geben.
Bei der Zusammenarbeit mit dem Erzbistum wolle man hart, aber fair bleiben, so Reinhold Harnisch von der Betroffenenvertretung, denn es bleibe noch viel zu tun. Wichtig sei ihm weiter die enge Zusammenarbeit mit dem Erzbistum und den Betroffenen. "Warum nicht das Paderborner Modell zum Leuchtturm machen?“, stellt er offen in den Raum. Dies könne eine neue Zeit der Wahrheit, Klarheit, Verantwortung und des Miteinanders einleiten. Es zeigt sich: Die Studie und das "memory" sind für viele Betroffene – aber auch für den Paderborner Erzbischof – ein erster, aber wichtiger Anfang.