Die Kirche leidet laut Bernhard Nitsche nicht unter Priester-, sondern unter einem Ordinationsmangel. Der Münsteraner Fundamentaltheologe und Religionsphilosoph schrieb am Donnerstag auf dem theologischen Portal feinschwarz.net, die Debatte um Dienste und Ämter in der Kirche werde erheblich dadurch verzerrt, dass nicht von den Grundvollzügen und den dafür wichtigen Begabungen her gedacht werde.
Stattdessen sei die Debatte "von der Verteidigung der historisch gewachsenen Zulassungsbedingungen zur Ordination für eine auserwählte Kleriker-Klasse" angeleitet. Dadurch, dass für das Presbyteramt nur ehelos lebende Männer und für das Diakonenamt nur Männer zugelassen seien, entstehe ein "massiver und selbstschädigender Ordinationsmangel zu Lasten lebensfähiger und eucharistiewilliger Gemeinden", kritisiert Nitsche. Deshalb würden pastorale Transformationsprozesse priesterzentriert gestaltet. So müssten Bischöfe gewachsene Beziehungen und lokale Identitäten ihrer Gemeinden aufbrechen und in "anonymere und bindungsschwächere pastorale Räume" von 20.000 bis 100.000 Katholiken auflösen.
Amtsverständnis hinterfragen
Diesem Dilemma liegt laut Nitsche ein fragwürdiges Amtsverständnis zugrunde. Schließlich kenne das Christentum kein Kultpriestertum, das die Menschen in über- und untergeordnete Kategorien einteilt. Der Theologe betont: "In diesem Sinne sind alle Christ:innen der Gemeinde eine heilige Priesterschaft, die in ihrem christusgemäßen Lebensvollzug Gottes Zuwendung zu den Menschen bezeugen und in gottgemäßen Ebenbildhandlungen vergegenwärtigen soll."
Lediglich der amtliche Dienst in der Kirche sei hierarchisch strukturiert und differenziert in Diakonat, Presbyterat und Episkopat. Er bilanziert, so treffe der "Reichtum von ca. 1,4 Mrd. Priester:innen in der römisch-katholischen Kirche auf einen eklatanten Ordinationsmangel", der durch die Zulassungsbedingungen zur Weihe erzeugt werde.
Weiter erklärt der Theologe, in der Kirche könne es viele verschiedene Ämter geben, zu denen Mitarbeitende unterschiedlicher charismatischer Begabung und Expertise gehören könnten. Deshalb hätten alle gemäß der Teilhabe an der Sendung Jesu ein "Amt" inne, zu dem sie beauftragt würden, betont Nitsche.
Diese Ämter würden auf bestimmte Zeit "aufgrund von Wahl, Beauftragung oder Ordination" nebenberuflich, angestellt oder verbeamtet wahrgenommen. Dazu könnten laut dem Theologen der Pfarrsekretär gehören, genauso wie die geistlich profilierte Supervisorin, der gewählte Gemeinderat ebenso wie die Gemeinde- oder Pastoralreferentin oder der leitende Pfarrer.
"Presbyter" statt "Priester"
Angesichts des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen hält Nitsche den zumeist verwendeten Begriff des "Priesters" für das Weiheamt für ungeeignet. Der Begriff "Presbyter" bringe deutlicher zum Ausdruck:
"Nicht die Kirche als solche, aber der amtliche Dienst in der Kirche, differenziert in Diakonat, Presbyterat und Episkopat stellt eine in sich hierarchisch strukturierte Gemeinschaft dar." In der Kirche würden Menschen eigens geweiht, um zu sichern, dass die Grundvollzüge der Kirche (Leiturgia, Martyria und Diakonia) gelebt würden - sonst wäre die Kirche keine Kirche mehr.
Die Weihe zeige: Selbst dann, "wenn die individuelle Person im sakramental ordinierten Dienstamt am liebsten schweigen oder verschwinden oder ihren Dienst vermeiden möchte, hat sie diesen wahrzunehmen - um des Evangeliums willen und als Dienst für die Gemeinschaft der Christgläubigen", so Nitsche.