Theologe hält ein Drittes Vatikanum für keine Lösung aus Krise

"Was soll das werden? Ein Schauprozess?"

Ein neues Konzil ist für den Münchner Theologen Andreas Wollbold keine Antwort auf die Krise der Kirche. Es brauche aus seiner Sicht heute vor allem ein Schöpfen aus den Grundprinzipien des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Auszug der Bischöfe aus der Konzilsaula in der Peterskirche (1964) / © Ernst Herb (KNA)
Auszug der Bischöfe aus der Konzilsaula in der Peterskirche (1964) / © Ernst Herb ( KNA )

Für den Münchner Pastoraltheologen Andreas Wollbold ist ein Drittes Vatikanisches Konzil nicht der richtige Weg, um die Glaubenskrise zu überwinden. 

Heute gebe es weltweit mehr als 5.000 Bischöfe sowie zahlreiche Laien, Experten und Berater. "Was soll das werden? Ein Schauprozess?", sagte der Professor für Pastoraltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München in einem Interview der katholischen Wochenzeitung "Die Tagespost". Bereits bei den jüngsten Synoden in Rom habe sich gezeigt, dass ein gemeinsames Hören auf das Wort des Geistes "grenzwertig" sein könne.

Andreas Wollbold, Professor für Pastoraltheologie an der Universität München / © Regina M. Frey (KNA)
Andreas Wollbold, Professor für Pastoraltheologie an der Universität München / © Regina M. Frey ( KNA )

Ein solches Unterfangen könne er sich heute bei einem Konzil kaum vorstellen. Häufig machten jene Politik, die gut organisiert seien und die Fäden in der Hand hielten. "Das hat mit dem eigentlichen Geist eines Konzils, der auf Konsens und gemeinsames Zeugnis ausgerichtet ist, oft nicht mehr viel zu tun", so Wollbold. 

Zudem seien die Herausforderungen der Gegenwart andere als zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) vor rund 60 Jahren. Viele Konzilsväter seien noch im 19. Jahrhundert geboren worden und hätten sich die heutige Welt kaum vorstellen können. Deshalb brauche es heute vor allem ein Schöpfen aus den Grundprinzipien des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Weniger Dokumente und Beschlüsse

Die Glaubenskrise im Westen könne nicht einfach dem Konzil angelastet werden, betonte der Theologe. Vielmehr hätten globale Trends wie Wertewandel, Autoritätsverlust und sexuelle Revolution die Gesellschaft geprägt und auch die Kirche erfasst. Kritisch äußerte sich Wollbold zugleich zur Umsetzung einzelner Reformen nach dem Konzil, etwa in der Liturgie. Diese sei vielerorts zu abrupt und "top-down" erfolgt. Stattdessen hätte es mehr Zeit und behutsamere Schritte gebraucht.

Mit Blick auf aktuelle Debatten über Synodalität mahnte Wollbold zu begrifflicher Klarheit. Beratung könne in der Kirche gemeinsam erfolgen, Entscheidungen träfen letztlich jedoch die Bischöfe mit dem Papst. Laien hätten vor allem durch ihre "Weltkompetenz" eine wichtige Rolle, indem sie Erfahrungen aus Gesellschaft und Alltag in kirchliche Beratungsprozesse einbrächten. Entscheidend für die Zukunft der Kirche seien weniger neue Dokumente oder Konzilsbeschlüsse als das glaubwürdige Zeugnis der Gläubigen selbst.

Zweites Vatikanisches Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) war die bislang letzte beschlussfassende Versammlung aller Bischöfe der katholischen Weltkirche. Insgesamt rund 2.800 Konzilsväter debattierten im Petersdom darüber, wie die Kirche ihre Botschaft unter den Bedingungen der modernen Welt und von weltanschaulichem Pluralismus verkünden kann. Weitere Themen waren eine Reform von Liturgie und Priesterausbildung, die Einheit der Christen und die Aussöhnung von Kirche und Judentum.

II. Vatikanisches Konzil vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 / © N.N. (KNA)
II. Vatikanisches Konzil vom 11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 / © N.N. ( KNA )
Quelle:
KNA