Mehr als 60 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sieht der Wiener Kirchenhistoriker Thomas Prügl keinen Bedarf für eine weitere weltweite Kirchenversammlung. "Das dritte Vatikanum sehe ich nicht am Horizont", sagte er im Interview mit dem Wiener "Sonntag". Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) habe "theologisch so viel mitgegeben, dass die Kirche in der Aneignung desselben noch sehr gut beschäftigt ist und davon noch sehr stark zehren könnte". Es brauche weiterhin "eine intensive Beschäftigung mit den Texten des Vatikanum II".
Die Erwartungen an ein neues Konzil würden stark von einer modernen europäischen Kirche getragen, so Prügl. In anderen Teilen der Welt werde dessen Notwendigkeit weniger dringend gesehen. "Umgekehrt nehmen wir Europäer in unserer Kirchenkrise nicht wahr, was die Realität der Kirche etwa in afrikanischen Ländern ist oder welche die Probleme der Kirche in südamerikanischen Ländern sind", betonte der Historiker.
Erwartungen Europas und der Welt
Zur synodalen Entscheidungsfindung in der Kirche sagte Prügl: "Ich gehe nicht so weit, zu sagen, dass der Herr Jesus Christus, der die Kirche gestiftet hat, gesagt hat: Ihr müsst regelmäßig Synoden feiern. Aber schon die Apostel in der Apostelgeschichte haben sich regelmäßig beraten und Entscheidungen getroffen. Diese wurden niemals sozusagen im Hinterzimmer ausverhandelt, sondern das geschah kollegial und mit Versammlungen, die auch später als solche dargestellt worden sind."
Prügl stammt aus Deutschland. Er studierte in München und Rom Theologie. Seit 2008 ist er Professor für Kirchengeschichte in Wien.