Jesuit Rutishauser mit Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet

"Das Verhältnis zum Judentum ist kein Randthema"

Der Jesuit und Judaist Christian Rutishauser wird in Köln mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt. Im Interview spricht er über Antisemitismus, das Verhältnis von Christen und Juden und warnt vor einfachen Antworten im Nahostkonflikt.

Autor/in:
Johannes Schröer
Kippa und Kreuz / © Harald Oppitz (KNA)
Kippa und Kreuz / © Harald Oppitz ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie gelten als einer der wichtigen Experten für den jüdisch-christlichen Dialog und beraten unter anderem Bischöfe in Deutschland und der Schweiz. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Pater Dr. Christian Rutishauser SJ / © Christof Wolf SJ (privat)
Pater Dr. Christian Rutishauser SJ / © Christof Wolf SJ ( privat )

Christian Rutishauser SJ (Jesuit und Judaist für den christlichen-jüdischen Dialog): Ich war zunächst überrascht, weil ich damit nicht gerechnet habe. Gleichzeitig habe ich mich sehr gefreut. Martin Buber und Franz Rosenzweig sind mir als Philosophen und Theologen sehr nah. Ich habe mich schon vor Jahren intensiv mit ihnen beschäftigt und lehre heute wieder zu ihren Gedanken. 

Außerdem sehe ich die Auszeichnung als Anerkennung für die Arbeit im jüdisch-christlichen Dialog, die ich auch für die Bischofskonferenz und den Heiligen Stuhl leiste. 

Und sie zeigt, dass man über Deutschland hinausblickt. Ich komme aus der Schweiz, und dort wird das Verhältnis zwischen Juden und Christen aufgrund der Geschichte etwas anders wahrgenommen als hier in Deutschland.

DOMRADIO.DE: Die Kirchen haben in diesem Verhältnis viel aufzuarbeiten. Der christliche Anti-Judaismus hat historisch auch zum Antisemitismus beigetragen. Wie bewusst ist sich die Kirche dieses Erbes?

Rutishauser: In Deutschland sehr stark. In den großen Kirchen ist sehr viel geleistet worden, und ich bin beeindruckt, was auch die Gesellschaft hier in den vergangenen Jahren geschafft hat. In der Mainstream-Kirche ist der Anti-Judaismus als aktive Aggression gegenüber dem Judentum überwunden. Aber einige Denkmuster sind zurückgeblieben und es gibt immer noch eine tiefe Abwertung des Jüdischen. 

Es ist noch keine positive Lehre, keine positive Sicht an die Stelle des alten Anti-Judaismus getreten. In diesem Sinne ist zwar vieles überwunden, aber es gibt auch eine Leerstelle. Deshalb muss ein positives, aktives Verhältnis zum Judentum auf Glaubensebene und auch gesellschaftlich noch stärker in der Kirche verankert werden. Und da haben wir noch viel Arbeit vor uns. 

Buber-Rosenzweig-Medaille / © Mathias Ernert (epd)
Buber-Rosenzweig-Medaille / © Mathias Ernert ( epd )

DOMRADIO.DE: Der Antijudaismus hat sich über Jahrhunderte entwickelt. Erst das Zweite Vatikanische Konzil brachte einen entscheidenden Wandel. Wie kann diese positive Beziehung heute weiter gestärkt werden?

Rutishauser: Wichtig ist, das jüdisch-christliche Verhältnis nicht als Randgebiet zu behandeln. Es reicht nicht, Gottesdienst zu feiern, über Christus nachzudenken und die Evangelien zu lesen – und erst danach noch ein bisschen über das Judentum zu sprechen.

Das Verhältnis zum Judentum ist ein Querschnittsthema. Es betrifft alle Bereiche des Christseins: die Liturgie, den Glauben an Jesus Christus, das Verständnis von Kirche und auch die Kirchengeschichte. Dieses Thema muss überall mitgedacht werden.

Christian Rutishauser SJ

"Der aggressive Antisemitismus hat deutlich zugenommen." 

DOMRADIO.DE: Seit dem Terrorangriff der Hamas 2023 und dem folgenden Krieg im Gazastreifen wird wieder verstärkt über Antisemitismus gesprochen. Ist das Leben für Juden in Europa gefährlicher geworden?

Rutishauser: Auf jeden Fall ist es gefährlicher geworden. Der aggressive Antisemitismus hat deutlich zugenommen. Das zeigt sich in vielen Bereichen der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es wichtig zu sehen, dass Antisemitismus unterschiedliche Formen hat. Früher gab es stärker rechten Antisemitismus oder christlichen Anti-Judaismus. Heute beobachten wir auch Formen von Antisemitismus im linken politischen Spektrum. 

Die Kirche erreicht viele dieser Milieus gar nicht mehr direkt. Trotzdem hat sie Verantwortung, sich klar zu positionieren und gesellschaftlich aufklärend zu wirken.

DOMRADIO.DE: Oft wird zwischen Antisemitismus und Kritik an der Politik Israels unterschieden. Wie kann diese Differenzierung gelingen?

Rutishauser: Antisemitismus, Judenhass und Anti-Judaismus sind sehr vielschichtige Phänomene. Es ist gut, dass man hier genau unterscheidet. Gleichzeitig sind die Übergänge oft fließend. Antisemitismus kann religiöse, rassistische oder politische Gründe haben – die Motive sind sehr unterschiedlich.

Christian Rutishauser SJ

"Menschen haben Ängste, und die eigene Identität zu finden ist nicht einfach."

DOMRADIO.DE: Wo liegen aus Ihrer Sicht die tieferen Ursachen?

Rutishauser: Wichtig ist Bildung. Aber man muss auch sehen, dass hinter Antisemitismus oft tiefere gesellschaftliche und psychologische Ursachen stehen. Menschen haben Ängste, und die eigene Identität zu finden ist nicht einfach. 

Wenn die Welt zu komplex erscheint, suchen manche nach einfachen Erklärungen. Dann entstehen schnell Verschwörungstheorien und ein Sündenbockmechanismus – und der richtet sich in unserer Gesellschaft häufig gegen Juden.

Darum braucht es eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung: durch Bildung, durch Kultur und durch den offenen Dialog.

DOMRADIO.DE: Gleichzeitig wird auch über die Politik Israels intensiv diskutiert. Wie sollte man damit umgehen?

Christian Rutishauser SJ

"Wichtig ist nur, einfache Schwarz-Weiß-Urteile zu vermeiden."

Rutishauser: Das jüdische Volk hat mit dem Staat Israel wieder politische Selbstbestimmung erhalten. Das ist eine große Errungenschaft des 20. Jahrhunderts und sollte geschützt werden. Natürlich kann man politische Entscheidungen der israelischen Regierung auch kritisch sehen – das tun die Menschen in Israel ja selbst.

Wichtig ist nur, einfache Schwarz-Weiß-Urteile zu vermeiden. Wer über den Nahostkonflikt spricht, muss versuchen, die historischen, politischen und religiösen Hintergründe zu verstehen. Nur so kann ein sachlicher und vernünftiger Diskurs entstehen.

DOMRADIO.DE: Seit dem vergangenen Wochenende hat sich die Lage im Nahen Osten weiter zugespitzt – besonders im Konflikt zwischen dem Iran und Israel. Welche Rolle spielt dabei die Religion?

Rutishauser: Der Vatikan ist hier sehr klar. Papst Franziskus und auch Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin betonen immer wieder: Religion darf nicht für politische oder wirtschaftliche Zwecke instrumentalisiert werden. Extremistische und fundamentalistische Strömungen richten großen Schaden an.

Gleichzeitig spielt Religion im Nahen Osten eine öffentliche Rolle und hat auch politischen Einfluss. Es wäre naiv zu glauben, man könne Religion einfach ausblenden und damit die Probleme lösen.

DOMRADIO.DE: Sie sagen aber auch, dass der Konflikt nicht nur religiös zu erklären ist.

Christian Rutishauser SJ

"Historisch gab es etwas Ähnliches schon einmal."

Rutishauser: Im Vorderen Orient geht es nicht nur um den israelisch-palästinensischen Konflikt. Dahinter stehen auch weltpolitische Interessen und geopolitische Strategien.

Historisch gab es etwas Ähnliches schon einmal: In Europa stand lange das Judentum im Zentrum vieler politischer und gesellschaftlicher Konflikte. Viele Menschen glaubten damals, es gebe eine Art "Judenfrage", und wenn man diese löse, würden auch die übrigen Probleme verschwinden.

Heute sehen wir etwas Vergleichbares: Der Staat Israel steht oft im Zentrum geopolitischer Auseinandersetzungen. Manche Naive glauben, dass der Staat Israel alles Schuld wäre, und wenn dieses Problem gelöst wäre, würden auch andere Konflikte verschwinden. Aber das ist eine viel zu einfache Sicht. Die Situation ist deutlich komplexer – und das zeigt sich gerade auch im aktuellen Konflikt mit dem Iran.

DOMRADIO.DE: Sie warnen also vor einfachen Lösungen und vor vorschnellen Urteilen.

Rutishauser: Ja. Naivität oder mangelnde Bildung sind nicht einfach Unschuld. Wir haben die Aufgabe, uns zu bilden und uns ernsthaft mit den Konflikten auseinanderzusetzen.

Christian Rutishauser SJ

"Der Dialog ist die eigentliche Alternative zur Gewalt."

Es geht darum, internationale Ordnung zu stärken, Menschenrechte zu schützen und humanitäre Fragen zu lösen. Der Dialog – im ursprünglichen Sinn des Wortes, also durch Gespräch und Vernunft – ist die eigentliche Alternative zur Gewalt.

Deshalb muss alles versucht werden, um Konflikte auf diesem Weg zu lösen. Krieg darf wirklich nur das letzte Mittel sein, wenn gar nichts anderes mehr möglich ist.

DOMRADIO.DE: Welche Verantwortung haben Christen in dieser Situation?

Rutishauser: Christen sind hier in einer besonderen Lage. Auf der einen Seite fühlen wir uns den christlichen Gemeinden im Nahen Osten verbunden, etwa den Kirchen unter den Palästinensern in den arabischen Ländern. Auf der anderen Seite haben wir auch eine große Verantwortung gegenüber Israel und dem jüdischen Volk, mit dem wir eng verbunden sind.

Zugleich begegnen Christen auch dem Islam mit Wertschätzung als Religion und Kultur – selbst wenn er manchmal politisch instrumentalisiert wird.

Und darüber hinaus haben Christen immer eine Verantwortung gegenüber allen Menschen guten Willens. In dieser Situation geht es darum, einen klaren Kompass zu behalten und für die Botschaft des Evangeliums einzutreten. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Die Buber-Rosenzweig-Medaille

Die Buber-Rosenzweig-Medaille gehört zu den wichtigsten Auszeichnungen im christlich-jüdischen Dialog in Deutschland. Sie wird seit 1968 vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit verliehen. Mit der Ehrung werden Persönlichkeiten oder Initiativen gewürdigt, die sich in besonderer Weise für Verständigung, Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen Juden und Christen einsetzen.

Buber-Rosenzweig-Medaille / © Nicolas Armer (dpa)
Buber-Rosenzweig-Medaille / © Nicolas Armer ( dpa )
Quelle:
DR

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