DOMRADIO.DE: Wie beeinflusst der aktuelle Krieg im Mittleren und Nahen Osten das Purim-Fest heute?
Abraham Lehrer (Mitglied des Vorstandes der Synagogen-Gemeinde Köln): Wir denken intensiv an unsere Bekannten, Freunde und Verwandten in Israel, die unter dauerndem Raketenalarm leiden und immer von der Wohnung in den Bunker oder von der Arbeitsstätte in den Bunker laufen müssen. Aber wir werden auch ganz fröhlich unser Purimfest feiern.
DOMRADIO.DE: Das Fest erinnert an die Rettung der Juden in Persien im fünften Jahrhundert vor Christus und ist eine Mischung aus großer Freude, aber auch Nachdenklichkeit. Was überwiegt und wie feiern Sie heute in Köln?
Lehrer: Wir haben gestern Abend begonnen, die Geschichte der Königin Esther und der Errettung der jüdischen Gemeinschaft vorzulesen. Beim Erzählen der Geschichte wird jedes Mal, wenn der Name des bösen Ministers Hamann erwähnt wird, viel Krach gemacht – vor allen Dingen durch die Kinder, die mit Geräten und Trommeln viel Krach machen, um den Namen zu verunglimpfen.
DOMRADIO.DE: Ist Purim ein Fest für Jung und Alt?
Lehrer: Auf jeden Fall. Die Erwachsenen wissen, was es bedeutet, so eine Geschichte exemplarisch aus der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft vorzulesen. Über die Jahrtausende hinweg feiern wir, dass die Juden mit Gottes Hilfe vor der Vernichtung errettet worden sind.
Der Großwesir – wir würden heute wahrscheinlich Premierminister des Persischen Reiches sagen – hatte aus persönlichen Gründen eine Feindschaft gegen die Juden. Er beschloss, sie zu vernichten. Aber Königin Esther hat ihr Leben eingesetzt, um das jüdische Volk zu retten. Sie hat es hinbekommen, dass der Beschluss des Königs abgeändert wurde. Die Juden durften sich am Tag der geplanten Vernichtung wehren und konnten so überleben.
DOMRADIO.DE: Was bedeutet Ihnen persönlich das Fest und die Geschichte?
Lehrer: Es ist eines der schönsten Feste, weil wir uns verkleiden und gemeinschaftlich feiern. Jung und Alt feiert gemeinsam dieses Fest der Befreiung. Für mich ist es ein Fest, an das ich mich aus meiner Kindheit sehr gerne erinnere. Natürlich stand damals das Verkleiden im Vordergrund und nicht die Geschichte der Königin Esther.
Trotzdem war die Situation, dass beim Lesen der Geschichte Krach gemacht wurde, wenn der Name Hamann fiel, etwas Besonderes. Das gibt es sonst im Judentum nicht.
Das Interview führte Carsten Döpp.