Ausstellung mit Vorträgen ehrt Hildegard von Bingen in Köln-Longerich

"Eine zarte und sprachgewaltige Frau"

In der Fastenzeit widmet die Dionysius-Pfarrei in Köln-Longerich Hildegard von Bingen eine Ausstellung. Die Visionärin, Kirchenlehrerin und Heilkundige, die bis heute Grenzen überwindet, wird so zum Vorbild für Mut und Glauben.

Autor/in:
Debora Flock
Bronzeskulptur der Heiligen Hildegard von Bingen / © Rainer Oettel (epd)
Bronzeskulptur der Heiligen Hildegard von Bingen / © Rainer Oettel ( epd )

DOMRADIO.DE: In Ihrer Pfarrei läuft an diesem Sonntag eine Aktion zu Fastenzeit an. Was ist dieses Jahr geplant?

Pfarrer Temur Johannes Bagherzadeh (Pfarrer in Longerich und Lindweiler sowie Pfarrverweser im Pfarrverband Mauenheim-Niel-Weidenpesch): Jedes Jahr bemühen wir uns, mit einer Ausstellung in der Fastenzeit einen Schwerpunkt zu setzen. Wir wollen uns von den reichhaltigen Impulsen anregen lassen, die wir in der Schrift und Tradition der Kirche finden. Diesmal nehmen wir die beeindruckende Heilige Hildegard von Bingen in den Blick.

DOMRADIO.DE: Warum genau Hildegard von Bingen?

Bagherzadeh: Bei ihr beeindruckt mich besonders die Vielseitigkeit ihres Lebenswerks. Es gibt 15 Ausstellungstafeln. Das zeigt, unter wie vielen Aspekten ihr Leben betrachtet werden kann. Sie war Kirchenlehrerin, Visionärin, Heilkundige und Mahnerin. 

Bildnis von Hildegard von Bingen am Altar der Rochuskapelle in Bingen (KNA)
Bildnis von Hildegard von Bingen am Altar der Rochuskapelle in Bingen / ( KNA )

Sie hat eine große Aktualität. Viele haben vielleicht gar nicht mitbekommen, dass sie erst 2012 von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen wurde. Persönlich interessiert mich besonders ihre Bedeutung für die Neuevangelisierung unserer Tage.

DOMRADIO.DE: Ist die Wahl auch deshalb auf Hildegard von Bingen gefallen, weil sie Menschen anspricht, die sonst nicht oder nur selten in die Kirche gehen?

Bagherzadeh: Da bin ich mir ganz sicher. Viele haben das Bild von ihr, dass sie eine besonders gelehrte und sprachgewaltige Frau war. Wenn man sich aber in ihr Werk vertieft, zeigt sich, dass sie von den Zeitzeugen ganz anders beschrieben wurde: als zart, scheu, selbst mit Krankheit vertraut und gehbehindert. 

Woher hatte sie also die Kraft zu so einem umfangreichen Lebenswerk? Es wäre verständlich gewesen, wenn sie als Ordensfrau eher zurückgezogen gelebt hätte. Letztlich hat die Treue zu Christus sie bewegt, gegen all diese Einschränkungen und Grenzen ihrer Zeit anzugehen. Gerade als Frau hat sie einen besonderen Willen gezeigt.

Hildegard von Bingen

"Menschenfurcht darf einen Menschen nicht hindern, auszusprechen, was Gottes Wille ist."

DOMRADIO.DE: Ist Hildegard von Bingen ein Vorbild für Frauen?

Bagherzadeh: Auf jeden Fall, und auch für unsere heutige Zeit. Sie zeigt uns, nicht zu klein von uns zu denken. Ein Wort von ihr ist: "Menschenfurcht darf einen Menschen nicht hindern, auszusprechen, was Gottes Wille ist." Das ist sehr ermutigend für unsere Zeit, in der so wenig über Glauben und Kirche gesprochen wird.

Verziertes Notenblatt mit Quadratnoten / © Thoom (shutterstock)
Verziertes Notenblatt mit Quadratnoten / © Thoom ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Welche Rolle haben Hildegards Gesänge in der Ausstellung?

Bagherzadeh: Hildegard hat unglaublich viel geschrieben, aber vielen ist gar nicht bekannt, dass sie auch gedichtet und komponiert hat. Ihre Lieder sind ein besonderer Ausdruck ihres Wirkens. Am Sonntag wird bei der Eröffnungsmesse in Sankt Dionysius die Musikwissenschaftlerin und Kantorin Dr. Ursula Wilhelm da sein. 

Ich freue mich sehr auf den Moment, wenn diese Lieder zum Klingen kommen. Sie sind wie eine besondere Einladung und ein Vorgeschmack auf den kommenden Osterjubel.

DOMRADIO.DE: Haben Sie persönlich ein Highlight der Ausstellung?

Pfarrer Temur J. Bagherzadeh hat mit der Kofferausstellung sich und die Gemeinde in einen Dialog miteinander gebracht.
Pfarrer Temur J. Bagherzadeh hat mit der Kofferausstellung sich und die Gemeinde in einen Dialog miteinander gebracht.
Pfarrer Temur J. Bagherzadeh bei der letzten Ausstellung in seiner Pfarrei 2019

Bagherzadeh: Ein großes Anliegen ist es, möglichst alle Bereiche der Gemeinden anzusprechen. Von der Kita über die Schulkinder und Jugendlichen, über unsere Einrichtungen und natürlich im Fall von Hildegard von Bingen auch im Gesundheitsbereich. 

Wir konnten Professor Dr. Lothar Burghaus aus dem Heilig Geist-Krankenhaus gewinnen. Er ist Chefarzt der Neurologie und wird uns im Gespräch mit der Klinikseelsorgerin Beate Schultes die Bedeutung des Glaubens für Leib und Seele erklären.

DOMRADIO.DE: Es wird während der Ausstellung verschiedene Impulsvorträge geben und auch das Angebot des gemeinsamen Fastens. Was hat es damit auf sich?

Bagherzadeh: Diese Tage der Fastenzeit empfinde ich als sehr wichtig. Nicht nur als Vorbereitung auf Ostern, sondern auch für den Blick auf das eigene Leben. Das gelingt einigen, wenn sie sich persönlich auf den Weg machen, und anderen nicht. Gerade solche Betrachtungen fallen leichter, wenn wir sie in Gemeinschaft unternehmen. 

Symbolbild Fasten / © Billion Photos (shutterstock)

Mir geht es zumindest beim Fasten so. Dann ist es besonders gut, diese Zeit mit anderen zu teilen. Am Ende des Tages kommt eine Gruppe mit allen, die das möchten, zusammen und sie machen sich gemeinsam auf diesen Weg. Es wird eine Woche "Fasten in Gemeinschaft" geben, in der jeder Abend gestaltet ist mit einem der sieben Werke der Leiblichen Barmherzigkeit. Das erste ist zum Beispiel "Die Hungernden sättigen".

Das Interview führte Debora Flock. 

Hildegard von Bingen

Die heilige Hildegard von Bingen war eine der bedeutendsten Frauen des Mittelalters. Ihr genaues Geburtsdatum ist nicht überliefert; doch geht die Forschung davon aus, dass sie 1098 im rheinhessischen Bermersheim zur Welt kam. Schon mit acht Jahren übergaben ihre Eltern die Tochter zur Erziehung an Jutta von Sponheim, die sich bei der Benediktinerabtei Disibodenberg an der Nahe (Rheinpfalz) niedergelassen hatte.

Bildnis von Hildegard von Bingen am Altar der Rochuskapelle in Bingen (KNA)
Bildnis von Hildegard von Bingen am Altar der Rochuskapelle in Bingen / ( KNA )
Quelle:
DR

Die domradio- und Medienstiftung

Unterstützen Sie lebendigen katholischen Journalismus!

Mit Ihrer Spende können wir christlichen Werten eine Stimme geben, damit sie auch in einer säkulareren Gesellschaft gehört werden können. Neben journalistischen Projekten fördern wir Gottesdienstübertragungen und bauen über unsere Kanäle eine christliche Community auf. Unterstützen Sie DOMRADIO.DE und helfen Sie uns, hochwertigen und lebendigen katholischen Journalismus für alle zugänglich zu machen!

Hier geht es zur Stiftung!