DOMRADIO.DE: In Ihrer Pfarrei läuft an diesem Sonntag eine Aktion zu Fastenzeit an. Was ist dieses Jahr geplant?
Pfarrer Temur Johannes Bagherzadeh (Pfarrer in Longerich und Lindweiler sowie Pfarrverweser im Pfarrverband Mauenheim-Niel-Weidenpesch): Jedes Jahr bemühen wir uns, mit einer Ausstellung in der Fastenzeit einen Schwerpunkt zu setzen. Wir wollen uns von den reichhaltigen Impulsen anregen lassen, die wir in der Schrift und Tradition der Kirche finden. Diesmal nehmen wir die beeindruckende Heilige Hildegard von Bingen in den Blick.
DOMRADIO.DE: Warum genau Hildegard von Bingen?
Bagherzadeh: Bei ihr beeindruckt mich besonders die Vielseitigkeit ihres Lebenswerks. Es gibt 15 Ausstellungstafeln. Das zeigt, unter wie vielen Aspekten ihr Leben betrachtet werden kann. Sie war Kirchenlehrerin, Visionärin, Heilkundige und Mahnerin.
Sie hat eine große Aktualität. Viele haben vielleicht gar nicht mitbekommen, dass sie erst 2012 von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen wurde. Persönlich interessiert mich besonders ihre Bedeutung für die Neuevangelisierung unserer Tage.
DOMRADIO.DE: Ist die Wahl auch deshalb auf Hildegard von Bingen gefallen, weil sie Menschen anspricht, die sonst nicht oder nur selten in die Kirche gehen?
Bagherzadeh: Da bin ich mir ganz sicher. Viele haben das Bild von ihr, dass sie eine besonders gelehrte und sprachgewaltige Frau war. Wenn man sich aber in ihr Werk vertieft, zeigt sich, dass sie von den Zeitzeugen ganz anders beschrieben wurde: als zart, scheu, selbst mit Krankheit vertraut und gehbehindert.
Woher hatte sie also die Kraft zu so einem umfangreichen Lebenswerk? Es wäre verständlich gewesen, wenn sie als Ordensfrau eher zurückgezogen gelebt hätte. Letztlich hat die Treue zu Christus sie bewegt, gegen all diese Einschränkungen und Grenzen ihrer Zeit anzugehen. Gerade als Frau hat sie einen besonderen Willen gezeigt.
DOMRADIO.DE: Ist Hildegard von Bingen ein Vorbild für Frauen?
Bagherzadeh: Auf jeden Fall, und auch für unsere heutige Zeit. Sie zeigt uns, nicht zu klein von uns zu denken. Ein Wort von ihr ist: "Menschenfurcht darf einen Menschen nicht hindern, auszusprechen, was Gottes Wille ist." Das ist sehr ermutigend für unsere Zeit, in der so wenig über Glauben und Kirche gesprochen wird.
DOMRADIO.DE: Welche Rolle haben Hildegards Gesänge in der Ausstellung?
Bagherzadeh: Hildegard hat unglaublich viel geschrieben, aber vielen ist gar nicht bekannt, dass sie auch gedichtet und komponiert hat. Ihre Lieder sind ein besonderer Ausdruck ihres Wirkens. Am Sonntag wird bei der Eröffnungsmesse in Sankt Dionysius die Musikwissenschaftlerin und Kantorin Dr. Ursula Wilhelm da sein.
Ich freue mich sehr auf den Moment, wenn diese Lieder zum Klingen kommen. Sie sind wie eine besondere Einladung und ein Vorgeschmack auf den kommenden Osterjubel.
DOMRADIO.DE: Haben Sie persönlich ein Highlight der Ausstellung?
Bagherzadeh: Ein großes Anliegen ist es, möglichst alle Bereiche der Gemeinden anzusprechen. Von der Kita über die Schulkinder und Jugendlichen, über unsere Einrichtungen und natürlich im Fall von Hildegard von Bingen auch im Gesundheitsbereich.
Wir konnten Professor Dr. Lothar Burghaus aus dem Heilig Geist-Krankenhaus gewinnen. Er ist Chefarzt der Neurologie und wird uns im Gespräch mit der Klinikseelsorgerin Beate Schultes die Bedeutung des Glaubens für Leib und Seele erklären.
DOMRADIO.DE: Es wird während der Ausstellung verschiedene Impulsvorträge geben und auch das Angebot des gemeinsamen Fastens. Was hat es damit auf sich?
Bagherzadeh: Diese Tage der Fastenzeit empfinde ich als sehr wichtig. Nicht nur als Vorbereitung auf Ostern, sondern auch für den Blick auf das eigene Leben. Das gelingt einigen, wenn sie sich persönlich auf den Weg machen, und anderen nicht. Gerade solche Betrachtungen fallen leichter, wenn wir sie in Gemeinschaft unternehmen.
Mir geht es zumindest beim Fasten so. Dann ist es besonders gut, diese Zeit mit anderen zu teilen. Am Ende des Tages kommt eine Gruppe mit allen, die das möchten, zusammen und sie machen sich gemeinsam auf diesen Weg. Es wird eine Woche "Fasten in Gemeinschaft" geben, in der jeder Abend gestaltet ist mit einem der sieben Werke der Leiblichen Barmherzigkeit. Das erste ist zum Beispiel "Die Hungernden sättigen".
Das Interview führte Debora Flock.