Missbrauchs-Studie bescheinigt Franziskanern Totalversagen

Unverzeihliches Desinteresse

Als einer der ersten großen katholischen Orden in Deutschland legen die Franziskaner eine wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in ihren Reihen vor. Forscher und Betroffene sagen, dass dies viel zu spät ist.

Autor/in:
Christoph Renzikowski
Symbolbild Franziskaner am Beten. (KNA)
Symbolbild Franziskaner am Beten. / ( KNA )

Opfer ignoriert, Täter gedeckt, Aufarbeitung verschleppt - die deutschen Franziskaner haben ein Komplettversagen im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Bei der Vorstellung einer 450 Seiten starken Aufarbeitungsstudie bat Provinzialminister Markus Fuhrmann auf einer Pressekonferenz am Mittwoch in München alle Betroffenen um Vergebung "für die entsetzlichen Taten". Ein Verschweigen solcher Verbrechen "darf es nie wieder geben".

Vier Prozent Tatverdächtige

In der wissenschaftlichen Studie ermittelten Sozialpsychologen vom IPP-Institut in München mehr als 100 Betroffene sexualisierter Gewalt seit 1945. Als Tatverdächtige seien 98 Ordensmänner namentlich identifiziert worden. Dies entspreche bei einer Gesamtzahl von 2.500 Franziskanern im Betrachtungszeitraum einer Quote von vier Prozent. Das Dunkelfeld sei "um ein Vielfaches größer", betonte Studienautor Peter Caspari.

Für die Standorte Vossenack, Ottbergen, Dorsten (alle in Nordrhein-Westfalen) sowie Vlodrop in den Niederlanden liegen den Forschern Hinweise auf jahrelange sexualisierte Gewalt an Jungen vor. Bei der Hälfte aller dokumentierten Vorgänge handle es sich um schwere Fälle.

"Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte", erläuterte Caspari. Bis 2011 hätten sich Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion gegen einen Täter proaktiv veranlasst worden. Insgesamt habe der Prozess der Aufarbeitung "viel zu spät" begonnen.

"Intensive Verhöre präpubertärer Jungen"

Als eine spezifische, pathologische Variante spirituellen Missbrauchs beschreibt die Studie "intensive Verhöre präpubertärer Jungen zu ihrer Sexualität". Aber auch junge Frauen, die sich in der Kirche hätten engagieren wollen, seien manipuliert und in sexuelle Beziehungen verwickelt worden. Die damit verbundene Scham habe Betroffene teils ihr ganzes Leben lang in ihren Paarbeziehungen beeinträchtigt.

Die IPP-Forscher empfehlen der Ordensleitung, eine Erinnerungskultur auf Ebene der Provinz wie an betroffenen Standorten zu etablieren. Die Klarnamen der Beschuldigten sollten zumindest intern kommuniziert werden, wenn die Vorwürfe fundiert und schwerwiegend seien. Dabei sei mit Widerständen und erleugnungen zu rechnen. Die heutige deutsche Franziskanerprovinz zählt nach eigenen Angaben noch 180 Mitglieder.

Was Betroffene sagen

Stellvertretend für andere Betroffene nahm der ehemalige Vossenacker Internatsschüler Achim Görke die Vergebungsbitte der Franziskaner "zur Kenntnis". Unverzeihlich bleibe, dass in Vossenack viele Ordensmitglieder Bescheid gewusst, aber bis in höchste Kreise hinein geschwiegen hätten, sagte er.

Peter Krosch, auch ein ehemaliger Schüler in Vossenack, fügte hinzu, es mache ihn noch immer fassungslos, dass sich in seiner Schulzeit alle Ordensangehörigen weggeduckt hätten. Die lange Zeit vorherrschende Trägheit habe inzwischen viele Betroffene der Chance beraubt, das Erlebte besser verarbeiten zu können. So sei es ihnen nach dem Tod "ihrer" Täter nicht mehr möglich, diese mit ihren Verbrechen zu konfrontieren.

Was ein Täter "bereut"

Während der Arbeit an der Studie sind eine Reihe Tatverdächtiger gestorben, so die Auskunft der Forscher. So habe nur einer von ihnen noch interviewt werden können. Diese Person habe "Reue gezeigt", sagte Peter Caspari. Er habe von "inneren Konflikten" erzählt, aber nicht verstanden, dass es um sexualisierte Gewalt gegangen sei. "Er hat bedauert, dass er sein Gelübde der Ehelosigkeit nicht einhalten konnte."

Franziskaner

Der heilige Franz von Assisi (1181/82-1226) gründete zwischen 1210 und 1220 den Orden der Franziskaner, der sich bis heute auf vielen Gebieten für Gerechtigkeit und Frieden einsetzt. Mit Suppenküchen und Kleiderkammern helfen die Patres und Brüder Menschen in Not. Außerdem leisten sie Seelsorge in Gefängnissen, Altenheimen und Krankenhäusern. In Initiativen und Menschenrechtsgruppen engagieren sich Franziskaner für Umweltschutz und eine gerechtere Wirtschaft.

Orden der Franziskaner / © Dr. Gilad Fiskus (shutterstock)
Orden der Franziskaner / © Dr. Gilad Fiskus ( shutterstock )
Quelle:
KNA