Die Menschen in Gaza brauchen dringend Zukunftsaussichten, sagt Bill O'Keefe. Er ist Vizepräsident für Regierungsbeziehungen und Interessenvertretung des Hilfswerks "Catholic Relief Services" (CRS) in Zentrale in Baltimore (USA) und gehört zu den wenigen, die den Gazastreifen seit Kriegsbeginn besuchen konnten. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er über einen Waffenstillstand, der eigentlich keiner ist, und über ein Ausmaß der Zerstörung, das jede Vorstellung übersteigt.
KNA: Herr O'Keefe, wie kommt man eigentlich nach Gaza, das seit dem 7. Oktober 2023 quasi unerreichbar ist?
Bill O'Keefe (Vizepräsident für Regierungsbeziehungen und Interessenvertretung des Hilfswerks "Catholic Relief Services" (CRS)): Die Einreise ist kompliziert. Wenn man eine Erlaubnis erhalten hat, muss man zunächst nach Amman. Von dort reist man frühmorgens in einem Bus wieder nach Israel. Ab der israelischen Grenze begleiten israelische Sicherheitskräfte den Bus bis zum Übergang Kerem Schalom im Süden des Gazastreifens.
Die Beschränkungen für Dinge, die eingeführt werden dürfen, sind streng: nur der persönliche Computer, das persönliche Telefon und eine festgelegte, niedrige Geldsumme. Die Kontrollen sind scharf, die Wartezeiten lang. Dann fährt man auf einer vom israelischen Militär genehmigten Route durch den Philadelphi-Korridor entlang der Grenze zu Ägypten bis zu einem Übergabepunkt, wo man von jemandem aus der eigenen Organisation in Empfang genommen wird. Das Ganze dauert etwa 12 Stunden, dabei liegen Jerusalem und der Gazastreifen etwa 100 Kilometer voneinander entfernt.
KNA: Was ist der stärkste Eindruck?
O'Keefe: Ich habe Gaza mehrfach besucht, zuletzt 2022. Damals gab es schon Zerstörung, aber die steht in keinem Vergleich zu dem, was man heute sieht. Die Bilder, die man im Internet sieht, vermitteln nicht ansatzweise die Realität.
KNA: Inwiefern?
O'Keefe: Ich bin nach Mosul gereist, kurz nachdem es vom Islamischen Staat befreit worden war. In Gaza ist es um ein Vielfaches schlimmer. Im israelisch besetzten Teil, östlich der sogenannten gelben Linie, ist nicht nur alles zerstört. Es sieht aus, als sei alles umgepflügt worden.
Hier und da ragen Gebäudereste oder Stahlstangen aus dem Boden. Auf palästinensisch kontrollierter Seite gibt es unzählige zerstörte Gebäude. Andere sind dermaßen beschädigt, dass man sich nur schwer vorstellen kann, dass sie je wieder bewohnt werden können. In der Stadt Gaza liegen ganze Stadtteile in Schutt und Asche.
Dazwischen suchen Menschen nach allem, was man zum Wiederaufbau nutzen könnte: Steine, Eisen. Die Stadt Rafa, in der etwa 270.000 Menschen lebten, ist mehr oder weniger verschwunden.
KNA: Und die Menschen?
O'Keefe: Sobald man aus dem Philadelphi-Korridor kommt, sieht man schier endlose Weiten von Zeltlagern. Oft sind die Zelte Planen, über die Stoff gehängt ist. Diese Konstruktionen halten ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr, Wind, Sonne und der salzigen Meeresluft stand. In Gaza leben die Menschen schon zwei Jahre darin. Sie graben Löcher, als provisorische Toiletten. Wenn es regnet, läuft das Abwasser über.
Und überall sind Kinder. Die Schulen sind zu Flüchtlingsunterkünften geworden, das Schulsystem praktisch zusammengebrochen. Bevor nicht neue Unterkünfte errichtet und die Schulen instandgesetzt werden, kann der Unterricht nicht wieder aufgenommen werden.
KNA: Worauf konzentriert sich ihr Hilfswerk angesichts des immensen Bedarfs?
O'Keefe: Zum einen bringen wir Güter nach Gaza, zum Beispiel Hygieneartikel, Materialien für Unterkünfte und Lebensmittel. Obwohl die Einfuhr extrem schwierig und komplex ist, versuchen wir, Waren innerhalb von 24 Stunden nach Ankunft in unseren Lagerhäusern zu verteilen. Wir wollen keine Sicherheitslage schaffen, in der verzweifelt Hilfe suchende Menschenmassen versucht sind, in das Depot einzubrechen. Und wir wollen dem Eindruck vorbeugen, dass wir Reserven horten.
KNA: Immer wieder hat man chaotische Szenen bei Verteilungen von Hilfsgütern gesehen, nicht selten mit Toten und Verletzten. Wie beugen Sie dem vor?
O'Keefe: Es gibt keine Entschuldigung für solche chaotischen Szenen, in denen Menschen niedergetrampelt oder getötet werden. Es ist sehr wohl möglich, eine organisierte, verantwortungsvolle und geordnete Verteilung in Gaza durchzuführen. Es erfordert lediglich gute Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft, eine gezielte Vorgehensweise und das Vertrauen der Bevölkerung. Konkret benachrichtigen wir die Hilfsempfänger per SMS, wann und wo sie Hilfsgüter abholen können, und erreichen so einen steten Verteilfluss.
KNA: Wo sehen Sie den größten Hilfsbedarf?
O'Keefe: Ein kritischer Punkt sind Unterkünfte. Es ist klar, dass der Wiederaufbau Jahre dauern wird. Über eine Million Menschen können aber nicht auf Jahre in Zelten bleiben. CRS testet deshalb Übergangsunterkünfte, die ein würdigeres Leben und besseren Schutz ermöglichen, bis eine dauerhafte Lösung gefunden ist. Ein vergleichbares Konzept haben wir etwa in Nepal, Indonesien und auf den Philippinen angewandt, und auch im Gazastreifen nach dem Krieg von 2014.
KNA: Wie sehen diese Unterkünfte aus?
O'Keefe: Es geht um Konstruktionen aus einem Holzrahmen mit Wänden aus Kunststoff und einem festen Dach, mit Fenstern und einer Tür. Sie sind so konzipiert, dass Familien den Bau erweitern können. Zum Beispiel habe ich bei meinem Besuch eine Familie getroffen, die bereits einen Anbau vorgenommen hat – der Familienvater ist Zimmermann. Schwierig sind natürlich die Einfuhrbeschränkungen. Die Liste der sogenannten Doppelverwendungsgüter, auf der auch die meisten Baumaterialien stehen, muss dringend geändert werden.
KNA: Wie sieht es mit der Lebensmittelversorgung aus?
O'Keefe: Die Lage hat sich verbessert. Es gibt Lebensmittel auf den Märkten, auch frische Ware, und die Preise sind gefallen. Das Problem ist, dass die wenigsten Menschen Geld haben, um Lebensmittel zu kaufen, weil sie keinerlei Einkommen haben. Im Klartext: Ich sah viele Stände mit Waren, aber wenig Käufer. Der kommerzielle Sektor ist kein Ersatz für gezielte, wirksame humanitäre Hilfe.
CRS leistet auch virtuelle Bargeldhilfe durch E-Gutscheine, was mir angemessen erscheint, da es auf dem Markt Waren gibt, die die Menschen kaufen könnten, wenn sie über die entsprechenden Mittel verfügen würden. Problematisch ist aber, dass Bargeld nicht verfügbar ist. Es gibt ein massives Liquiditätsproblem. Stattdessen hat sich eine Art paralleles Bankensystem entwickelt, bei dem Menschen über Apps bezahlen. CRS hat ebenfalls eine Art E-Wallet entwickelt, das von etwa 300.000 Menschen genutzt wird.
KNA: Was erzählen die Menschen in Gaza?
O'Keefe: Ihre Geschichten ähneln sich sehr und handeln von ständigen Vertreibungen. Einer unserer Mitarbeiter etwa ist während dieses Krieges 21-mal vertrieben worden. Es ist kaum vorstellbar, was das bedeutet. Der enorme Stress der Menschen und das Trauma sind spürbar. Gleichzeitig herrscht eine gewisse Erleichterung, dass es viel weniger militärische Aktivitäten gibt. Es gibt den Menschen das Gefühl, dass sie zumindest bis morgen leben werden. Es bleibt aber unklar, was in Zukunft passiert.
KNA: Wovor haben die Menschen am meisten Angst?
O'Keefe: Viele glauben, dass das Endziel darin besteht, sie auf die eine oder andere Weise zu vertreiben. Es herrscht zudem Angst davor, dass der Waffenstillstand komplett zusammenbrechen könnte. Die Nächte, die ich in Gaza verbracht habe, waren alles andere als still. Man hörte Kampfjets, Artilleriebeschuss und Explosionen. Es ist einer dieser Waffenstillstände ohne Waffenstillstand. Viele Menschen erzählten mir, dass sich trotz des Waffenstillstands an ihrem Leben kaum etwas geändert habe. Die Entbehrungen, der Hunger, das Leben in Zelten, keine Schule und keine Arbeit, schreckliche sanitäre Verhältnisse.
KNA: Was muss geschehen?
O'Keefe: Es muss einen echten Aufschwung in all diesen Bereichen geben, damit die Menschen das Gefühl haben, dass sie etwas von dem Waffenstillstand haben und dass ihr Leben besser ist, als nur nicht getötet zu werden.
KNA: Konnten Sie auch die Christen in Gaza besuchen?
O'Keefe: Ich war in der katholischen Pfarrei zur Heiligen Familie, wo auch zwei CRS-Mitarbeiter Zuflucht gefunden haben. Trotz einiger Sicherheitsvorkommnisse ist das Pfarreigelände ein relativ sicherer Ort. Die Gemeinde hat gute Arbeit geleistet. Nicht zuletzt hat sie sich für die breitere Gemeinschaft eingesetzt und versucht, Verbindungen zu den Musliminnen und Muslimen in der Nachbarschaft aufzubauen. Pfarrer Gabriel Romanelli erzählte, wie die täglichen Anrufe von Papst Franziskus eine echte Lebensader für die Gemeinde waren.
KNA: Glauben Sie nach Ihrem Besuch in Gaza, dass es für Journalisten sicher ist, dort einzureisen?
O'Keefe: Ja, ich habe mich während meiner Reise in Gaza sehr sicher und willkommen gefühlt. Natürlich kann man zur falschen Zeit am falschen Ort sein, aber ich habe keine besondere Gefahr gespürt, die schlimmer wäre als in vielen anderen humanitären Krisen und Konfliktsituationen, über die Journalisten berichten. Sicher, es gibt Spannungen, aber ich habe keine Anzeichen von Unruhen oder Chaos gesehen. Gaza ist aus dem Fokus der Medien geraten, und jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die Aufmerksamkeit zu verlieren, denn es ist wirklich wichtig, dass die Menschen beginnen, die Vorteile eines Waffenstillstands zu spüren und einen Weg nach vorne zu sehen.