DOMRADIO.DE: Sie leben seit fünf Jahren in der Ukraine. Wie sieht der Alltag in Kyjiw derzeit aus?
Hannah Kikwitzki (Programmkoordinatorin Ukraine, Caritas international): Der Alltag in Kyjiw ist deutlich härter geworden. Die Winter hier waren immer schwierig, aber dieser ist besonders extrem. Einen so kalten Winter hat es seit über 15 Jahren nicht gegeben. Gleichzeitig nehmen die Angriffe auf Energie- und Wasserinfrastruktur zu. In der eigenen Wohnung ist es oft kaum auszuhalten. Jeden Tag hat man damit zu kämpfen, ob man Strom hat, ob man Wasser hat, ob man Wärme hat. Das macht selbst die kleinsten Alltagsdinge extrem kompliziert und schwierig.
DOMRADIO.DE: Caritas international spricht davon, dass Kälte bewusst als Waffe eingesetzt wird. Was bedeutet das ganz konkret für den Alltag der Menschen bei Ihnen in Kyjiw?
Kikwitzki: In Kyjiw gibt es mehrere hundert Haushalte, die zeitweise komplett ohne Strom sind – das ist der "worst case". Für die meisten von uns bedeutet es, dass wir uns an sogenannte Zeitpläne halten müssen. Daraus geht ungefähr hervor, wann Strom und Wärme verfügbar sind und wann nicht. Doch diese Pläne sind nicht immer verlässlich. Es kann vorkommen, dass 16 oder sogar 20 Stunden am Tag der Strom ausfällt.
Das beginnt schon am Morgen: Man kann nicht duschen oder warmes Wasser nutzen. Der Weg zur Arbeit wird schwierig, wenn elektrisch betriebene Straßenbahnen ausfallen oder vereiste Straßen den Verkehr lahmlegen. Am Arbeitsplatz ist man darauf angewiesen, dass es Diesel-Generatoren gibt, um arbeiten zu können.
Wenn man dann abends heim kommt und einen Elektroherd hat, kann man nicht kochen. Manche weichen auf Gasherde oder kleine Campingkocher aus. Dann geht es ins Bett unter drei Lagen an Bettdecken und mit mehreren Schichten Klamotten an. Das sind Alltagsdinge, die ungewohnt und belastend sind.
DOMRADIO.DE: Am Dienstag geht die Ukraine ins fünfte Kriegsjahr – wie nehmen Sie diesen Jahrestag wahr? Gibt es noch einen Durchhaltewillen oder überwiegt die Kriegsmüdigkeit?
Kikwitzki: Ich habe alle vier Kriegswinter hier erlebt und jedes Jahr habe ich gesagt: Die Menschen sind müde. In diesem Jahr spüre ich das noch stärker. Der Winter zehrt an den Menschen. Die Menschen sind durch diesen Winter extrem ausgezehrt. Es gibt weniger soziale Kontakte, weil das Wetter so schlecht ist und die Situation so anstrengend ist, dass man sich kaum noch miteinander austauscht. Und wenn man sich austauscht, geht es meist um schwere Themen.
Natürlich geben die Menschen nicht auf, weil sie es schlicht nicht können. Sie müssen weiterarbeiten, ihre Familien versorgen, ihre Kinder in die Schule bringen. Aber die Belastung ist enorm. Das Leid ist spürbar gewachsen.
DOMRADIO.DE: In Deutschland wird zunehmend diskutiert, ob die Unterstützung für die Ukraine reduziert werden sollte. Was entgegnen Sie solchen Stimmen?
Kikwitzki: Ich kann verstehen, dass viele Menschen müde von schlechten Nachrichten sind. Es gibt weltweit zahlreiche Krisen. Aber hier in der Ukraine ist weiterhin jeder dritte Mensch auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Menschen haben sich diesen Krieg nicht ausgesucht.
Wir müssen aufmerksam bleiben. Wir müssen solidarisch bleiben. Wir müssen auch Mitgefühl weiter haben für unsere Nachbarn, für unsere Freunde hier und wir müssen weiter spenden, denn der Bedarf ist ungebrochen. Die Hilfe wird weiterhin dringend gebraucht.
DOMRADIO.DE: Wie hilft die Caritas konkret – gerade in diesem harten Winter?
Kikwitzki: Die Caritas ist landesweit mit über 50 Anlaufstellen präsent. Wir verteilen Lebensmittelpakete und leisten Winterhilfe, etwa durch Brennholz oder Kohle, besonders in den östlichen und ländlichen Regionen.
Zudem bieten wir psychosoziale Unterstützung für Kinder, für Geflüchtete und für Menschen, die Traumatisches erlebt haben. Bargeldhilfen ermöglichen es vielen, sich selbst mit Lebensmitteln oder anderen notwendigen Gütern zu versorgen. Unser Ziel ist es, nicht nur das Überleben zu sichern, sondern den Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen.
DOMRADIO.DE: Gibt es Momente, die Ihnen persönlich Kraft geben?
Kikwitzki: Ja, solche Momente erlebe ich dankenswerterweise fast täglich. Vor kurzem haben wir ein Camp für Familien besucht, in denen ein Elternteil von der Front zurückgekehrt ist. Dort erleben wir, wie wichtig es ist, geschützte Räume zu schaffen. Familien können zur Ruhe kommen, ihre Rollen neu finden und professionell begleitet werden.
Zu sehen, wie sehr diese Unterstützung hilft, zeigt mir immer wieder, warum wir hier sind. Diese Angebote gäbe es ohne die Caritas in dieser Form nicht. Das motiviert mich sehr. Zudem bin ich dankbar für die anhaltende Unterstützung und dafür, dass die Öffentlichkeit weiterhin aufmerksam bleibt. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Aber für die Menschen hier ist diese Solidarität von unschätzbarem Wert.
Das Interview führte Moritz Mayer.