Kardinal Petrocchi übernimmt die Oberaufsicht bei der Vatikanbank

Graue Eminenz im Vatikan

Die meisten Banken haben einen Aufsichtsrat. Die Vatikanbank IOR hat gleich zwei davon. Einen für das Geschäftliche und einen fürs Grundsätzliche. Dessen Leitung hat der Papst nun Kardinal Giuseppe Petrocchi anvertraut.

Autor/in:
Ludwig Ring-Eifel
Blick auf den Turm Niccolo V. (m.), dem Sitz der Vatikanbank "Istituto per le Opere di Religione" (IOR), am 30. September 2023 im Vatikan / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Blick auf den Turm Niccolo V. (m.), dem Sitz der Vatikanbank "Istituto per le Opere di Religione" (IOR), am 30. September 2023 im Vatikan / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Kardinal Giuseppe Petrocchi war unter den italienischen Kardinälen im Umfeld des Vatikans bislang einer der weniger bekannten. Doch spätestens seit Papst Leo XIV. ihn vergangene Woche zum Leiter der Kardinalskommission der Vatikanbank IOR ernannt hat, ist der 77-Jährige unter die Prominenteren im Kardinalskollegium aufgerückt.

Kardinal Giuseppe Petrocchi / © Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Giuseppe Petrocchi / © Romano Siciliani ( KNA )

Zwar ist er schon einige Jahre Mitglied der ebenfalls mit Finanz- und Managementfragen betrauten "Kommission für den Vatikanstaat" sowie Mitglied des von Kardinal Reinhard Marx geleiteten vatikanischen Wirtschaftsrats. Doch nun ist er als Nachfolger des Wiener Kardinals Christoph Schönborn voraussichtlich bis August 2028, wenn er das 80. Lebensjahr vollendet, für die politische Linie des päpstlichen Geldinstituts verantwortlich.

Delikate Übergänge

In dieser Zeit muss er gleich mehrere delikate Übergänge moderieren. Zunächst geht es um Personalien. Der italienische Generaldirektor der Bank, Gian Franco Mammi, wird im November 70 und erreicht damit (nach zwei Fünfjahres-Mandaten) die Altersgrenze für Laien im Vatikan. Mammi war der Saubermann im Vatikan, der den Skandal um die desaströse Immobilienanlage des vatikanischen Staatssekretariats in London auslöste, als er sich weigerte, das verlustreiche Geschäft mit einem IOR-Kredit zu retten.

Und dann ist da noch der französische Bankier Jean-Baptiste Douville de Franssu als Aufsichtsratsvorsitzender. Der ist zwar erst 62, aber auch er hat schon mehr als zwei Fünfjahres-Mandate an der Spitze hinter sich und müsste daher demnächst ausgewechselt werden. Der adlige Investment-Banker steht für den erfolgreichen Kulturwandel der Bank von einer skandalumwitterten Schwarzgeld-Anlegestelle hin zu einem seriösen Geldinstitut gemäß internationalen Maßstäben.

Neupositionierung im Vatikan-Umfeld

Aber nicht nur personell muss sich das IOR neu aufstellen. Auch seine Position innerhalb des vatikanischen Vermögens- und Finanzgefüges muss neu justiert werden. Papst Franziskus hatte, nachdem die diversen Sondervermögen (Staatssekretariat, Evangelisierungsbehörde sowie Vermögensverwaltung Apsa) immer wieder schwer durchschaubare Sonderwege eingeschlagen hatten, im August 2022 kurzerhand das IOR zum einzigen vatikanischen Institut mit dem Recht zur Finanz-Anlage erklärt. Damit hatte er den Spielraum der anderen Institutionen im Vatikan drastisch eingeengt.

Diesen Erlass seines Vorgängers hob Papst Leo XIV. im vergangenen Oktober wieder auf, seither ist das IOR nicht mehr der einzige "Player" im Vatikan mit der Lizenz zum Investieren. Es muss sich nach dem Ende des Quasi-Monopols neu orientieren.

Nicht die erste Überraschung

Dass Leo XIV. in dieser delikaten Phase ausgerechnet den offiziell weder mit finanztechnischen noch mit Management-Qualifikationen ausgestatteten Kardinal Petrocchi ausgewählt hat, um das Ober-Aufsichtsgremium der Vatikanbank zu leiten, hat viele Beobachter überrascht. Die Ernennung war ähnlich unerwartet wie zuvor seine Beförderung zum Kardinal im Jahr 2018.

Damals wurde gemutmaßt, Papst Franziskus habe ihn - Petrocchi war damals Erzbischof von L'Aquila in Italien - für seine besonderen Verdienste in den Jahren des Wiederaufbaus nach dem schweren Erdbeben belohnen wollen. Petrocchi profilierte sich damals als Trost spendender und effizient Hilfe organisierender Oberhirte für die Menschen in dem schwer getroffenen Abruzzen-Erzbistum.

Schon auf seiner ersten Bischofsstelle war Petrocchi in Rom positiv aufgefallen. Der aus Ascoli Piceno stammende Geistliche hatte das neu geschaffene und innerlich gespaltene Bistum Latina-Terracina-Sezze-Priverno südlich von Rom als unermüdlicher und aufmerksamer Oberhirte geeint. Und das obwohl oder vielleicht gerade weil er, wenn er spricht, eher wie ein einfacher Dorfpfarrer und weniger wie ein brillanter Theologe oder Organisator wirkt. Zudem kommt ihm wohl sein Talent zum Zuhören zugute. Außer den für einen Priester üblichen Abschlüssen in Theologie und Philosophie hat er auch ein Universitäts-Diplom in Psychologie.

Geschickter Moderator

Davon, wie Petrocchi als Moderator komplizierter Prozesse tickt, gab es unlängst eine Kostprobe in einem ganz anderen, kirchenpolitisch heiklen Zusammenhang. Am 4. Dezember 2025 veröffentlichte der Vatikan das Abschlussprotokoll der Sonderkommission zum Frauendiakonat. Diese Kommission hatte Papst Franziskus am 9. April 2020 eingesetzt, um die theologisch hoch umstrittene Frage - wieder einmal - von Experten mit unterschiedlichen Meinungen klären zu lassen, ob und unter welchen Bedingungen Frauen in der katholischen Kirche ein geweihtes Amt übernehmen können. Als Vorsitzenden ernannte er Kardinal Petrocchi.

Zu dem unter Papst Leo im Wortlaut veröffentlichten Abschlussprotokoll schrieb Petrocchi ein sehr klar strukturiertes Vorwort. Er beleuchtete den sich über die Jahre verändernden Stand der Debatte und machte unmissverständlich klar, dass nun das kirchliche Lehramt (also der Papst) mit einer Entscheidung am Zug sei.

Die in dem Bericht detailliert dargestellten Abstimmungen des zehnköpfigen Beratergremiums zum Frauendiakonat stellten für den Vatikan einen neuen Meilenstein an Transparenz dar. Ob Petrocchi diese Eigenschaft auch in seiner neuen Funktion an der Spitze der IOR-Kommission an den Tag legen wird, bleibt abzuwarten. Doch hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Transparenz auch in der Vatikanbank möglich ist und dass sie dem Geldinstitut des Papstes mehr nutzt als schadet.

Vatikanbank

Als "Vatikanbank" wird landläufig das "Institut für die religiösen Werke" (Istituto per le Opere di Religione, IOR) bezeichnet. Das IOR ist jedoch nur im eingeschränkten Sinne eine Bank. Einige bankentypische Dienstleistungen wie die Vergabe von Krediten bietet es nicht an. Hauptzweck des 1942 gegründeten Instituts ist laut Statuten die Verwaltung von Kapital, dessen Erträge "für Werke der Kirche und für christliche Wohltätigkeit in allen Teilen der Welt bestimmt sind".

Hauptsitz der Vatikanbank  / © Romano Siciliani (KNA)
Hauptsitz der Vatikanbank / © Romano Siciliani ( KNA )
Quelle:
KNA