Kirchlicher Widerstand gegen US-Migrationspolitik wächst

Christen spielen wichtige Rolle bei Protesten in Minneapolis

Die Kirchen spielen eine immer größere Rolle im Widerstand gegen das Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE. Der einflussreiche Kardinal Joseph Tobin wird zum Wortführer des Protests. Er äußert deutliche Kritik.

Autor/in:
Bernd Tenhage
Ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Immigrants are not Criminals but the President is" (dt. Einwanderer sind keine Kriminellen, aber der Präsident ist es) bei einer Demonstration gegen den Autoritarismus und die Migrationspolitik der Regierung von US-Präsident Donald Trump, im Juni 2025 in Miami Beach. / © Tobias Käufer/KNA (KNA)
Ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Immigrants are not Criminals but the President is" (dt. Einwanderer sind keine Kriminellen, aber der Präsident ist es) bei einer Demonstration gegen den Autoritarismus und die Migrationspolitik der Regierung von US-Präsident Donald Trump, im Juni 2025 in Miami Beach. / © Tobias Käufer/KNA ( KNA )

Die Zeit der diplomatischen Zurückhaltung ist vorbei. Einflussreiche katholische Kirchenführer in den USA rufen inzwischen offen zu Widerstand gegen die Abschiebepolitik von Präsident Donald Trump auf. Kardinal Joseph Tobin etwa hat seine Rhetorik drastisch verschärft. 

Die US-Einwanderungsbehörde ICE bezeichnete er jüngst in einer Online-Konferenz als "gesetzlose Organisation". Doch damit nicht genug. Mit Blick auf die Geschehnisse in Minneapolis ließ der Erzbischof von Newark seiner Empörung freien Lauf. "Wir trauern um eine Welt, um ein Land, das es zulässt, dass Fünfjährige unter Berufung auf Gesetze entführt und Demonstranten niedergemetzelt werden", schimpfte er. 

Zunehmende Kritik

Bei Protesten gegen Einsätze der Einwanderungspolizei waren in Minneapolis im Januar binnen kurzem zwei US-Bürger getötet worden. Über die Hintergründe wird weiter gestritten. Für Kritik sorgt auch die vorübergehende Festnahme eines Fünfjährigen und seines Vaters. Ihnen wurde vorgeworfen, sich illegal im Land aufzuhalten. Nach einer gerichtlichen Anordnung sind sie inzwischen wieder auf freiem Fuß. 

Kardinal Joseph William Tobin / © Gregory A. Shemitz/OSV News (KNA)
Kardinal Joseph William Tobin / © Gregory A. Shemitz/OSV News ( KNA )

Kardinal Tobin zog bei seinem Online-Auftritt Parallelen zum Roman "Wein und Brot" von Ignazio Silone aus dem Jahr 1936. Darin thematisierte der Schriftsteller den Widerstand gegen den Faschismus in Italien. Tobin griff eine Passage auf, in der ein Priester gefragt wird, was zu tun sei. 

Dieser habe angesichts der "Maschinerie des Todes" betont, wie wichtig es sei, öffentlich "Nein" zu sagen. Tobin erklärte, wer seinen Glauben ernst nehme, müsse heute genau das tun: "Wir müssen Nein sagen – jeder von uns." Dazu gehöre, mutig für die Wahrheit einzustehen und jenen zu helfen, deren Leben auf den Kopf gestellt werde. 

Viele christliche Aktivisten

Tatsächlich gibt es in Minneapolis zahlreiche Christen, die diesem Ruf folgen. Sie leisten Widerstand gegen das rücksichtlose Vorgehen der teils vermummten US-Beamten, die nach Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis fahnden. Sie beliefern Betroffene, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, mit Lebensmitteln. 

Sie begleiten Migrantenkinder, die in den USA zur Welt kamen, zur Schule, damit die Eltern keine Festnahme riskieren müssen. Sie filmen mit dem Smartphone jeden Schritt der Beamten. Und sie warnen mit Trillerpfeifen, wenn Trump-Kräfte in der Nähe sind.

Erst kürzlich wurden rund 100 Vertreter verschiedener Konfessionen festgenommen, die den Betrieb am Flughafen Minneapolis-St. Paul störten, um Abschiebeflüge zu verhindern. Etliche Kirchengemeinden versuchen zudem, auch jene Bürger in den Protest einzubinden, die bei eisigen Temperaturen nicht auf die Straße gehen wollen. Zum Beispiel die Westminster Presbyterian Church in Minneapolis, wo Unterstützer mit Gebet und Gesang ihre Solidarität zeigen können. 

Trillerpfeife = Foul

Pastorin Margaret Fox hielt eine viel beachtete Predigt, in der sie auf die Trillerpfeife als Symbol von Widerstand einging. "Auf den Lippen eines Schiedsrichters bedeutet eine Trillerpfeife: Stopp. Sie bedeutet Foul. Sie bedeutet, du bist im Aus. Eine Trillerpfeife signalisiert: Das ist ein Verstoß", so Fox. Als sie ihre Predigt beendet hatte, erhob sich die Gemeinde und spendete Applaus. Während die Menge klatschte, ertönten laut viele Trillerpfeifen im ganzen Gotteshaus. 

Die Pfeife von Pastorin Fox steht ebenso wie das plakative "Nein" von Kardinal Tobin beispielhaft für das zunehmende Engagement der Kirchen in der Migrationsdebatte. Seine Wirkung verfehlt all dies offenbar nicht: Um eine Eskalation im Bundesstaat Minnesota zu verhindern, will die US-Regierung nun Hunderte Beamte von Grenzschutz- und Einwanderungsbehörden abziehen.

Die katholische Kirche in den USA

Die römisch-katholische Kirche ist die größte Glaubensgemeinschaft der USA, denn die Protestanten teilen sich in verschiedene Konfessionen. Ein knappes Viertel der US-Amerikaner ist katholisch, die meisten Katholiken leben im Nordosten und im Südwesten. Genaue Zahlen sind schwierig, weil in den USA der Wechsel einer Konfession sehr häufig vorkommt.

Die katholische Kirche in den USA / © rawf8 (shutterstock)
Die katholische Kirche in den USA / © rawf8 ( shutterstock )
Quelle:
KNA