DOMRADIO.DE: Jeder fünfte DPSGler hat schon mal körperlich sexualisierte Gewalt erfahren. Das ist ein Ergebnis einer Forschungsstudie. Unter den Mädchen und Frauen ist es sogar jede dritte. Wie sehr schockiert Sie dieses Ergebnis?
Annkathrin Meyer (Bundesvorsitzende der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg / DPSG): Grundsätzlich sind wir bestürzt, aber wir sind nicht verwundert. Wir aus dem Vorstand sind selber schon lange Teil dieses Verbandes und haben unterschiedliche Dinge mitbekommen. Wir arbeiten auch schon mit Interventionsmaßnahmen und mit Ausschlussverfahren. Da liegen auch einige Dinge auf dem Tisch, die man jetzt schon sieht.
Wichtig ist heute aber vor allen Dingen, den Blick in die Zukunft zu richten und dafür zu sorgen, dass Kinder- und Jugendschutz in Zukunft besser stattfindet. Deswegen sind diese Ergebnisse unheimlich wichtig für uns.
DOMRADIO.DE: Wie erklären Sie sich denn diese erschütternden Ergebnisse?
Meyer: Wir haben jetzt den Blick darauf gerichtet. Dabei ist herausgekommen, dass viele Menschen jeden Alters gesagt haben, dass sie in ihrer jeweiligen DPSG-Phase so etwas erlebt haben. Das ist erstmal ernst zu nehmen.
DOMRADIO.DE: Sie sind selbst schon seit 20 Jahren Mitglied der DPSG. Es muss ja schockieren, wenn man so etwas über die ganze Zeit nicht mitbekommen hat.
Meyer: Wir bekommen jetzt mit, dass Dinge anders gedeutet werden als früher. Man ist Teil einer bestimmten Gemeinschaft. Da wurden bestimmte Rituale, Traditionen und Handlungsweisen eventuell auch als normal tradiert. Dieser Bericht gibt uns jetzt aber die Chance, nochmal einzuordnen, dass einige Dinge eben nicht normal sind und angepasst werden müssen.
DOMRADIO.DE: Was sagen Sie denn Ihren vielen DPSG-Mitgliedern zu dem Thema?
Meyer: Ich motiviere euch, in einen kritischen Dialog zu gehen, gemeinsam zu sprechen, zu diskutieren und gemeinsam dafür zu sorgen, dass Kinder- und Jugendschutz eine größere Rolle spielt.
DOMRADIO.DE: Wie gehen Sie auf die Betroffenen zu?
Meyer: Wir versuchen, Betroffene ernst zu nehmen. Wir versuchen, Vertrauen dadurch wiederzugewinnen, dass wir Handlungen auf unsere Erkenntnisse folgen lassen, und wir versuchen, sensibel mit ihren Geschichten umzugehen und sie anzuerkennen.
DOMRADIO.DE: Wie sieht es mit der Kooperation mit den Bistümern bei diesem Forschungsprojekt aus?
Meyer: Wir sind ein bisschen erschüttert, dass die Zusammenarbeit so schleppend gelaufen ist. Leider war in unserem Aufarbeitungsbeirat niemand von der katholischen Kirche dabei. Und auch der Zugang zu den Bistumsarchiven war sehr, sehr schwierig. Das ist schade, denn es hätte uns noch mehr die Augen öffnen können, wenn jemand mitgearbeitet hätte.
DOMRADIO.DE: "Das Haus DPSG ist in seinen Fundamenten beschädigt", heißt es in dem Gutachten. Was muss jetzt passieren? Was machen Sie jetzt?
Meyer: Unser erster Schritt ist jetzt, die Forschungsergebnisse in den Verband zu tragen und dafür zu sorgen, dass sie durchdringend ankommen. Das ist das Wichtigste. Der nächste Schritt ist dann sicherlich, dass wir kritisch über diese Dinge diskutieren, damit eine intensive Auseinandersetzung darüber stattfindet, weil das uns letztendlich die Möglichkeit bietet, dass Dinge dauerhaft und intensiv angepasst werden. Das ist dringend notwendig.
DOMRADIO.DE: Was passiert jetzt konkret?
Meyer: Die ersten Schritte sind jetzt tatsächlich Informations- und Austauschveranstaltungen, die bereits geplant sind, und Informationen per Mail und Brief an unsere Mitglieder. Dann wird ein erster Austausch auf unserer Bundesversammlung stattfinden.
Das Interview führte Johannes Schröer.