Düsseldorfer Stadtdechant solidarisch mit angeklagtem Wagenbauer

"Ich war schockiert, dass man in Russland so weit geht"

Stadtdechant Frank Heidkamp freut sich auf den Düsseldorfer Rosenmontagszug. Dort wird auf dem vom in Russland angeklagten Jacques Tilly gestalteten Toleranzwagen mit weiteren Religionsvertretern aus der Landeshauptstadt mitfahren.

Autor/in:
Alexander Foxius
2023: Ein Mottowagen zeigt den russischen Präsidenten Putin, der in einer Badewanne in den ukrainischen Nationalfarben badet, die mit Blut gefüllt ist. / © Federico Gambarini (dpa)
2023: Ein Mottowagen zeigt den russischen Präsidenten Putin, der in einer Badewanne in den ukrainischen Nationalfarben badet, die mit Blut gefüllt ist. / © Federico Gambarini ( dpa )

Es weht ein Hauch von Weltpolitik durch die Düsseldorfer Wagenbauhalle, in der die Karnevalswagen für den Rosenmontagszug gebaut werden. Die Halle selbst wirkt wie eine eigene kleine Welt. Unter dem hohen Dach aus Stahlträgern fällt kaltes Winterlicht durch breite Oberlichter. Farbtöpfe in allen Schattierungen stapeln sich auf einem Arbeitstisch, Pinsel liegen kreuz und quer zwischen getrockneten Farbspritzern, ein schwerer Farbroller lehnt am Rand. Es ist das Reich von Wagenbauer Jacques Tilly und seinem Team. 

Farbtöpfe und Pinsel zeugen von der Arbeit in der Düsseldorfer Wagenbauhalle / © Alexander Foxius (DR)
Farbtöpfe und Pinsel zeugen von der Arbeit in der Düsseldorfer Wagenbauhalle / © Alexander Foxius ( DR )

Der Künstler ist aktuell in den Schlagzeilen. Wegen "Verunglimpfung der Staatsorgane" wird Tilly in Russland der Prozess gemacht. Ihm droht eine Verurteilung in Abwesenheit und eine Strafe von bis zu zehn Jahren Haft. Tilly hatte sich in den vergangenen Jahren mit seinen Mottowagen mehrfach satirisch mit Präsident Wladimir Putin und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine auseinandergesetzt. Wie der Prozess ausgeht, ist noch offen.

Zum fünften Mal beim Rosenmontagszug

An diesem Mittwoch ist auch der Düsseldorfer Stadtdechant Frank Heidkamp in die Halle gekommen. Anlass ist die Vorstellung des neuen Toleranzwagens, den Tilly und sein Team gebaut haben. Unter dem Motto "Toleranz ist das Fundament des Friedens" werden wieder Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften auf einem gemeinsamen Rosenmontagszugwagen durch Düsseldorf fahren. Es ist bereits das fünfte Mal seit 2019. 

Der neue Wagen zeigt eine gemalte Weltkugel, auf der sich stilisierte Figuren die Hände reichen – beschriftet mit "muslimisch", "katholisch", "jüdisch", "buddhistisch", "evangelisch" und "orthodox". Gemeinsam mit dem Düsseldorfer Karnevalsprinzen Marcus I. posiert Stadtdechant Heidkamp mit Vertretern der großen Religionsgemeinschaften schon bei der Vorstellung auf dem Wagen. Beim Rosenmontagszug werden sie auch von der NRW-Antisemitismusbeauftragten Sylvia Löhrmann und dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, begleitet.

"Toleranz muss gelebt werden"

"Toleranz muss gelebt werden. Geredet wird schon genug, aber das Handeln ist das Entscheidende", findet Stadtdechant Heidkamp. Er ist sichtlich stolz auf die positive Resonanz, auf die der Toleranzwagen in den Jahren seit 2019 gestoßen ist. Weltweit hatten Zeitungen berichtet und die Menschen entlang des Zugwegs immer wieder ihre Freude zum Ausdruck gebracht. In den letzten Jahren sind immer mehr neue Religionsgemeinschaften dazugekommen.

Wagenbauer Jacques Tilly vor dem Toleranzwagen / © Alexander Foxius (DR)
Wagenbauer Jacques Tilly vor dem Toleranzwagen / © Alexander Foxius ( DR )

"Toleranz ist die Basis von allem, das Fundament gerade auch für Frieden", drückt der Düsseldorfer Prinz Marcus I. seine Wertschätzung für den Wagen im Rosenmontagszug aus. Zum Karneval gehörten alle. Mit Vorfreude blickt er auf einen anstehenden Besuch des Prinzenpaars bei der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Der Karneval spiele dabei eine wichtige Rolle, weil er den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubere und auch in schlechten Zeiten einen positiven Halt gebe.

Toleranz unter Druck

Für Wagenbauer Jaques Tilly ist seine Mitarbeit am Toleranzwagen eine Herzensangelegenheit. Er sieht Toleranz als einen Grundbestandteil des gesellschaftlichen Wertekanons. Zugleich sieht er durch Rechtspopulisten, Diktatoren und Autokraten eben jene Werte bedroht – in Deutschland durch die AfD und weltweit durch Figuren wie den US-Präsidenten Donald Trump oder eben jenen Wladimir Putin, wegen dem er nun in Russland angeklagt ist.

"Ich war schockiert, dass man in Russland so weit geht, oder besser gesagt, dass Putin so weit geht. Ich kann das nicht begreifen", beschreibt Stadtdechant Heidkamp seine Gefühlslage, als er von der Anklage Tillys gehört hat. Der Vertreter der Katholischen Kirche in der Landeshauptstadt zeigt sich solidarisch mit dem Künstler, der in der Vergangenheit mit seinen Mottowagen auch mit der Kirche immer wieder hart ins Gericht gegangen ist: Die Kardinäle Joachim Meisner und Rainer Maria Woelki, Päpste und Priester, der Missbrauchsskandal der Katholischen Kirche wurden mit Tillys Wagen persifliert.

Stadtdechant Frank Heidkamp freut sich auf die Fahrt mit dem Toleranzwagen am Rosenmontag / © Alexander Foxius (DR)
Stadtdechant Frank Heidkamp freut sich auf die Fahrt mit dem Toleranzwagen am Rosenmontag / © Alexander Foxius ( DR )

"Satiriker gehen immer an Grenzen. Und manchmal war Jaques Tilly vielleicht auch scharf oder zu scharf. So weit zu gehen, ihm einen Gerichtsprozess an den Hals zu hängen, hätte ich nie geglaubt", beurteilt Heidkamp den Prozess in Russland. Karneval bedeute, anderen einen Spiegel vorzuhalten. Hier wäre eben auch Toleranz gefragt, wenn einem die Kritik zu hart erscheine, findet Heidkamp.

Willkommener Verbündeter

Tilly selbst freut sich über die Solidarität, die ihm Stadtdechant Heidkamp zuspricht. Gerade bei Themen wie Meinungsfreiheit und Menschenrechten sei die Kirche ein sehr willkommener Verbündeter. Tillys schwierige Vergangenheit mit der Kirche sieht er in Zeiten wie diesen zurückgestellt. Freiheitlich denkende Menschen müssten nun zusammenstehen.

"Satire ist einfach eine Ausdrucksform der Meinungsfreiheit", sagt Tilly. Er sieht sich in Deutschland als Satiriker noch mit sehr großen Freiheiten ausgestattet. Gleichzeitig warnt er, dass sich das je nach Wahlergebnis auch ändern könne. In seinem roten Overall und mit konzentriertem Blick wendet er sich wieder seiner Arbeit zu. Es sind keine zwei Wochen mehr bis Rosenmontag, und dann wird die Welt wieder sehen, wen und was der Satiriker in diesem Jahr aufs Korn nehmen wird.

Karneval

Die "närrischen Tage" vor der am Aschermittwoch beginnenden Fastenzeit haben verschiedene Namen: Das meist in ursprünglich katholischen Gebieten veranstaltete Brauchtum heißt im Rheinland Karneval, in Mainz und Umgebung Fastnacht, im schwäbisch-alemannischen Gebiet Fasnet. Fosnat nennen es die Franken, im bayrisch-österreichischen Raum wird Fasching gefeiert. Seit dem zwölften Jahrhundert ist das Wort "Fastnacht" im Mittelhochdeutschen bekannt. Das Wort Karneval stammt wahrscheinlich vom Italienischen "carne vale", was "Fleisch, lebe wohl" bedeutet.

So farbenfroh sind die Düsseldorfer Jecken  / © Federico Gambarini (dpa)
So farbenfroh sind die Düsseldorfer Jecken / © Federico Gambarini ( dpa )
Quelle:
DR

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