So entwickelt sich die Religiosität in den USA

Evangelikale auf dem Vormarsch?

Macht die politische Spaltung des Landes die US-Amerikaner religiöser oder weniger religiös? Und sind die "Tradwives" und Evangelikale tatsächlich auf dem Vormarsch? Ein Forscher sagt, die Zahlen sprächen eher dagegen.

Autor/in:
Roland Juchem
Kirche in Amerika / © Rolf E. Staerk (shutterstock)

Dass die USA religiös anders ticken als Europa, zumal Westeuropa, ist seit langem bekannt. Zuletzt aber war davon die Rede, dass auch in "God's own country" die Säkularisierung um sich greife. Der Begriff der "nones" machte die Runde; also jener Menschen in der US-Bevölkerung, die sich keiner Religion oder Konfession zurechnen. In Umfragen bezeichnen sie sich als "Atheisten", "Agnostiker" oder kreuzen an: "keine bestimmte (Religion)". Ihr Anteil ist seit 1972 von 5 auf rund 30 Prozent gewachsen.

Gibt es nun eine Kehrtwende, da Donald Trump seiner evangelikalen Wählerschaft zusätzliches politisches Gewicht gibt - und mit seinem Vize J.D. Vance ein katholischer Konvertit schon als Thronfolger gilt? Ryan Burge, ehemaliger Baptisten-Pastor und einer der führenden Analysten für Religion und Politik in den USA, ist skeptisch. 

Donald Trump / © Evan Vucci/AP (dpa)
Donald Trump / © Evan Vucci/AP ( dpa )

Von einer Kehrtwende des Säkularisierungstrends mag er nicht sprechen. In einem einstündigen Gespräch mit Ross Douthat, dem Religionsexperten der "New York Times", gingen beide vergangene Woche der Frage nach, ob die USA tatsächlich wieder religiöser werden.

Immerhin gab es in den USA von 1991 bis etwa 2020 eine rasante Säkularisierung. Die jedoch kam seither zum Erliegen, hat sich zumindest abgeflacht. Aktuell liegt der Anteil der Christen an der US-Bevölkerung bei 61 bis 63 Prozent.

"Zu sagen, man sei Atheist, war früher mit einem Stigma versehen", so Burge. "Immerhin hatten wir über Jahrzehnte das atheistische System des Kommunismus bekämpft." Seit den 1990er Jahren aber wurde zunehmend akzeptiert, sich als nicht religiös zu bezeichnen. Zunehmend mehr Menschen hätten bei Umfragen ehrlich geantwortet, indem sie angaben, nicht religiös zu sein. Dennoch sehe er "keine Zukunft in Amerika, in der der Anteil nicht religiöser Amerikaner über 50 Prozent steigt".

Ryan Burge

"Vor 20 Jahren war es cool, ein 'neuer Atheist' zu sein. Heute ist das eher eine altmodische Ansicht."

Unter den drei Komponenten von Religiosität - Verhalten, Zugehörigkeit und Glaube - habe das Verhalten wie etwa die Teilnahme an Gottesdiensten am schnellsten abgenommen. Als nächstes gehe das Zugehörigkeitsgefühl verloren, während der Glaube an einen Gott oder etwas Göttliches am längsten bestehen bleibe. 

Vor 20 Jahren, so schildert es Burge, "war es cool, ein 'neuer Atheist' zu sein. Heute ist das eher eine altmodische Ansicht; "kulturelles Christentum" sei angesagt. Darin vor allem bestehe der abgeflachte Trend zur Säkularisierung.

In fast allen Gesellschaften sind Frauen in der Regel religiöser als Männer. Der Unterschied sei nicht groß, betont Burge, aber er existiere, vor allem bei Christen. Unter den Angehörigen der Gen Z jedoch wendeten sich Frauen schneller von Kirche und Religion ab als Männer, so dass sich das Geschlechterverhältnis austariere.

Methodistenkirche in den USA / © Malachi Jacobs (shutterstock)
Methodistenkirche in den USA / © Malachi Jacobs ( shutterstock )

Entscheidend für das religiöse wie das politische Klima in den USA halten Burge wie Douthat vor allem auch den Rückgang der traditionellen Protestanten wie Methodisten, Baptisten, Lutheraner, Presbyterianer, Episkopale. Seit 70 Jahren befinde sich der prostantische Mainstream im freien Fall. Von 58 Prozent sei ihr Anteil auf noch gut 8 Prozent gesunken. Den Mitgliederverlust dieser eher ausgleichenden moderaten Kirchen sehen beide Experten als einen wichtigen Grund für die zunehmende Polarisierung der US-Gesellschaft.

Früher waren die Mainline-Kirchen der Ort, an dem sich viele trafen: Liberale, Konservative und Moderate. Heute gibt es nur noch konservative Christen und Konfessionslose - die sich aber nirgends wirklich begegnen, nur noch die gegenseitigen Karikaturen kennen. Und so geht Religiosität heute stärker einher mit politischer Orientierung. 

In den 1980ern waren selbst unter Evangelikalen Demokraten und Republikaner etwa gleich stark vertreten. Heute sind Anhänger der Demokraten zu je 50 Prozent Christen und Konfessionslose. Letztere aber machen aber nur zwölf Prozent der republikanischen Anhänger aus.

Michael Hochgeschwender

"Für viele ist wichtig, dass Trump in seiner Funktion als neuer 'Kyros' das auserwählte Volk aus der Gefangenschaft der woken Liberalen befreit hat."

Nach einem politischen Durchmarsch für das evangelikale Amerika sieht es gleichwohl nicht aus. Zwar scheine das "evangelikale Fußvolk" zufrieden zu sein mit Donald Trump, meint der Münchner Historiker und USA-Experte Michael Hochgeschwender. "Für viele ist wichtig, dass Trump in seiner Funktion als neuer 'Kyros' das auserwählte Volk aus der Gefangenschaft der woken Liberalen befreit hat", sagte er in einem Interview mit dem Nachrichtendienst idea am Montag. 

Der Personenkult um Trump bereite in der Führungsriege der Evangelikalen aber auch Sorge. Auch die nationalistische Politisierung an der Basis werde nicht von allen Predigern geteilt. So seien Pastoren aufgefordert worden, nicht über die Bergpredigt zu sprechen, weil diese "woke" sei. 

Ein wichtiger Unterschied zu früheren Kampagnen für Gott und Amerika, etwa Jerry Falwells "moral majority" oder Pat Robertson, sei die Betonung kriegerischer Maskulinität, etwa von Predigern mit Verbindungen zum Pentagon-Chef Pete Hegseth.

Ein Foto des konservativen Aktivisten Charlie Kirk ist auf einem großen Bildschirm während der Trauerfeier im State Farm Stadium zu sehen. / © John Locher/AP/dpa (dpa)
Ein Foto des konservativen Aktivisten Charlie Kirk ist auf einem großen Bildschirm während der Trauerfeier im State Farm Stadium zu sehen. / © John Locher/AP/dpa ( dpa )

Die Bewegung "Turning Point USA" des getöteten Aktivisten und Christen Charlie Kirk habe indes an Schwung verloren, beobachtet Hochgeschwender. Dessen Witwe Erika könne ihren Mann als Leitfigur nicht ersetzen. Mit Blick auf die Präsidentenwahlen 2028 erwartet der USA-Experte ein "Hauen und Stechen" um Trumps Nachfolge. Weder J.D. Vance noch Marco Rubio hätten dessen Charisma.

Gleichwohl blieben die Evangelikalen ein mobilisierbarer republikanischer Wählerblock. Einzig eine neu entdeckte "smoking gun" im Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein könnte sie von Trump und dem Trumpismus abbringen, meint Hochgeschwendner. Sonst habe die evangelikale Mehrheit wenig Optionen. Sie "können wie die konservativen Katholiken auch im Moment nur republikanisch wählen, weil es keine demokratische wählbare Option für sie gibt".

"Für junge Menschen ist es schwer vorstellbar, dass jemand ein liberaler Christ sein kann", skizziert Burge in seinem Diskurs mit Douthat ein Dilemma, in dem vor allem die katholische Kirche stecke; vertrete diese doch bei Themen wie Abrüstung, Todesstrafe, Migration, Umwelt- und Sozialpolitik eher liberale Ansichten.

Kirche in den USA / © Gleb Usovich (shutterstock)

Gleichwohl bringe ihr dies keinen Zulauf bei den Liberalen, wendet Douthat ein, "weil da noch die Themen Abtreibung, Sterbehilfe und Gentechnik sind". Mit ihrer ganzheitlichen, katholischen Sichtweise manövriere sich die Kirche in eine Zwickmühle. "Ja", entgegnet Burge, "aber Gott will, dass wir treu sind - nicht erfolgreich..." Wenn er seinen Studenten katholische Positionen schildere, sagten viele: Ich stimme zwar nicht mit allem überein, aber es bringt mich zum Nachdenken.

Douthat macht auf ein weiteres katholisches Phänomen aufmerksam: In den vergangenen Jahren habe es eine Reihe intellektueller Konvertiten gegeben oder auch angehender Eliten, die früher eher zu den Episkopalen/Anglikanern oder zur presbyterianischen Kirche übergetreten wären. Hingegen verliere der Katholizismus als einstige Religion der Einwanderer und der Arbeiterklasse dort an Boden.

Die medial oft beachtete Gruppe der sogenannten "TradCaths", also katholischer Traditionalisten, hält Burge für "eine lautstarke Minderheit, in gewisser Weise auch einflussreicher ist als die tatsächliche Anzahl der Kirchenbesucher". Dennoch werde die Mehrheit der Katholiken auch künftig keine lateinischen Messen besuchen.

Ryan Burge

Was zieht, sei "ein Christentum fürs Herz, nicht für den Kopf."

Wie sich katholische Einwanderer in der zweiten Generation entwickeln, hänge von ihrer Umgebung ab. Junge Latinos tendierten eher zu dem, was ihre Altersgenossen bevorzugen. Und das seien eben oft Freikirchen oder keine Konfession. Reine Einwanderer-Religionen wie Hinduismus, Buddhismus und Islam haben es laut Burge künftig noch schwerer. Mit der derzeitigen US-Einwanderungspolitik und zu erwartenden ähnlichen Geburtenraten wie US-Amerikaner könnten diese sich kaum entwickeln.

Derzeit verlieren alle Konfessionen Mitglieder. Lediglich die Gruppen der "nones" wie auch der konfessionell ungebundenen Christen wachsen. Auf diese Weise entstehen jede Menge einzelner, auf sich gestellter Gemeinschaften, die nur für sich leben, kaum miteinander reden und sozialwissenschaftlich sehr schwer zu fassen seien. "Sie bieten ein Christentum light - aber sie sind die einzigen, die wirklich wachsen in diesen säkularisierten Zeiten", resümiert Burge. Was zieht, sei "ein Christentum fürs Herz, nicht für den Kopf."

In seiner jüngsten Analyse zu Amerikas Kulturkampf kommt er zum Ergebnis: "Die Ansichten der Menschen zu sozialen Themen werden nicht von einer kohärenten theologischen Weltanschauung geprägt. Sie werden davon geprägt, wie führende Stimmen ihrer politischen Gruppierung darüber sprechen. Oder, noch einfacher gesagt: Politik ist wichtiger als Religion." 

Quelle:
KNA