Theologe warnt vor Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche

"Wäre pädagogische Bankrotterklärung"

Nach Australien geht auch Großbritannien in Richtung einer Altersbeschränkung für Social Media, die Bundesbildungsministerin prüft Möglichkeiten. Der Erziehungswissenschaftler Andreas Büsch hält Verbote aber für den falschen Weg.

Autor/in:
Hilde Regeniter
Symbolbild: Social-Media-Apps / © Thaspol Sangsee (shutterstock)
Symbolbild: Social-Media-Apps / © Thaspol Sangsee ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Dass sich eine frühe Fixierung sehr junger Menschen auf digitale Medien negativ auf ihre Entwicklung auswirken könnte, diese Gefahr sehen Sie auch?

Prof. Andreas Büsch, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz  / © www.angelika-kamlage.de / Clearingstelle Medienkompetenz  (privat)
Prof. Andreas Büsch, Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz / © www.angelika-kamlage.de / Clearingstelle Medienkompetenz ( privat )

Andreas Büsch (Theologe und Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der katholischen Hochschule Mainz): Was bedeutet Fixierung? Der Begriff impliziert bereits, dass ich eine überzogene oder sogar ausschließliche Beschäftigung mit etwas, also in diesem Fall Social Media, habe. Das kann natürlich kein Erziehungs- oder Bildungsziel sein. 

Die Frage dahinter ist ja: Wie viel ist denn gut und welche Funktion hat es für Kinder und Jugendliche? Wobei ich sauber differenzieren möchte zwischen einer exzessiven, einer krankhaften und einer suchthaften Mediennutzung. Da müssen wir genau unterscheiden – auch mit Blick auf ICD-11 (Anmerkung der Redaktion: Die "International Classification of Diseases, 11th Revision" ist das aktuelle Standardwerk zur Verschlüsselung von Diagnosen, das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben wird), wo das Krankheitsbild künftig erfasst wird und entsprechender Behandlung bedarf. 

In Bezug auf die Gesamtbevölkerung geht es dabei - je nachdem, welche Studie ich heranziehe - um etwa ein oder zwei Prozent. Ich mag da nicht dem Publikumshype Recht geben, dass alles, was ein bisschen mehr ist, schon im Suchtbereich liegt.

DOMRADIO.DE: Sie sind auch nicht dafür, dass Deutschland dem Beispiel Australiens folgt und ebenfalls eine Altersbeschränkung verhängt. Warum nicht?

Büsch: Ich finde Verbote in pädagogischen Kontexten grundsätzlich problematisch. Salopp gesagt ist ein Verbot immer so etwas wie eine pädagogische Bankrotterklärung. Die Frage ist doch erst einmal, welche Funktion Social Media für Kinder und Jugendliche haben. Tatsächlich käme ein Social-Media-Verbot heute dem Verbot gleich, mit Freundinnen und Freunden in Kontakt zu sein. 

Social-Media-Verbot für Jugendliche in Australien / © Rick Rycroft (dpa)
Social-Media-Verbot für Jugendliche in Australien / © Rick Rycroft ( dpa )

Ich habe damals auch den Kopf geschüttelt, wenn meine Töchter -kaum aus der Schule zurück- stundenlang mit denselben Freundinnen telefoniert haben, mit denen sie gerade noch auf dem Schulweg unterwegs waren. Es scheint also ein Bedürfnis zu geben, miteinander in Kontakt zu sein, mehr und intensiver, als wir Erwachsene uns das vorstellen können. 

Das zweite ist die Frage nach der Wirksamkeit von Verboten. Technischer Jugendmedienschutz ist ein Riesenproblem. Ein Kollege hat einmal das Bonmot geprägt: 'Kind bist du so lange, wie du die elterlichen Schutzbemühungen in dem Bereich glaubst. Jugendlicher bist du, wenn du weißt, wie du sie umgehst.' Die gehen dann halt woanders hin, auf VPNs (Virtuelle Private Netzwerke) oder in Dark Social. Das ist noch viel schwerer zu kontrollieren. Außerdem ist natürlich – und das ist ein altes Thema im Jugendmedienschutz – alles, was verboten ist, besonders interessant. 

Ganz entscheidend finde ich außerdem, dass ein Verbot ablenkt von der notwendigen Diskussion über die pädagogisch relevanten Fragen. Ab wann ist denn zum Beispiel eine Smartphone-Nutzung sinnvoll? Ich erlebe häufig, dass der Übergang in die weiterführende Schule für viele Eltern der Anlass ist, ihren 10-Jährigen ein Smartphone zu kaufen, damit sie anrufen können. 

Andreas Büsch

"Bitte nicht mit einem Verbot, sondern indem wir das pädagogisch aufgreifen."

Ihnen möchte ich sagen, dass es dafür tatsächlich auch noch Tastentelefone gibt, dass es also an der Stelle gar keine Smartphones bräuchte. Außerdem müssen wir über Spielregeln zur Nutzung von Social Media sprechen, und das ist tatsächlich Erziehungsarbeit. Schlussendlich, und das müsste man auch der Ministerin noch einmal sehr deutlich sagen, ist Medienkompetenzvermittlung wirklich mit jedem neuen Kind und jedem neuen Jugendlichen immer wieder eine neue Aufgabe.

DOMRADIO.DE: Tatsächlich sagen viele Kinder und Jugendliche selbst, dass sie eine Einschränkung der sozialen Medien gut fänden…

Büsch: Das bestätigt eine seriöse Studie, die jedes Jahr im Herbst herauskommt und die den Medienumgang von 12- bis 19-Jährigen in den Blick nimmt, die sogenannte JIM-Studie. Sie dokumentiert immer wieder eine bemerkenswerte Prozentzahl von Jugendlichen, die sagen, sie fänden manchmal alles zu viel im Netz und sie machten in den Sozialen Medien mehr, als sie wollten. Das ist eine sehr vernünftige Position: Ein junger Mensch erkennt, dass etwas in dem bisherigen Maß oder Umfang nicht so gut ist. Daran können wir doch anknüpfen. Aber doch bitte nicht mit einem Verbot, sondern indem wir das pädagogisch aufgreifen.

DOMRADIO.DE: Was also würden Sie der Ministerin raten? Was wären die wichtigsten Schritte, um Kinder wirklich vor einer potenziellen Gefahr durch Social Media zu schützen?

Büsch: Wir brauchen einerseits politisch wirklich eine klare und umsetzbare Regulierung der großen Social-Media-Anbieter. Dass da einiges im Argen liegt, bestreite ich nicht. Wir müssen uns klar sein, dass wir es mit einer Handvoll Tech-Oligarchen in den USA zu tun haben, die ein völlig anderes Verständnis von Meinungsfreiheit haben als wir. 

Britisches Oberhaus stimmt für Social-Media-Aus für Kinder

Nach einer Abstimmung im Oberhaus über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren wächst in Großbritannien der Druck auf die Regierung. Die Mitglieder des House of Lords stimmten am Abend deutlich für eine entsprechende Gesetzesänderung, die zuletzt auch der britische Schauspieler Hugh Grant ("Notting Hill") unterstützt hatte. Die Entscheidung trifft aber letztlich das von der Regierungspartei Labour dominierte Unterhaus.

Social-Media-Verbot für Kinder / © Annette Riedl (dpa)
Social-Media-Verbot für Kinder / © Annette Riedl ( dpa )

Und natürlich gibt es da auch Mechanismen, die dafür sorgen, dass man möglichst lange dranbleibt, etwa ganz ohne Zeitangabe. Da bräuchten wir eine klare Regulierung und die ist nur politisch durchzusetzen. Aber wir brauchen eben auch eine Medienpädagogik, die flächendeckend und grundsätzlich ansetzt - und nicht nur einzelne Projekte hier und da, die nach kurzer Zeit wieder zu Ende sind. 

Digitale Medien sind in unseren modernen Gesellschaften nicht wegzudenken. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie es gelingen soll, dass mit 16 oder 18 Jahren plötzlich kompetente Menschen vom Baum fallen, die dann mit all den Angeboten und Möglichkeiten gut umgehen können.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, wir haben es hier weniger mit einem pädagogischen als mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun. Wie genau meinen Sie das?

Büsch: Wir müssten mehr darüber reden, mit welcher Doppelmoral Erwachsene argumentieren. Wenn Kinder Games zocken, finden sie das sofort ganz schrecklich. Wenn aber Millionen Menschen Samstag für Samstag in Fußballstadien rennen und 22 sehr gut verdienenden Menschen dabei zusehen, wie sie eine runde Kugel ins Tor dreschen, nennen sie das Kulturgut. Es ist schon schwierig, Kindern die Nutzung Sozialer Medien zu verbieten, aber gleichzeitig selbst die soundsovielte Staffel der Serie abends "wegzubingen" (in großer Menge zu konsumieren; d. Red.).

Andreas Büsch

"Mir fehlt eine breitere Akzeptanz der guten freien Alternativen."

Dass Social Media uns großartige Möglichkeiten bieten, war in den Nullerjahren sogar Gegenstand zahlreicher Papstworte zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Aber wir haben inzwischen leider auch verstehen müssen, dass diese wunderbaren Möglichkeiten in den Händen einiger weniger Oligarchen konzentriert sind. Wir brauchen keine Namen zu nennen, es ist ja klar wer hinter Meta, X und so weiter steht. 

Mir fehlt eine breitere Akzeptanz der guten freien Alternativen dazu. Es gibt ja bereits ein Fediverse (Zusammenschluss voneinander unabhängiger sozialer Netzwerke mit gemeinsamen Schnittstellen, die Nutzern den Zugriff auf alle beteiligten Netzwerke ermöglichen, ohne dort ein weiteres Konto anlegen zu müssen; Anm. d. Red.). 

Vielleicht haben Sie schon mal von Mastodon und ähnlichen Plattformen gehört, wo ich eben nicht in der Abhängigkeit dieser Techniken bin, die von Algorithmen gesteuert, immer nur die Emotionen pushen, sondern wo ich wirklich mit anderen in Austausch kommen kann. Das wäre für mich etwas, was wir noch viel stärker durchsetzen müssten.

DOMRADIO.DE: Aber tatsächlich sind wirksame Regulierungen der Portale einerseits und die Abwanderung in unabhängigere digitale Strukturen eine langwierige Angelegenheit. Genauso braucht es auch lange, bis Medienpädagogik Ergebnisse bringt. In dieser langen Zeit drohen Kinder vielleicht ihre Kindheit wegen Social Media zu verpassen. Könnte man nicht als Übergangslösung doch auf Altersbeschränkungen setzen?

Büsch: Ich bleibe dabei. Das Verbot ist der Ausfall oder der Ersatz von Erziehung. Ich verstehe alle Eltern, die sich so etwas wünschen, die sich den täglichen Kleinkampf, die Diskussionen und das Schreien nicht mehr geben möchten, ob und warum und wie viel und warum denn jetzt nicht mehr und warum das Smartphone abends aus dem Kinderzimmer rauskommt und so weiter. 

Aber wir brauchen etwas anderes als ein Verbot. Wir brauchen pädagogisch die Auseinandersetzung mit den lieben Heranwachsenden, um aus ihnen wirklich kompetente Menschen zu machen. Ein Verbot lehrt sie nicht, wie sie gut und richtig und auch selbstkritisch mit modernen Medien umgehen.

Andreas Büsch

"In meinen Augen ist das kein Menschheitsproblem."

DOMRADIO.DE: Wenn wir jetzt noch mal das gesellschaftliche Gesamtbild betrachten: Sind Sie eher optimistisch, denken Sie, wir werden das als Menschen schon lernen, die vielen digitalen Möglichkeiten sinnvoll zu dosieren? Oder sehen Sie doch die Gefahr, dass wir uns als Menschen sehenden Auges dem eigenen Untergang "entgegenwischen"?

Büsch: Ich halte nicht viel von solchen dystopischen Bildern. Ich bin überzeugt, dass diese Dinge eine Funktion haben und dass erwachsene Menschen durchaus in der Lage sein werden, sie irgendwann richtig einzuschätzen und funktional zu nutzen. Ich selbst nutze digitale Medien sehr viel: um zu arbeiten, um mich zu informieren, um zu kommunizieren, zu publizieren. Aber natürlich auch um mich unterhalten zu lassen. Am Ende eines Arbeitstages muss ich nicht mehr alles diskutieren und verhandeln, sondern möchte auch meinen Spaß haben. Und der hat wiederum viel mit digitalen Medien zu tun, mit Streaming-Diensten zum Beispiel. 

So ehrlich, finde ich, müssen wir da schon sein. Dass bestimmte Anbieter sehr wohl dafür sorgen, gerade im Bereich Social Media, dass wir eben durch bestimmte Muster und bestimmte Aufmachungen nur schwer davonlassen können, ist ein Problem. Aber in meinen Augen ist das kein Menschheitsproblem, sondern ein Regulierungsproblem.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Social Media/Soziale Medien

Der Begriff Social Media beschreibt Webseiten und Apps, über die Nutzer Inhalte kreieren sowie teilen und sich vernetzen können. Zentrales Merkmal von Social Media ist die Interaktivität. Soziale Interaktion zwischen Nutzern sowie kollaboratives Schreiben prägen den Online-Dialog, die sogenannte Many-to-many-Kommunikation. Nutzer erstellen Inhalte (User Generated Content), über die ein permanenter, zeitlich unbegrenzter Austausch mit anderen stattfindet.

Symbolbild: Jugendlicher mit Handy / © Angelika Warmuth (dpa)
Symbolbild: Jugendlicher mit Handy / © Angelika Warmuth ( dpa )
Quelle:
DR

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