Es mag ein wenig skurril wirken, dass das Staatsoberhaupt des Staates Vatikanstadt außerhalb des Staatsgebietes wohnt. Doch im Hinblick auf den Wohnsitz Papst Leos XIV. geht es um eine Übergangslösung. Der Pontifex lebt derzeit in einer Wohnung im Gebäude der vatikanischen Glaubensbehörde auf italienischem Staatsgebiet. Wann der Einzug in die Papstwohnung im Apostolischen Palast erfolgen wird, bleibt weiterhin ungewiss, wie Vatikan-Sprecher Matteo Bruni am Dienstag mitteilte.
Der Apostolische Palast, häufig auch als Päpstlicher Palast bezeichnet, ist heute untrennbar mit dem Bild des Papsttums verbunden. Von hier aus betet der Papst wöchentlich den "Angelus" ("Engel des Herrn"), hier befinden sich Einrichtungen der Römischen Kurie, aber auch einige der bedeutendsten Kunstwerke der Welt. Doch dass der Papst ausgerechnet im Vatikan residiert, ist historisch gesehen keineswegs eine Selbstverständlichkeit.
Lateran erster offizieller Amtssitz
In den ersten Jahrhunderten des Christentums verfügten die Päpste über keinen festen, repräsentativen Wohnsitz. Als Bischöfe von Rom lebten sie – soweit dies unter den Bedingungen wechselnder Verfolgungen möglich war – vergleichsweise schlicht. Erst nach der Konstantinischen Wende im 4. Jahrhundert änderte sich die Situation grundlegend. Unter Kaiser Konstantin wurde den Christen das Areal des Laterans am südlichen Stadtrand zur Verfügung gestellt. Dort entstand neben der römischen Bischofskirche der Lateranpalast, der über viele Jahrhunderte hinweg die wichtigste päpstliche Residenz blieb. Der Lateran war nicht nur Wohnort, sondern auch kirchliches Machtzentrum; die Lateranbasilika ist bis heute die eigentliche Kathedrale des Bischofs von Rom.
Der Vatikan spielte in dieser frühen Phase nur eine untergeordnete Rolle. Zwar befindet sich dort das Grab des Apostels Petrus, über dem Konstantin die erste Peterskirche errichten ließ, doch als Wohnsitz diente das Gebiet zunächst kaum. Erst allmählich entstanden in der Umgebung der Peterskirche Gebäude, die päpstlichen Zwecken dienten. Ein erster, bescheidener Palastbau lässt sich bereits für das frühe Mittelalter nachweisen.
Aufstieg des Vatikans ab der Renaissancezeit
Eine entscheidende Zäsur stellte das 14. Jahrhundert dar. Mit dem Umzug der Päpste nach Avignon (1309-1377) verlor Rom vorübergehend seine Funktion als päpstliche Residenz. Als die Päpste schließlich zurückkehrten, fanden sie viele ihrer früheren Gebäude – darunter auch den Lateranpalast – in schlechtem Zustand vor. In dieser Situation gewann der Vatikan an Bedeutung. Die Nähe zur Peterskirche, die symbolische Verbindung zum Apostel Petrus und die Möglichkeit, neue Bauten zu errichten, machten das Areal zunehmend attraktiv. Außerdem wähnten sich die Päpste hier vor den rivalisierenden Familienclans der Stadt in Sicherheit.
Der eigentliche Aufstieg des Apostolischen Palastes zum festen Wohn- und Regierungssitz der Päpste fällt in die Zeit der Renaissance. Ab dem späteren 15. Jahrhundert wurde der heutige Vatikanpalast errichtet. Unter den Päpsten Sixtus IV., Innozenz VIII. und vor allem Julius II. entstand ein weitläufiger Gebäudekomplex, der Wohnen, Repräsentation, Verwaltung und Liturgie miteinander verband. Die berühmte Sixtinische Kapelle, die päpstlichen Gemächer sowie zahlreiche Höfe und Korridore sind Zeugnisse dieser Epoche.
Der Palast war dabei nie als privates Wohnhaus im modernen Sinn konzipiert. Er war – und ist es immer noch – eine Amtsresidenz. Darauf weist auch der Kunsthistoriker Martin Raspe hin, der zur Architektur der Renaissance und des Barock in Italien forscht und sich auch mit der Geschichte und Funktion der päpstlichen Wohnräume befasst hat. Die heutigen päpstlichen Gemächer seien groß und stark auf Repräsentation ausgerichtet. Die Ausstattung habe dagegen wenig historischen Wert. "Für eine private Wohnung, wie man sie als 'Normalmensch' gewohnt ist, erscheint das Ambiente wahrscheinlich zu groß und unpersönlich", so Raspe. Gerade diese Spannung zwischen Amt und Privatheit präge den Apostolischen Palast bis heute.
Verschiedene Residenzen für unterschiedliche Bedürfnisse
Im Lauf der Jahrhunderte blieb der Vatikan zwar der wichtigste päpstliche Wohnort, doch nutzten die Päpste immer wieder auch andere Residenzen. Ende des 16. Jahrhunderts ließ Papst Gregor XIII. auf dem Quirinalshügel den Quirinalspalast als Sommerresidenz errichten. Als solche, aber auch als Ausrichtungsort des Konklave zur Papstwahl und als Verwaltung des Kirchenstaates diente das Gebäude bis 1871, als es durch den neu gegründeten italienischen Staat beschlagnahmt wurde. Heute ist der Quirinalspalast Amtssitz des italienischen Staatspräsidenten.
Seit 1628 war Castel Gandolfo eine weitere Sommerresidenz der Päpste, wo sie vor der römischen Hitze Zuflucht finden konnten. Durch die Lateranverträge von 1929 wurde Castel Gandolfo dem Heiligen Stuhl als exterritoriale Besitzung zugesichert und diente fortan als alleinige Sommerresidenz. Dennoch blieb der Apostolische Palast im Vatikan das Zentrum päpstlicher Machtentfaltung – nicht zuletzt nach dem Verlust des Kirchenstaates im 19. Jahrhundert, als der Vatikan zum symbolischen Rückzugsraum des Papsttums wurde.
Der Papst verstand sich als "Gefangener im Vatikan". Bis zur Wahl von Papst Pius XI. 1922 war es daher üblich, den Segen "Urbi et orbi" nicht von der Außenloggia zum Petersplatz und zur Stadt hin zu spenden, sondern von der Innenloggia in den Petersdom hinein als Zeichen des Protests gegen die Annexion des Kirchenstaates durch das Königreich Italien.
Umbauten und Modernisierungen
Im 20. Jahrhundert erfuhr der Palast zahlreiche Umbauten und Modernisierungen. Besonders unter Johannes Paul II. wurden die päpstlichen Wohnräume an zeitgenössische Bedürfnisse angepasst, ohne ihren historischen Charakter aufzugeben. Dennoch blieb der Palast ein Ort mit starkem protokollarischem Gewicht. Diese Prägung spielte eine wichtige Rolle, als Papst Franziskus 2013 entschied, nicht in die Papstwohnung einzuziehen, sondern im vatikanischen Gästehaus Santa Marta zu leben. Seine Entscheidung wurde weithin als bewusstes Zeichen für Bescheidenheit und Nähe gedeutet und markierte zugleich einen Bruch mit einer jahrhundertelangen Tradition.
Während des Pontifikats von Franziskus blieben die päpstlichen Gemächer im Apostolischen Palast weitgehend ungenutzt. Nach seinem Tod wurden sie – wie üblich – versiegelt. Erst mit der Wahl von Papst Leo XIV. wurden diese Siegel wieder entfernt. Damit ist grundsätzlich der Weg frei für eine Rückkehr des Papstes in den Palast. Doch der Sanierungsstau von 13 Jahren und die damit verbundenen Arbeiten lassen nach wie vor keine Nennung eines genauen Zeitpunkts zu – das Papsttum als Baustelle?
Hohe Symbolische Bedeutung
Vatikankenner wie Ulrich Nersinger weisen immer wieder darauf hin, dass Fragen der päpstlichen Wohnsituation nicht nur organisatorische Details betreffen, sondern auch eine hohe symbolische Bedeutung haben. Wo der Papst lebt, sagt viel darüber aus, wie er sein Amt versteht und wie er sich selbst im Spannungsfeld zwischen Tradition und Gegenwart positioniert.
Ob und wann Papst Leo XIV. tatsächlich in den Apostolischen Palast einziehen wird, bleibt daher mehr als eine logistische Frage. Sie berührt die Geschichte des Papsttums ebenso wie seine zukünftige Gestalt. Der Apostolische Palast ist kein bloßes Gebäude, sondern ein historisch gewachsener Ausdruck päpstlicher Autorität – und zugleich ein Ort, an dem jede neue Generation von Päpsten ihren eigenen Akzent setzen muss.