Dogmatiker analysiert Verhältnis der US-Katholiken zu Trump

"Vom Auftreten her agiert Leo als Anti-Trump"

Ein Jahr nach dessen zweitem Amtsantritt zeichnet der Theologe und US-Kenner Benjamin Dahlke ein differenziertes Bild vom Katholizismus unter Donald Trump. Geeint sieht er die Bischöfe aber in ihrer Kritik am harten Migrationskurs.

Autor/in:
Hilde Regeniter
Donald Trump / © Jonah Elkowitz (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Am Tag nach der Amtseinführung vor knapp einem Jahr haben Sie mit Blick auf das Verhältnis USA-Vatikan gesagt, es werde schon schwierig werden. Wie schwierig ist es tatsächlich geworden?

Prof. Dr. Benjamin Dahlke / © Frank Gritschak (DR)
Prof. Dr. Benjamin Dahlke / © Frank Gritschak ( DR )

Prof. Benjamin Dahlke (Professor für Dogmatik an der Universität Eichstätt und US-Experte): Es ist in der Tat schwierig geworden, gerade in Fragen der Migrationspolitik. Das hatte sich bereits während des Wahlkampfes angedeutet, als Trump ankündigte, auch Abschiebungen in größerem Maße vorzunehmen und auch die Grenzen sehr streng bewachen zu lassen. 

Hinzugekommen ist, dass jetzt innerhalb des Landes die Migrationsagentur ICE eingesetzt wird und sich dagegen massiver Widerstand formiert hat. Das ist ein zentrales Thema, bei dem es erhebliche Differenzen zwischen der aktuellen Administration und der katholischen Kirche gibt.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle hat es gespielt, dass nur wenige Monate nach Trumps Amtseinführung mit Robert Prevost ein US-Amerikaner als Leo XIV. neuer Papst geworden ist?

Dahlke: Einerseits hat der neue Papst die migrationspolitischen Vorstellungen von Franziskus fortgesetzt. Das tut er nicht in jeder Hinsicht, aber in der Tendenz sehr wohl, indem er nämlich weiter für einen humanen Umgang mit Migrantinnen und Migranten plädiert. Da zeigt sich auf jeden Fall Kontinuität. 

In anderen Bereichen geht Leo eher in Richtung der aktuellen Administration, was die Bedeutung der Familie angeht, oder in Fragen der Abtreibung sowie anderen moraltheologischen Themen. Da sehe ich eher einen untergründigen Konsens, während es bei der Migration weiterhin einen untergründigen Dissens gibt.

Benjamin Dahlke

"Leo XIV. ist natürlich in der Art und Weise, wie er agiert, ein Anti-Trump."

DOMRADIO.DE: Manche haben in Papst Leo XIV. von Beginn an eine Art Anti-Trump gesehen. Hat sich diese Interpretation in ihren Augen bewahrheitet?

Dahlke: Leo XIV. ist natürlich in der Art und Weise, wie er agiert, ein Anti-Trump. Das ist alles sehr viel bedächtiger, sehr viel vorsichtiger, sehr viel gemessener. Es gibt keine spontanen Aktionen wie unter Franziskus und schon gar keine Ausbrüche oder Beschimpfungen, wie das gelegentlich bei Trump der Fall ist. In dem Sinn ist Leo auf jeden Fall ein Anti-Trump.

Aber dass er jetzt eine komplett konträre Sicht vertreten würde, dass es also große Bereiche politischer und moraltheologischer Art gäbe, wo er gegen Trump ist, sehe ich wiederum auch nicht. Wir haben es hier mit einem differenzierten Bild zu tun.

DOMRADIO.DE: Die katholische Bischofskonferenz in den USA ist, was die Haltung der einzelnen Bischöfe zu Trump angeht, gespalten. Nachdem sich Trump unverhohlen als Weltimperator aufgeführt hat, sich über die Souveränität Venezuelas hinweggesetzt hat und mit aggressiver Rhetorik Anspruch auf Grönland erhoben hat, haben sich jetzt gerade drei Kardinäle sehr klar und besorgt geäußert. Wie deuten Sie das?

Dahlke: Es handelt sich um drei markante Figuren des amerikanischen Katholizismus: Kardinal Blase Cupich aus Chicago, Kardinal Robert McElroy aus Washington und Kardinal Joseph Tobin aus Newark. Alle drei hat Franziskus zu Kardinälen erhoben, alle drei haben bereits im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen relativ offen Sympathien für die Demokratische Partei gezeigt. Nach der Wahlniederlage war es dann sehr ruhig um die drei geworden, sie haben sich praktisch nicht mehr zu Wort gemeldet. 

In meiner Wahrnehmung ist die Erklärung der Versuch, wieder an die Oberfläche zu kommen. Mit diesem außenpolitischen Thema schalten sie sich wieder in die Politik ein. Ich glaube nicht, dass es Aufgabe der drei Kardinäle ist, Außenpolitik zu machen. Aber sie wollten vor allem zeigen, dass sie noch da sind und weiter Kritik an der aktuellen Administration üben.

DOMRADIO.DE: Das brachiale Vorgehen der Trump-Administration gegen Migranten haben die Bischöfe fast einstimmig verurteilt. Welche Entwicklung sehen Sie insgesamt, wenn Sie auf die Bischöfe gucken?

Erzbischof Paul Coakley (Erzbistum Oklahoma City)

Dahlke: Die US-Bischofskonferenz hat vor kurzem einen neuen Vorsitzenden und einen neuen Co-Vorsitzenden gewählt. Der neue Vorsitzende Paul Coakley und sein Vize Daniel Flores stehen für eine moraltheologisch eher konservative Ausrichtung. Es ist also nicht so, dass es einen Umbruch oder Kurswechsel geben würde. 

In Migrationsfragen gibt es hingegen einen großen Konsens. Das scheint mir unter allen Bischöfen klar zu sein, dass man humanitäre Standards einhalten muss, dass die rechtlichen Standards auf jeden Fall zu beachten sind. Also bietet sich auch hier ein für uns vielleicht nicht so schnell nachvollziehbares Bild, weil es so viele verschiedene Ebenen gibt.

Benjamin Dahlke

"Aber natürlich sagen auch viele Katholikinnen und Katholiken: "Wir möchten christliche Werte erhalten. Wir möchten ein christliches Land sein".

DOMRADIO.DE: Christlicher Nationalismus steht in den USA hoch im Kurs und wird von Trump persönlich immer wieder neu befeuert. Welche Schnittmenge sehen Sie zwischen diesem christlichen Nationalismus und dem US-Katholizismus?

Dahlke: Hinter dem Konzept des christlichen Nationalismus steht zunächst einmal, dass die USA von Christen gegründet wurden und auch ein Land sein sollten, das für christliche Werte eintritt. Das bedeutet, dass die nationale Identität und die christliche Religion bis heute in einem engen Wechselverhältnis stehen. 

Historisch gesehen waren die Katholiken am Anfang nur eine kleine Minderheit und dementsprechend nur geringfügig beteiligt an der Gründung des Landes. Aber natürlich sagen auch viele Katholikinnen und Katholiken: "Wir möchten christliche Werte erhalten. Wir möchten ein christliches Land sein" – 'A nation under God‘" Das ist die Idee und da sehe ich schon erhebliche Schnittmengen. 

Ich halte das für ein Thema, das die amerikanischen Katholiken und die amerikanische Kirche insgesamt diskutieren müssen: Es geht darum, inwieweit sie sich an diesem Konzept des christlichen Nationalismus beteiligen oder inwieweit sie dagegen Distanz markieren müssen, weil die Katholiken da nicht in jeder Hinsicht mitmachen können.

DOMRADIO.DE: Wagen Sie eine Prognose, wie sich das Verhältnis zwischen Politik und Religion in den USA unter Trump weiterentwickeln wird? Wo werden wir in einem Jahr stehen?

Dahlke: Eine Frage, die ich aufmerksam verfolge, ist die Entwicklung der sogenannten "Nons", also derjenigen, die religiös nicht gebunden sind und keiner Kirche angehören. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren relativ stark gewachsen. Manche Politikwissenschaftler halten das für eine Gegenbewegung zum Rechtstrend innerhalb der amerikanischen Kirche, auch innerhalb der amerikanischen Politik – auch gegen das Verständnis, wer katholisch ist, müsse republikanisch wählen. Das ist eine gefährliche Konstruktion, die genau das Gegenteil bewirkt. Diese Entwicklung möchte ich intensiv im Blick haben. 

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR

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