Auch ein Papst ist nicht vor Entführung sicher

Wenn der Nachfolger Petri verschleppt wird

In der Regel erfährt der Papst im persönlichen Umgang großen Respekt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass selbst Päpste nicht vor Entführungen sicher waren. Das kam gar nicht so selten vor, weiß Vatikan-Experte Ulrich Nersinger.

Autor/in:
Marcus Poschlod
Der Apostel Petrus starb den Märtyrer-Tod, auch einigen Nachfolgern erging es schlecht. / © Renata Sedmakova (shutterstock)
Der Apostel Petrus starb den Märtyrer-Tod, auch einigen Nachfolgern erging es schlecht. / © Renata Sedmakova ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Welcher Papst wurde denn entführt und von wem?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte und Buchautor): Das war Pius VI. und später auch sein Nachfolger Pius VII. Der Entführer war Napoleon Bonaparte. Die Geschichte fällt in die Zeit der napoleonischen Eroberungskriege - einer Zeit, wo Europa sehr gelähmt war und Napoleon sich verhielt als sei er der Alleinherrscher.

Vatikanexperte und Buchautor Ulrich Nersinger. (EWTN)
Vatikanexperte und Buchautor Ulrich Nersinger. / ( EWTN )

DOMRADIO.DE: Was ist damals mit Pius VI. passiert?

Ulrich Nersinger

"Napoleon hatte erkannt, dass der Papst eine Gefahr darstellt."

Nersinger: Napoleon hatte erkannt, dass der Papst eine Gefahr darstellt. Weniger durch seine Soldaten - das päpstliche Heer war sehr klein, fast unbedeutend und hatte keine große Wirkung gegen einen Aggressor - aber wegen dessen moralischer Autorität. Das Empfinden der Katholiken war doch sehr stark, das Napoleon zurecht fürchtete. Er wollte den Papst in den eigenen Machtbereich bekommen und unter Kontrolle halten.

Napoleon-Figur in Waterloo / © Erika Rebmann (KNA)
Napoleon-Figur in Waterloo / © Erika Rebmann ( KNA )

DOMRADIO.DE: Und dafür hat man ihn entführt. Wie hat das damals die Weltöffentlichkeit aufgenommen?

Nersinger: Die Welt war schockiert, generell schockiert. Man sah einen unglaublichen Aggressor, einen Eroberungswillen, der kaum zu stillen war und man war gelähmt. 

Pius VI. und Pius VII. waren nicht gelähmt. Beide haben sich in dieser Gefangenschaft sehr stark gezeigt und besaßen einen gewissen Galgenhumor. Napoleon hat einmal Pius VII. unter starken Druck setzen wollen, hatte damit aber keinen Erfolg und sagte dann: "Wissen Sie, dass die katholische Kirche auch ohne einen Papst auskommen kann?" Und da hat der Papst geantwortet: "Ja, so wie Frankreich ohne Napoleon Bonaparte".

DOMRADIO.DE: Eine wilde Geschichte, von der ich noch nie gehört habe. Auch Adolf Hitler soll versucht haben, einen Papst zu entführen. Den damaligen Papst Pius XII. Was ist denn an dieser Geschichte dran, Herr Nersinger?

Ulrich Nersinger

"Hitler hatte tatsächlich den Plan, die Vatikanstadt zu erstürmen und den Papst zu entführen."

Papst Pius XII. im Vatikan (KNA)
Papst Pius XII. im Vatikan / ( KNA )

Nersinger: Es gibt noch viel Nebel, der diese Geschichte umhüllt, aber man erkennt heute, dass an ihr viel Wahres ist. Es bestand eine wirklich ernsthafte Gefahr für den Papst. Hitler hatte tatsächlich den Plan, die Vatikanstadt zu erstürmen und den Papst zu entführen.

DOMRADIO.DE: Wissen wir heute, warum der Plan nicht umgesetzt wurde?

Nersinger: Ja, das wissen wir ziemlich genau. 1943 drohte dieser Plan durchgeführt zu werden. Das bekamen zwei führende Nazigrößen mit: General Karl Otto Wolff, der für die SS und für die Polizei in Italien zuständig war, und Rudolf Rahn, der Botschafter des Deutschen Reiches in Italien. 

Sie waren beide überzeugte Nationalsozialisten, aber sie erkannten, welch' große Gefahr in dieser Absicht bestand. Beide hatten Termine in Ostpreußen in der Wolfsschanze (Ostpreußen), im Führerhauptquartier, und waren bemüht, Hitler umzustimmen. Nicht nur Hitler, sondern auch den Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, der auch ein großes Interesse am Vatikan hatte. 

Hitler natürlich, weil er die Gefahr sah, dass der Papst sich zu einem großen Gegner entwickelte, den er unbedingt kaltstellen wollte. Und Himmler, von esoterischen Ansichten durchdrungen und gelenkt, der verlangte, wenn der Vatikan besetzt würde, dort angeblich von Germanen geraubte und versteckte Artefakte, wie zum Beispiel Runenheiligtümer, zu finden - völlig irre Vorstellungen. 

Ulrich Nersinger

"Papst Pius XII. hatte für den Fall, dass er gefangen genommen wird, seinen Rücktritt erklärt."

General Wolff und Botschafter Rahn behaupteten: Nein, das können wir nicht, wir haben nicht genug Leute; das ist zu gefährlich, wir müssen auf einen großen Widerstand gefasst sein. Und sie haben es geschafft, Hitler und Himmler von diesem Plan abzubringen.

DOMRADIO.DE: Wusste denn Papst Pius XII. von der Gefahr?

Schwester Pascalina war eine deutsche Ordensschwester, Haushälterin und Assistentin von Pius XII. (KNA)
Schwester Pascalina war eine deutsche Ordensschwester, Haushälterin und Assistentin von Pius XII. / ( KNA )

Nersinger: Ja, er wusste eindeutig davon, dafür gibt es auch einige Belege - zum Beispiel von seiner Haushälterin Mutter Pascalina Lennert. Pius XII. hatte ihr einen Brief übergeben und darin seinen Rücktritt für den Fall erklärt, dass der Vatikan erstürmt und er gefangen genommen wird. 

Er hat dann zur Mutter Pascalina gesagt: Wenn sie mich in die Hände bekommen, dann bekommen sie Eugenio Pacelli in die Hand (bürgerlicher Name des Papstes, Anm. d. Red.), aber nicht Pius XII. Das war ein Rücktrittsdekret, das auch vollzogen worden wäre.

Das Interview führte Marcus Poschlod. 

Vatikanstaat

Welcher Religionsführer hat schon eine Tankstelle und einen Supermarkt unter sich? Und einen historischen Bahnhof. Was nach einer Insel mit zwei Bergen klingt, ist tatsächlich ein Kleinstaat mitten in Europa.

Petersplatz im Vatikan  / © Agustin Jose Jemic (shutterstock)
Petersplatz im Vatikan / © Agustin Jose Jemic ( shutterstock )
Quelle:
DR

Die domradio- und Medienstiftung

Unterstützen Sie lebendigen katholischen Journalismus!

Mit Ihrer Spende können wir christlichen Werten eine Stimme geben, damit sie auch in einer säkulareren Gesellschaft gehört werden können. Neben journalistischen Projekten fördern wir Gottesdienstübertragungen und bauen über unsere Kanäle eine christliche Community auf. Unterstützen Sie DOMRADIO.DE und helfen Sie uns, hochwertigen und lebendigen katholischen Journalismus für alle zugänglich zu machen!

Hier geht es zur Stiftung!