DOMRADIO.DE: Welchen Stellenwert haben letzte Worte in Ihrem Alltag?
Anke Bidner (Leiterin eines Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Hospizdienstes des Malteser Hilfsdienstes im Oberbergischen Kreis): Letzte Worte haben einen sehr großen Stellenwert. Das merken wir immer wieder, wenn wir mit Hinterbliebenen sprechen. Wir haben ein Trauerzentrum, in dem wir mit ehrenamtlichen Trauerbegleitern im Jahr etwas über hundert Menschen begleiten. Diese Menschen erzählen oft sehr ausführlich davon, was ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist.
Ich erinnere mich an einen Mann, der zu mir kam und sagte, er habe seiner Frau vor 15 Jahren auf dem Sterbebett versprochen, sie zu lieben wie keine andere. Nun hatte er eine neue Partnerin kennengelernt und kam damit nicht zurecht. Auf meine Frage, ob er diese Frau genauso liebe wie seine verstorbene Frau, sagte er: Nein, nicht genau so, sie habe andere Vorzüge. Da konnte er sein Versprechen neu einordnen und es kam zu einer großen Erleichterung. Daran sieht man, dass letzte Worte sehr lange nachwirken können. Deshalb müssen sie gut gewählt sein.
DOMRADIO.DE: Es ist schwer vorherzusehen, wie Worte viele Jahre später wirken. Ein Kameramann bietet an, Testamente oder letzte Botschaften per Video aufzunehmen. Sind Ihnen solche Wünsche begegnet?
Bidner: Ein Testament muss handschriftlich vorliegen, egal ob notariell beglaubigt oder nicht. Sonst hat es keinen juristischen Wert. Für ideelle Dinge – etwa wer eine Vase oder ein Schmuckstück bekommen soll – kann ein Video hilfreich sein. Für größere materielle Werte braucht es weiterhin ein juristisch sicheres Testament.
Ich habe den Beitrag gesehen und musste etwas schmunzeln. Der Kameramann hat sicher eine gute Geschäftsidee. Aber was das emotional auslösen kann, ist ihm, glaube ich, nicht bewusst. Ich denke oft an den Satz: Den eigenen Tod stirbt man, mit dem Tod der anderen muss man leben. Wenn jemand im Video Dinge anspricht, die verletzend waren, gibt es keine Möglichkeit mehr zur Klärung oder zur Vergebung. Das finde ich sehr problematisch.
DOMRADIO.DE: Kann so ein Video Angehörigen dennoch guttun?
Bidner: Ich glaube nicht, dass es heute noch befremdlich ist, Verstorbene auf Video zu sehen. Wir haben alle Smartphones, Kinder wachsen mit Videos von Oma und Opa auf.
Die entscheidende Frage ist: Wer begleitet diesen Prozess? Ich würde mir wünschen, dass Menschen, die solche Videos erstellen, auch eine trauerbegleitende Ausbildung haben. Denn die Menschen wollen ja etwas Gutes hinterlassen und niemanden verletzen. Dafür braucht es fachliche Begleitung.
DOMRADIO.DE: Erleben Sie solche Situationen häufig im Hospiz-Alltag?
Bidner: Gerade bei jungen Eltern, die sterben, ist es sehr wichtig, den Kindern etwas zu hinterlassen. Geschichten aus der eigenen Kindheit, Wünsche, stärkende Worte. Das hilft Kindern oft bis ins Erwachsenenalter. Viele entscheiden sich bewusst für Audioaufnahmen statt Video. Die Stimme allein kann sehr tröstlich sein.
DOMRADIO.DE: Gibt es Erfahrungen, wie stark Stimmen oder letzte Worte wirken?
Bidner: Ja. Eine junge Frau hörte immer wieder den Anrufbeantworter ihrer Freundin ab, bis das nicht mehr möglich war. Danach war sie sehr verzweifelt. Dann haben wir gemeinsam Erinnerungen gesucht, Situationen, die Halt geben. Auch das kann sehr stärkend sein.
DOMRADIO.DE: Die Künstliche Intelligenz kommt immer öfters in unserem Alltag vor. Spielt sie auch im Zusammenhang von Sterben und Trauern eine Rolle?
Bidner: Ja. Es gibt inzwischen Möglichkeiten, verstorbene Menschen als Avatare weiterleben zu lassen. Das sehe ich sehr kritisch. Was passiert, wenn jemand in einer Krise Rat sucht und die KI immer nur bestärkt? Was, wenn jemand nicht mehr leben möchte? Wie reagiert eine KI darauf? Das sind Fragen, die uns sehr umtreiben.
Das Interview führte Marcus Poschlod.