Mit dem vorsichtigen Abtragen der Lehmform beginnt der Moment der Wahrheit: In der traditionsreichen Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck ist in diesen Tagen die neue Credamusglocke für den Magdeburger Dom ausgepackt worden. Eine Delegation des Fördervereins Domglocken Magdeburg e.V. war eigens angereist, um bei diesem besonderen Augenblick dabei zu sein. Nach dem erfolgreichen Guss Ende November zeigte sich nun erstmals die vollendete Gestalt der rund 14 Tonnen schweren Glocke – ein Moment großer Spannung, Erleichterung und sichtbarer Freude.
Denn so gelungen der Guss auch verlaufen war: Absolute Gewissheit gibt es in der Glockengießerei erst dann, wenn die Lehmform geöffnet wird. "Der Moment des Auspackens gleicht der Geburt eines Kindes", sagt Johannes Grassmayr gegenüber DOMRADIO.DE. "Vieles spricht für ein gutes Ergebnis, doch Gewissheit gibt es erst, wenn die Form geöffnet wird."
Acht Minuten unter höchster Anspannung
Der Entstehung der Credamusglocke gingen Wochen intensiver Vorbereitung voraus – und schließlich acht Minuten, die über Erfolg oder Scheitern entschieden. Am 28. November wurde in Innsbruck der Guss vollzogen. "Acht Minuten lang dauerte der Guss der Credamusglocke – acht Minuten, die über Erfolg oder Scheitern eines einzigartigen Projekts entschieden", so Grassmayr.
Die Anspannung unter den Glockengießern war entsprechend groß. 17 Tonnen Bronze wurden auf über 1.100 Grad erhitzt, um die rund 14 Tonnen schwere Glocke zu gießen. Dabei musste die Lehmform im unteren Bereich einem Druck von etwa 120 Tonnen standhalten. "In höchster Konzentration verfolgte das Team den Gussvorgang", schildert Johannes Grassmayr. Als sich die Steiger – die Kanäle, durch die die Bronze in die Form fließt – am Ende mit glühender Bronze füllten, stand fest: Der Guss war gelungen.
Schicht für Schicht ans Licht
Nach den Weihnachtstagen, die etwas Erholung brachten, wuchs die Spannung erneut. Nun reisten Mitglieder des Magdeburger Domglockenvereins erneut nach Innsbruck, um beim Auspacken der Glocke dabei zu sein – einem Moment, der handwerklich wie emotional von besonderer Bedeutung ist.
Zunächst wurde die Form im Bereich der Krone geöffnet. Abfallende Lehmstücke gaben den Blick auf die ersten Henkelkronen frei. "Schicht für Schicht wurde die Form weiter geöffnet und die Credamusglocke aus der Grube gehoben", sagt Grassmayr. Langsam kam die Glocke zum Vorschein, noch mit einzelnen Lehmresten an der Oberfläche, aber in ihrer Gestalt bereits klar erkennbar.
Als erstes trat das zentrale Bildmotiv hervor: der Christus, modelliert vom Maler und Grafiker Gerd Weber. Nach und nach wurden weitere Verzierungen sichtbar. In der Gusshalle machte sich spürbare Erleichterung breit. "Große Erleichterung und Freude erfüllten die Gusshalle", so Grassmayr.
Dank und gemeinsames Innehalten
Der Moment blieb nicht auf das Technische beschränkt. "Eine Besucherin aus Magdeburg entzündete spontan zum Dank eine Kerze", erzählt Johannes Grassmayr. Anschließend stieß man mit einem edlen Schnaps auf die gelungene Glocke an – ein stilles Ritual, das in der Glockengießerei Grassmayr seit Generationen gepflegt wird und Handwerk, Gemeinschaft und Glauben verbindet.
Für den Magdeburger Dom ist die Credamusglocke von herausragender Bedeutung. Sie wird künftig als größte Glocke des Geläuts erklingen und das klangliche Erscheinungsbild der Kathedrale entscheidend prägen. Ihr Name "Credamus" – "Lasst uns glauben" – verweist bewusst auf das christliche Glaubensbekenntnis und setzt ein weithin hörbares Zeichen der Hoffnung.
In der Rangliste der deutschen Monumentalglocken wird sie nach der Kölner Petersglocke die zweitgrößte Bronzeglocke Deutschlands sein. Etwa gleichschwer wie die Credamus und vom Durchmesser her fast so groß wie der "decke Pitter" in Köln ist die Kaiserglocke der Stiftskirche in Neustadt an der Weinstraße. Sie ist jedoch nicht aus Bronze, sondern aus Gussstahl.
Noch Arbeit vor der Klangprobe
So eindrucksvoll der erste Anblick der Glocke ist: Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Wochen müssen Lehmreste und Eingussbereiche entfernt, Gussnähte sorgfältig ziseliert werden. "Erst dann kann die Klangprobe stattfinden", erklärt Johannes Grassmayr. Für Glockenexperten wie für die Mitglieder des Fördervereins ist dies ein besonders spannender Moment – denn erst beim Anschlag zeigt sich endgültig, ob Tonhöhe, Klangfarbe und Schwingungsverhalten den Erwartungen entsprechen.
Aufgrund des großen Interesses vieler Glockenfreunde wird die Credamusglocke im März bei einem "Tag der offenen Tür" in der Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck präsentiert und erstmals öffentlich erklingen. Ihr tiefer Schlagton, das d in der kleinen Oktave, wird dann den Raum erfüllen.
Bis die Credamusglocke schließlich ihren Platz im Magdeburger Dom einnimmt und dort erstmals über der Elbe zu hören sein wird, braucht es noch etwas Zeit. Doch mit dem erfolgreichen Auspacken ist ein entscheidender Schritt getan. Was in monatelanger Vorarbeit begann und Ende November in acht hochkonzentrierten Minuten gipfelte, hat nun sichtbar Gestalt angenommen – als Glaubenszeichen aus Bronze, bereit für seinen künftigen Dienst im Magdeburger Dom.