Theologin Polak warnt vor zunehmendem Antisemitismus

"Wie ein Chamäleon"

Die Geschichte ist vielen lästig. Antisemitische Einstellungen finden sich laut der Theologin Regina Polak an beiden Rändern des politischen Spektrums und nehmen zu. Was beunruhigt sie und welche Herausforderungen sieht sie?

Eine Kippa liegt neben einer Pfütze auf dem Asphalt / © Harald Oppitz (KNA)
Eine Kippa liegt neben einer Pfütze auf dem Asphalt / © Harald Oppitz ( KNA )

Die Theologin Regina Polak ist besorgt über weltweit zunehmenden Antisemitismus. Im Interview mit den österreichischen Kirchenzeitungen vom Mittwoch warnte die neue Präsidentin des österreichischen Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit: "Antisemitismus ist wie ein Chamäleon und ändert sein Erscheinungsbild in der Geschichte."

Regina Polak ist Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog an der Wiener Universität. / © Regina Polak (privat)
Regina Polak ist Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog an der Wiener Universität. / © Regina Polak ( privat )

Die Studie "Was glaubt Österreich?", die ihr Institut 2024 gemeinsam mit dem ORF durchgeführt hat, belege, dass der Antisemitismus quer durch die Gesellschaft zunehme. Eine Erinnerungskultur sei zum Beispiel nicht gern gesehen. Ganze 40 Prozent seien "dagegen, dass man immer wieder die Tatsache aufwärmt, dass im Zweiten Weltkrieg Juden umgekommen sind". 

Am linken und am rechten Rand des politischen Spektrums sei der Antisemitismus besonders stark. "Rechts noch stärker als links, aber auch links", sagte die Professorin für Praktische Theologie und Interreligiösen Dialog an der Universität Wien.

Kritik an Israel

Eine der größten Herausforderungen sei sicher der israelbezogene Antisemitismus. Oft führten Stereotype dazu, dass Israel delegitimiert oder dämonisiert wurde oder dass doppelte Standards angelegt würden. Dem hielt Polak entgegen: "Kritik an Regierungsentscheidungen in Israel soll - wie bei anderen Ländern auch - menschenrechtliche, völkerrechtliche oder politische Probleme adressieren, aber nicht das Existenzrecht des Staates Israel infrage stellen."

Im Blick auf eine auch künftig notwendige Erinnerungskultur sagte Polak: "Ich wünsche mir in Österreich ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Geschichte nicht vorbei ist. Nicht für die jüdischen Familien, deren Familien ausgerottet wurden. Und auch nicht für jene Familien, die sich zu wenig damit auseinandergesetzt haben, welche Rolle ihre Vorfahren in der NS-Zeit gespielt haben."

Christsein braucht das Judentum

Christsein geht laut Polak nicht ohne Bezug zum Judentum. Der interreligiöse Dialog sei "nicht nur ein Hobby, sondern eigentlich eine Verpflichtung für Gläubige". Man müsse dafür die eigene und die anderen Traditionen gut kennen, so Polak. Das könne viel Freude bereiten: Die Theologin erinnerte an eine Veranstaltung mit einem Rabbiner, "in der wir gemeinsam Texte aus dem Alten Testament interpretiert haben". 

Es sei sehr bereichernd gewesen, die Fülle der Bedeutungen in den Texten wahrnehmen zu können. In der jüdischen Tradition gebe es eine große Liebe zur Vielfalt der Deutungen: "Es hat mir eine enorme Vertiefung des eigenen Glaubens gebracht."

Polak räumte im Interview ein, dass antijüdische Traditionen tief in der Matrix der Kirche und Theologie steckten. Es sei wichtig, "sich dessen bewusst zu sein, damit sich Theologie und Glaube weiterentwickeln". Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 - 1965) habe diesbezüglich mit der Erklärung "Nostra aetate" über das Verhältnis zu den anderen Religionen eine Kehrtwende im Verständnis des Judentums gebracht. 

Seither seien in diese Richtung viele weitere Dokumente erschienen, würdigte Polak: "Das katholische Lehramt ist in diesem Punkt weiter als die global vorfindbare Theologie und wird oft zu wenig rezipiert." Papst Johannes Paul II. (1978-2005) könne man in dieser Hinsicht theologisch gar nicht hoch genug einschätzen.

Religion ist oft nicht Grund für Antisemitismus

Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen in Deutschland ist einer Untersuchung zufolge häufig eher eine Folge konservativ-autoritärer Einstellungen als der Religion an sich. Auch gebe es Hinweise, dass regionale beziehungsweise nationale Diskurse einen stärkeren Einfluss auf negative Einstellungen gegenüber Jüdinnen und Juden hätten als religiöse Zugehörigkeit. So zeigten zum Beispiel auch Menschen christlichen Glaubens entsprechende Ressentiments.

Antisemitismus: Juden in Deutschland sehen wachsende Bedrohung / © Arne Dedert (dpa)
Antisemitismus: Juden in Deutschland sehen wachsende Bedrohung / © Arne Dedert ( dpa )
Quelle:
KNA