DOMRADIO.DE: Sie sind seit 18 Jahren Pilgerseelsorger in Assisi. Wie erleben Sie das Städtchen in diesen Tagen?
Bruder Thomas Freidel (Franziskaner im Sacro Convento, Pilgerseelsorger): Gerade erleben wir eine ruhige Zeit im Jahr. Über Weihnachten, Neujahr und Dreikönig waren viele Menschen hier. Die italienischen Familien kommen auch gerne und bewundern die Weihnachtskrippen, die in der ganzen Stadt zu sehen sind.
Jetzt ist es etwas ruhiger und wir nutzen die Zeit zur Vorbereitung. Wir halten in der übernächsten Woche noch Exerzitien zur Stille und Besinnung ab. In diesem Jahr wird die Saison für uns wegen des Jubiläums schon sehr früh beginnen und bereits im Frühjahr werden viele Menschen kommen.
DOMRADIO.DE: In diesem Jahr warten in Assisi mehrere Höhepunkte auf die Besucher. Unter anderem wird auch der Sarkophag geöffnet.
Freidel: Ja, das ist das Besondere in diesem Jahr. Zum ersten Mal in der Geschichte wird das Grab des Heiligen Franziskus' geöffnet und die Reliquien, die sterblichen Überreste, werden zur öffentlichen Verehrung zu sehen sein. Das ist etwas ganz Außerordentliches, denn das Grab ist unter dem Altar eingemauert. In den letzten 800 Jahren war es nur wenige Male geöffnet, aber noch nie für die Öffentlichkeit.
Wir haben lange diskutiert und überlegt, ob wir das machen sollen. Aber die Resonanz war überwältigend. In der Zeit vom 22. Februar bis zum 22. März haben sich bisher 300.000 Personen angemeldet, die zu diesem besonderen Moment kommen werden.
DOMRADIO.DE: Wenn Sie sagen, Sie haben das diskutiert: Welche Punkte sprechen dagegen?
Freidel: Man muss wissen, dass wir hier über 50 Brüder aus 20 Nationen sind. Ein Mitbruder aus China sagte, er kenne diese Reliquienverehrung aus seinem Heimatland nicht. Uns geht es jedoch nicht darum, die sterblichen Überreste des Franziskus zu präsentieren und die Neugierde zu befriedigen, weil das Grab normalerweise verschlossen ist. Es geht darum, eine intensive Begegnung mit Franziskus zu ermöglichen, die auch zu einem spirituellen Erlebnis wird.
Unser Leitwort "San Francesco vive" – Franziskus ist lebendig – bezieht sich auf das biblische Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt, stirbt und Frucht bringt. Franziskus lebt in der Botschaft seines Lebens und seine sterblichen Überreste sind eben ein Zeichen seiner Präsenz. Das ist überhaupt der Sinn der Reliquienverehrung: Das Christentum ist nicht leibfeindlich, der Leib des Menschen hat vielmehr eine große Bedeutung; in den sterblichen Überresten ist er selbst gegenwärtig.
Es gibt sicher viele Menschen, die damit nicht viel anfangen können. Das ist in Ordnung. Vielleicht ist das auch eine katholische Besonderheit. Aber gerade hier in Italien spielt die Reliquienverehrung eine große Rolle. In vielen Wallfahrtsorten sieht man die sterblichen Überreste der Heiligen. Wir wollen das als Anlass für ein tieferes Erleben der Fastenzeit, der Vorbereitung auf Ostern, nehmen. Wir möchten die Menschen über die Begegnung mit Franziskus zu einer tieferen spirituellen Erfahrung für das eigene Leben, das eigene Menschsein und Christsein, führen.
DOMRADIO.DE: Wenn man Ihre Berufung und Ihre Arbeit bedenkt, muss dieses Ereignis doch ein absolutes Highlight für Sie sein, oder?
Freidel: Das ist ganz bestimmt so. Es wird zum Beispiel in dieser Zeit einige Termine geben, an denen auch die Schwestern aus den Klausurklöstern – Klarissenschwestern, die der Regel der Heiligen Klara folgen und normalerweise in der Klausur leben – außerordentlich die Klausur verlassen und zu uns kommen. Es werden also auch Tage der Begegnung und der Gemeinschaft untereinander sein, die nicht alltäglich sind.
DOMRADIO.DE: Menschen pilgern nicht bloß wegen Franz von Assisi zu Ihnen, sondern auch wegen Carlo Acutis. Der christliche Influencer, wie er immer genannt wurde, ist im vergangenen Jahr heiliggesprochen worden. Legt sich dieser Hype wieder?
Freidel: Das wird man mit der Zeit sehen. Durch die Heiligsprechung im vergangenen Jahr und dadurch, dass sie wegen des Todes von Papst Franziskus noch einmal verschoben wurde, war er in den Medien natürlich sehr präsent. Für viele Gruppen, die nach Assisi kommen, ist es einfach zur Gewohnheit geworden, neben Franziskus und Klara auch Carlo Acutis zu besuchen.
Wenn sich das Glaubenszeugnis dieses begeisterten jungen Menschen, das natürlich gerade für junge Leute eine Inspiration sein kann, hier einfügt, dann ist das gut so. Wie es sich mit der Zeit entwickelt, wird man sehen. Aber im vergangenen Jahr hat das natürlich einen großen Aufschwung bekommen.
DOMRADIO.DE: Langweilig wird ihnen als Pilgerseelsorger also in der nächsten Zeit mit Sicherheit nicht?
Freidel: Ganz bestimmt nicht. Das wird das ganze Jahr über so gehen und im Oktober feiern wir dann das Franziskus-Fest. Dazu kommt noch, dass am Samstag Felice Accrocca zum neuen Bischof für die Diözese Assisi ernannt wurde. Er ist ein ausgewiesener Franziskus-Experte und Kenner seiner Geschichte und Spiritualität. Also auch ein Mensch, der gut an unseren Ort passt. Da freuen wir uns drauf. Schon im März wird der neue Bischof hier in das Amt eingeführt und er darf dann auch gleich das ganze Jubiläumsjahr miterleben und mitgestalten.
Das Interview führte Marcus Poschlod.