Expertin bleibt auch nach schlechter Pilger-Erfahrung optimistisch

"Ins Leben vertrauen"

Nicht alle Pilgerwege sind schön. Auch das Wetter spielt nicht immer mit. Diese Erfahrungen musste Pilger-Expertin Beate Steger in Andalusien machen. Sie war jüngst schon zu Fuß von Cádiz nach Sevilla unterwegs.

Pilgerschuhe am Jakobsweg / © Philippe Glorieux (KNA)
Pilgerschuhe am Jakobsweg / © Philippe Glorieux ( KNA )

DOMRADIO.DE: Sie waren im Vorfeld gespannt auf Ihren Pilgerweg. Was war die besondere Herausforderung? 

Steger: Der Weg an sich ist was Besonderes, weil es eine alte römische Straße ist, die von Cádiz nach Sevilla führt, der Zubringer zur Vía de la Plata, die in Sevilla beginnt. Ich kannte diesen Weg nur von Erzählungen. 

Ich wusste, dass der Weg nicht viel begangen wird. Mir war also klar, dass wir nicht viele Pilgerinnen oder Pilger treffen werden. Ich habe mich trotzdem drauf gefreut, weil es mal wieder was Neues war und für mich auch ein schöner Start für das neue Jahr. 

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie sich als Pilgerprofi auf diese fremde Strecke vorbereitet? 

Steger: Ich habe mir natürlich einen Pilgerführer besorgt. Es gibt auch einen deutschen Pilgerführer von "Camino2go", einem Eigenverlag von zwei mir bekannten Menschen, die dieses Buch geschrieben haben. Im Internet habe ich natürlich auch ein bisschen drüber gelesen. 

Und ich habe mich dieses Mal akribisch daran gehalten, meinen Rucksack so leicht wie möglich zu packen, denn ich hatte schon alleine drei Kilogramm an Technik dabei, darunter eine Drohne und ein Mikrofon. Ich wusste, dass die Spanier am 5. Januar einen großen Umzug mit den Heiligen Drei Königen feiern. Das wollte ich aufnehmen und hatte deswegen auch nur ein einziges paar Schuhe mit.

DOMRADIO.DE: Wie waren die ersten Momente? Am 2. Januar sind Sie losgepilgert. Was ging Ihnen durch den Kopf? 

Steger: Ich habe mich sehr gefreut, weil ich schon lange nicht mehr einfach so gepilgert bin. Meistens pilgere ich beruflich aus irgendwelchen Gründen, weil ich einen Artikel über den Weg schreibe oder weil ich selber Wege für die evangelischen Frauen in Baden und in Württemberg mache. Insofern war zuerst mal die Freude groß.

DOMRADIO.DE: Wie sah die Praxis aus? 

Beate Steger

"Ich wusste im Vorfeld schon, dass der Weg als solches nicht der schönste aller Jakobswege sein wird. Das hat er noch getoppt, er ist tatsächlich einfach nicht schön."

Steger: Geklappt hat alles ganz gut, aber ich wusste im Vorfeld schon, dass der Weg nicht der schönste aller Jakobswege sein wird. Aber das hat er noch getoppt: Er ist tatsächlich einfach nicht schön. Es ist eine ganz flache Strecke, es geht kilometerlang über Pisten und es ist auch keine besonders schöne Landschaft. 

Das ist als solches nicht besonders schlimm, denn man kann so in ein meditatives Pilgern kommen. Es gibt aber noch nicht einmal irgendwo eine Bank oder einen Stein, wo man sich mal setzen kann. Wir sind im Durchschnitt 20 bis 22 Kilometer am Tag gelaufen. 

Es gibt auch keine Ortschaften, die man durchquert. Das heißt, man geht von einer Ortschaft zur nächsten, zum Etappenende in einem Rutsch durch, weil man auch keine Möglichkeiten hat, großartig Pause zu machen, außer man setzt sich vielleicht auf den Boden. 

Beate Steger

"Wir sind zum Teil im Schlamm stecken geblieben. Ich stand bis zu den Knien im Wasser, und es war alles nass."

Aber das war noch nicht das Schlimmste. Es hatte vorher viel geregnet. Dementsprechend waren die Wege aufgeweicht. Wir sind zum Teil im Schlamm stecken geblieben. Ich stand bis zu den Knien im Wasser, und es war alles nass. 

DOMRADIO.DE: Konnten Sie bis zum nächsten Morgen irgendwo Ihre Klamotten trocknen?

Steger: Nein, ich bin mit nassen Schuhen weitergepilgert. Ich habe nachts in der Unterkunft die Handtücher in der Hoffnung reingesteckt, dass sie ein bisschen trocknen. Geholfen hat das aber wenig. Die Schuhe wurden irgendwann beim Gehen wieder trocken, wenn es nicht geregnet hat. Aber es gab drei Tage lang schlechtes Wetter. 

Das Schlimmste war jedoch dieser extreme Schlamm. An einer Stelle war kilometerweise nur Schlamm um uns herum. Das ist eine ausweglose Situation. Man weiß, man kommt da nicht raus, man muss einfach weitergehen. Irgendwann muss man halt in die Matsche treten und die schwappt dann über den Knöchel in den Schuh rein. Daran geht man nicht zugrunde, aber es macht halt keinen großen Spaß. 

DOMRADIO.DE: Macht einen das fürs Leben stärker? 

Steger: Es hat mir wieder gezeigt, dass man auf jeden Fall ins Leben vertrauen kann, weil immer irgendwo ein Licht herkommt. Das hört sich immer komisch an, aber es stimmt. In einer Situation war der Weg komplett weggebrochen, weggespült. Es ging nicht mehr weiter. Man hätte drei, vier Kilometer Umweg über die Landstraße machen müssen. Damit haben wir auch angefangen. 

Aber dann kam irgendwann ein netter Spanier im Auto mit einem kleinen Jungen hinten im Kindersitz vorbei. Der hat uns ein Stück mitgenommen.

Beate Steger

"Das zeigt einem, dass man ins Leben vertrauen kann und dass die Menschen sowieso besser sind als ihr Ruf."

Damit konnten wir diesen Umweg von vier Kilometern deutlich verkürzen und kamen irgendwann wieder auf den Weg. Solche Sachen passieren eben auch. Das zeigt einem, dass man ins Leben vertrauen kann und dass die Menschen sowieso besser sind als ihr Ruf.

Das Interview führte Heike Sicconi. 

Beate Steger

Beate Steger kam eher zufällig auf den Jakobsweg und ist seitdem fasziniert. Sie entschied sich danach selbst zu pilgern und hat ihr Leben dem Pilgern gewidmet, indem sie Jakobswege dokumentiert und als Pilgerexpertin arbeitet. Seit November 2018 schreibt sie freiberuflich für das Magazin "der pilger". Sie  verfasst Texte über Pilgerwege, gibt Pilgertipps und veröffentlicht Pilgerporträts. Außerdem hat sie mehrere Pilgerführer veröffentlicht. 

Beate Steger ist Pilgerexpertin und gibt auf DOMRADIO.DE regelmäßig Tipps zu Pilgern. / © privat
Beate Steger ist Pilgerexpertin und gibt auf DOMRADIO.DE regelmäßig Tipps zu Pilgern. / © privat
Quelle:
DR

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