DOMRADIO.DE: Die US-Intervention in Venezuela und Trumps Drohungen in Richtung Grönland; die AfD, der Klimawandel, die Kriege in der Ukraine und in Nahost. Pater Anselm, Sie strahlen immer so viel Ruhe, Besonnenheit und Ausgeglichenheit aus. Wie ergeht es Ihnen derzeit, wenn Sie die Nachrichten schauen?
Pater Anselm Grün OSB (Bestseller-Autor, Coach und Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach): Ich bin natürlich auch betroffen, wenn ich das höre, dass einfach der Präsident von Venezuela gefangen genommen wird, Russland keine Anstalten macht, Frieden zu schließen und unsere Gesellschaft so gespalten ist. Ich nehme das wahr, aber ich will mich davon nicht lähmen zu lassen oder ohnmächtig fühlen, sondern für mich ist wichtig, aktiv zu reagieren.
Das heißt für mich auch: Beten. Solange ich bete, habe ich Hoffnung. Ich kann zwar keine Kriege beenden, aber Hoffnung heißt auch nicht, dass meine Erwartungen erfüllt werden müssen, sondern Hoffnung ist eine innere Kraft im Menschen. "Dum spiro, spero", sagten schon die Lateiner: "Solange ich atme, hoffe ich." Und Hoffnung ist für mich eine wesentliche Kraft, dass die Welt nicht nur in der Hand der Mächtigen ist, sondern auch in der Hand Gottes und dass er irgendwann auch andere Gedanken in den Köpfen der Mächtigen bewirken kann.
DOMRADIO.DE: Was ist denn der Unterschied zwischen Erwartung und Hoffnung?
Pater Anselm: Die Erwartung ist eine feste Vorstellung, wie etwas werden soll: Wie sich zum Beispiel unsere Kinder oder ein Frieden entwickeln werden. Die Erwartung kann immer enttäuscht werden. Es gibt auch konkrete Hoffnungen: Zum Beispiel, dass man wieder gesund wird oder eine Prüfung zu schafft. Die können auch enttäuscht werden.
Die absolute Hoffnung hingegen ist nicht an Bilder gebunden. Diesen Unterschied hat schon der französische Philosoph Gabriel Marcel gemacht, der 1943, also mitten im Zweiten Weltkrieg, das Buch „Philosophie der Hoffnung“ geschrieben hat und sinngemäß sagte: "Ich hoffe trotzdem, auch wenn ich nicht gesund werde oder die Prüfung nicht schaffe. Ich hoffe weiter, auch wenn nächstes Jahr noch kein Friede herrscht."
DOMRADIO.DE: Sie sagen, Ihnen hilft das Beten. Was antworten Sie denjenigen, die entgegnen: "Wir beten schon so lange für Frieden, aber das Gegenteil scheint einzutreten?"
Pater Anselm: Gut, aber solange ich bete, hoffe ich und gehe nicht als ohnmächtiger Mensch in die Gesellschaft. Wenn ich ohnmächtig bin, habe ich eine Ausstrahlung von Depression oder Aggression, weil nichts geschieht. Hoffen heißt, trotz der Situation sich selbst und die Welt nicht aufzugeben, auch wenn man nicht erwarten kann, dass in einem Jahr oder zwei Jahren Friede ist.
DOMRADIO.DE: Sie coachen viele Menschen, auch Manager und Führungskräfte, die der Kirche und dem Glauben fernstehen. Kann man Hoffnung lernen?
Pater Anselm: In Seminaren mache ich immer eine Übung und frage: Welche Hoffnung vermittelt Ihr in eurem Beruf? Und als Person? Und dann merken die Leute, dass es in ihrem Job meist nicht nur ums Geldverdienen geht: Der Arzt Hoffnung vermittelt Hoffnung auf Heilung, Handwerker Hoffnung auf Qualität, auf Zuverlässigkeit, der IT-ler, dass Probleme gelöst werden oder die Pflegekraft, dass die Alten nicht alleingelassen werden. Und dann merken sie: Ja, ich vermittle auch Hoffnung durch meinen Beruf und auch durch meine Person. Mir sagte einmal ein Manager nach einem Seminar: „Dieser alte christliche Wert Hoffnung hat mehr Kraft, als die Begriffe der Betriebswirtschaft, die von Zukunftsstrategien sprechen.“ Zukunftsstrategien sind rational und Hoffnung ist emotional. Hoffnung bringt bei den Menschen etwas in Gang und gibt Kraft.
DOMRADIO.DE: Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung? Sie erkrankten 2014 an Nierenkrebs: Wie haben Sie es geschafft, da die Hoffnung da nicht zu verlieren?
Pater Anselm: Hoffnung hieß für mich damals natürlich, dass ich gesund werden wollte. Aber mir war klar, auch wenn ich nicht gesund werde, hoffe ich trotzdem. Hoffen heißt dann, dass es irgendwie gut wird. Ich hätte vielleicht keine Vorträge mehr halten, aber dann möglicherweise durch meine Krankheit eine Botschaft vermitteln können: Dass ich mich auch dann nicht aufgebe und in der Opferrolle bleibe, wenn ich nicht mehr arbeiten kann. Das bedeutet für mich Hoffnung: Trotzdem nach vorne zu denken und sich nicht an konkrete Vorstellungen zu binden.
Und die Frage, was mir aktuell Hoffnung für die Gesellschaft gibt: Ich treffe so viele Menschen, die Verantwortung für andere übernehmen, die an dieser Gesellschaft mitarbeiten und diese Menschen machen mir auch Hoffnung. Ich glaube an die Menschen, an ihre Sehnsucht und an ihren guten Kern.
DOMRADIO.DE: Sie haben dazu im vergangenen Jahr das Buch "Aus der Hoffnung leben" veröffentlicht. Ist das eines Ihrer Lebensthemen?
Pater Anselm: Als ich Kind war und mein Vater nach dem Krieg mit seinem Geschäft Konkurs anmelden musste und die Bank unser Haus versteigern wollte, in dem wir mit sieben Kindern lebten, hat meine Mutter immer gesagt: "Du darfst nie die Hoffnung verlieren!" Das war keine leichte Zeit nach dem Krieg und das hat mich geprägt. Und auch als Cellerar [Anm. der Red.: Wirtschaftsverwalter eines Klosters, P. Anselm war über 30 Jahre verantwortlich für die wirtschaftlichen Angelegenheiten der Abtei Münsterschwarzach] habe ich schwierige Situationen durchgemacht, aber ich wusste gleichzeitig immer: Es wird sich ein Weg finden.
DOMRADIO.DE: Ist das nicht auch eine Strategie, zu der Sie raten würden: Zurückzuschauen und sich zu vergegenwärtigen, welche Krisen man schon überwunden hat?
Pater Anselm: Ja, die Erinnerung ist sicher eine wichtige Quelle der Hoffnung. Das schrieb schon der holländische Theologe Henri Nouwen: Erinnern, wann wir Krisen bewältigt haben und wie wir in unserem Leben trotz aller schwierigen Brüche trotzdem immer wieder aufgebrochen sind zu etwas Neuem, das gibt schon Hoffnung.
DOMRADIO:DE: Haben Sie ein Vorbild?
Pater Anselm: Beim Thema Hoffnung auf jeden Fall meine Mutter, die sich durch nichts hat unterkriegen lassen, trotz aller Schwierigkeiten. Oder auch ihre Schwester, die zwei Kinder durch Krebs und ihren Mann im Krieg verloren hat und trotzdem ihre Hoffnung und Zuversicht niemals verloren hat.
DOMRADIO.DE: Und was ist Ihre Botschaft an Ihre Mitmenschen zum Beginn des Jahres 2026, das mit so vielen besorgniserregenden Botschaften begonnen hat?
Pater Anselm: Hoffnung verschließt nicht die Augen vor der Realität. Die Realität ist so, wie sie ist. Aber die Frage ist: Fixiere ich mich darauf oder sehe ich tiefer, dass unterhalb all dieser negativen Tendenzen trotzdem Gott etwas Gutes oder Neues in den Menschen bewirkt?
Menschliche Gedanken haben auch eine Macht. Albert Einstein sagte mal: "Ein Gedanke, der geäußert wurde, kann nicht zurückgenommen werden." Indem wir über die Hoffnung sprechen, bewirkt das etwas in den Menschen. Das erlebe ich auch oft bei Vorträgen. Und das ist meine Hoffnung: Ich möchte nicht belehren, sondern ich möchte Hoffnung wecken in den Menschen. Nicht Illusion und nicht Optimismus, sondern das Vertrauen: Wir sind in Gottes Hand.
Das Interview führte Ina Rottscheidt.