DOMRADIO.DE: Warum sollten wir über unsere Gefühle reden?
Axel Hacke (Kolumnist der Süddeutschen Zeitung und Buchautor von "Wie fühlst du sich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen"): Unsere Gefühle werden von populistischen Politikern benutzt, die von Wut und Hass profitieren und sie deshalb auch schüren. Die sozialen Medien sind da sehr nützlich für sie. Dort werden Emotionen durch die Algorithmen protegiert, die Aufmerksamkeit generieren und Wut.
Wut erzeugt immer Aufmerksamkeit, weil man auf wütende Menschen immer aufmerksam wird. Also sind dort sehr viele wütende Menschen unterwegs, mehr als es in Wirklichkeit gibt. So wird der Eindruck erzeugt, wir seien eine von Wut durchseuchte Gesellschaft, was nicht der Fall ist. Aber in den sozialen Medien wirkt es so. Wir müssen uns also bewusst sein, wie Gefühle benutzt werden.
DOMRADIO.DE: Sie schreiben, dass es der Egoismus ist, der die Menschen in den Abgrund geführt hat. Welche Rolle spielt heute der Egoismus?
Hacke: Wir sind im Moment, gerade in Amerika, eine von Egoismus geprägte Gesellschaft. Es gibt aber auf der anderen Seite etwas, wonach sich Menschen auch sehnen, und das ist Verbundenheit mit anderen Menschen. Die geht uns aber verloren. Je mehr wir unser Sozialleben ins Internet verlagern, desto mehr verlieren wir das Gefühl dafür, wie Menschen im ganz normalen, alltäglichen Umgang sind, wie sie aussehen, wie sie sich verhalten, wie sie sich anhören, wie sie riechen.
Das geht ja alles verloren. Aber danach sehnen Menschen sich. Und deswegen müssen wir Wege finden, wie wir diese Verbundenheit wieder erzeugen. Ein Beispiel: Ich wohne in Bayern, dort werden die Wirtshäuser immer weniger, gerade auf dem Land. Dort, wo Menschen ganz normal und auch ein bisschen absichtslos zusammenkommen. Das verschwindet und das ist nicht zu unserem Vorteil.
DOMRADIO.DE: Der Egoismus wird durch die Isolation in den sozialen Medien verstärkt. Warum ist es denn sinnvoll, etwas außerhalb des eigenen Ichs als etwas Größeres anzuerkennen?
Hacke: Es gibt eine Sehnsucht des Menschen nach Kontakt mit etwas Bestehendem, Bleibendem, Größerem. Und das können wir zunächst einmal in der Begegnung mit der Natur erfahren. Je mehr uns der Kontakt zur Natur verloren geht, wie es in unserer Welt mit all den künstlichen Umgebungen, in denen wir leben, nun mal ist, desto schlechter ist das für den Menschen. Es ist wichtig für uns, diesen Draht zur Natur nicht zu verlieren.
DOMRADIO.DE: Der Glaube an Gott beinhaltet auch den Glauben an etwas, das größer ist, als ich es bin. Deshalb sind Begriffe wie Demut und Dankbarkeit im Christentum zentral. Aber der Glaube an Gott schwindet zunehmend. Was hat das für Folgen?
Hacke: Naja, das ist nicht vorbei. Es gibt ja Menschen, die glauben und es gibt Menschen, die demütig und dankbar sind. Da muss man nur in jede Bahnhofsbuchhandlung gehen, dann liegen da auf dem Stapel die entsprechenden Werke über diese Charakterzüge. Das wird immer eine Sehnsucht des Menschen bleiben. Ich versuche auch daran ein wenig mitzuarbeiten, diese Werte wieder ein bisschen zum Leben zu erwecken.
DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch geht es auch darum, wie man dem Leben einen Sinn geben kann. Sinn ist ein großes Wort. Was ist denn der Sinn des Lebens?
Hacke: Den Sinn muss jeder Mensch selber für sich finden. Der Philosoph Odo Marquard hat mal geschrieben, dass der Begriff Sinn so ein bisschen wie der Begriff Obst ist. Also Obst ist ganz vieles, Sinn ist auch ganz viel. Ich kann den Sinn meines Lebens in der Arbeit, in der freiwilligen Feuerwehr finden, ich kann ihn auch im Sportverein finden, ich kann ihn in der Kirche finden. Lauter verschiedene Arten von Sinn, aber die muss jeder Mensch für sich finden. Das kann man ihm nicht so einfach predigen, und Sinn ist nichts, was vom Himmel fällt. Den muss man sich konstruieren.
DOMRADIO.DE: In Silicon Valley schaffen die Menschen sich einen Sinn, indem sie anstreben, unsterblich zu werden – sie lassen sich einfrieren und glauben dann, man könne sie irgendwann wieder auftauen. Wie sinnvoll ist das denn?
Hacke: Wenn sie den Sinn ihres Lebens darin finden, nicht zu sterben, dann herzlichen Glückwunsch. Viel Spaß dabei. Das führt zu nichts. Das führt nur zu immer größerer Selbstbesessenheit. Zum Leben der Menschen gehört nun mal auch das Ende dieses Lebens. Dessen muss man sich bewusst sein und darf sich nicht darüber hinwegtäuschen.
Allerdings gab es diese Sehnsucht nach Unsterblichkeit schon immer. Oder auch nach Verjüngung. Es gibt Gemälde der Jungbrunnen, wo die Menschen auf der einen Seite alt hineinsteigen, auf der anderen Seite jung wieder herauskommen. Das ist keine neue Sehnsucht. Wir tun immer so, als ob das alles ganz neu wäre, aber das ist uralt.
Der Mensch hat schon immer davon geträumt, unsterblich zu sein. Das hat nur eine neue Form gefunden, wenn Leute glauben, dass sie eine technische Möglichkeit gefunden haben, unsterblich zu werden. Wenn Menschen ihr Bewusstsein auf einen Computer runterladen, um dann meinetwegen als Laptop weiterzuleben - also mein Ding wär's nicht.
DOMRADIO.DE: Sie schreiben, dass unser alltägliches Tun in dieser Welt immer Folgen hat, also sollten wir uns auch anständig benehmen, weil das eine Konsequenz hat. Aber ist das nicht viel zu kleinteilig gedacht?
Hacke: Ich finde nicht, weil alles, was wir tun, Folgen hat - auch im kleinsten Rahmen. Wenn man jetzt hier sitzt und sagt, das Schlimme in der Welt ist so groß, daran kann ich sowieso nichts ändern, also mache ich einfach gar nichts, dann hat ja nicht nur Tun Folgen, sondern auch unser Nichtstun.
Wo ich aber etwas ändern kann, ist in meinem Bereich, in dem ich lebe. Ich muss ja nicht Bundeskanzler werden, um etwas in der Welt zu bewegen. Es reicht schon, als kleines Beispiel, ab und zu mal die Leute auf der Straße anzulächeln. Da habe ich auch schon was verändert, da hab ich schon etwas in der Welt hinterlassen.
Das geht natürlich auch noch eine Nummer größer, indem ich mich irgendwo engagiere, wo ich es sinnvoll finde, indem ich etwas tue. Wichtig ist das Handeln, das Handeln im eigenen Leben. Egal in welchem Rahmen auch immer, dann kann ich einen Sinn für mich erzeugen und kann damit wirklich etwas in der Welt bewegen.
DOMRADIO.DE: "Wir haben die große Frage zu beantworten, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen und können. Dazu brauchen wir Hoffnung. Und dies ist kein Preis oder Geschenk, sondern etwas, das man sich verdient", heißt es in ihrem Buch. Wie kann man sich Hoffnung verdienen?
Hacke: Wie immer man das jetzt nennen will, Hoffnung, Zuversicht, Optimismus, das sind alles Dinge, die liegen nicht irgendwo herum. Wenn man Hoffnung haben will, dann muss man etwas tun dafür, dass man Hoffnung haben kann. Wie Václav Havel, der tschechische Staatspräsident, einmal gesagt hat. Hoffnung ist nicht einfach Freude am guten Lauf der Dinge, sondern hat damit zu tun, dass man die Welt so beeinflusst, dass man überhaupt einen etwas besseren Lauf der Dinge erzeugt.
Daran muss man arbeiten. Hoffen und etwas tun, das bedingt sich gegenseitig. Ohne Hoffnung kann ich gar nicht anfangen, etwas zu machen. Aber ich kann halt auch nur hoffen, wenn ich etwas tue. Das ist ein Paar, ein Sinnpaar.
DOMRADIO.DE: Wie können wir denn den Wutmenschen, die wir immer mehr antreffen, begegnen?
Hacke: Jedenfalls nicht auch mit Wut, sondern mit etwas Ruhe und Gelassenheit und mit der Frage: Warum bist du eigentlich so wütend? Also sich mal zu erkundigen. Das ist natürlich im Alltag nicht so einfach möglich. Wenn ich an der Straßenkreuzung stehe und mich ein Autofahrer anschreit, ist das ein bisschen viel verlangt. Da würde ich einfach sagen, darauf lasse ich mich nicht ein und sage auf Wiedersehen.
Aber in anderen Situationen kann man durchaus mal fragen: Warum bist du so wütend? Ich bekomme Mails von extrem wütenden Leuten, die mich beschimpfen. Und ich sage dann eigentlich immer als Erstes: Wir können gerne weiterreden, bloß nicht in diesem Ton. Mit mir können Sie über alles Mögliche reden oder schreiben, aber bitte in einem vernünftigen Tonfall. In fast hundert Prozent der Fälle entschuldigen sich die Leute dann, und erklären, dass sie irgendwie einen schlechten Tag hatten oder was weiß ich. Das ist mir schon oft passiert.
DOMRADIO.DE: Hoffnung und Zuversicht sind zwei zentrale Begriffe in Ihrem Buch. Was macht Sie zuversichtlich?
Hacke: Mich macht zuversichtlich, dass ich das Gefühl habe, der Mensch ist ein Wesen, das mit anderen zusammenleben will, nicht gegen sie leben will. Ich glaube, dass sich diese Tendenz zum Egoismus in unserer Welt umkehren wird. Die Menschen suchen wieder den anderen oder die andere, sie suchen die Verbundenheit mit ihnen. Und da bin ich mir relativ sicher, weil das zu unserem Wesen gehört, das wird diese positiven und guten Auswirkungen noch haben.
DOMRADIO.DE: Das erleben wir gerade in Köln im Karneval. Jetzt beginnt die Karnevalssession und da wird Gemeinschaft wirklich gefeiert und gelebt. Das verbindet die Menschen auch.
Hacke: Natürlich sind diese Rituale sehr wichtig. Ich glaube, der Mensch lebt auch in diesen regelmäßig wiederkehrenden Dingen. Karneval gehört ganz sicher dazu. Vieles geht uns ja leider verloren, weil so viele Menschen keine Christen mehr sind, weshalb sie mit vielen Feiertagen nichts mehr verbinden.
Das Interview führte Johannes Schröer.