DOMRADIO.DE: Frau Kostka, setzen harte Sanktionen gegen alle, die sich nicht an die Regeln halten, die richtigen Anreize?
Dr. Ulrike Kostka (Berliner Caritas-Chefin): Es setzt eigentlich nicht die richtigen Anreize. Sie stigmatisieren viele Menschen, obwohl es nur wenige gibt, die sich tatsächlich nicht an die Regeln halten. Natürlich müssen Regelverstöße Konsequenzen haben. Entscheidend ist aber vor allem, die Menschen davon zu überzeugen, sich zu melden und vorhandene Angebote anzunehmen. Das gelingt weniger durch Sanktionen, sondern mehr über Angebote.
DOMRADIO.DE: Wo sehen Sie Gefahren bei der neuen Grundsicherung?
Kostka: Wir sehen sehr deutlich die Gefahr, dass Menschen zwischen die Räder geraten. Das betrifft vor allem Menschen, die Termine aus bestimmten Gründen nicht wahrnehmen können, etwa wegen psychischer Erkrankungen oder anderer belastender Umstände. Zwar soll jeder Einzelfall geprüft werden, dennoch werden Menschen betroffen sein, die diese geforderte Eigenverantwortung gar nicht wahrnehmen können. Das bereitet uns große Sorgen.
DOMRADIO.DE: Welches Modell hätten Sie stattdessen bevorzugt?
Kostka: Wichtig ist zunächst, Menschen, die Grundsicherung oder zuvor Bürgergeld beziehen, nicht zu stigmatisieren. Stattdessen sollte der Fokus darauf liegen, wie man sie besser unterstützen kann. Natürlich gehört auch die Erinnerung an Eigenverantwortung dazu. Aber das Wichtigste ist, das Fördern in den Mittelpunkt zu stellen. Sorge bereitet uns, dass viele Mittel für die Unterstützung von Langzeitarbeitslosen wegfallen. Hinzu kommt die Erreichbarkeit der Jobcenter. Oft sind sie nur noch mit festen Terminen zugänglich. Doch was passiert, wenn Menschen kurzfristig in Not geraten? Das sind sehr konkrete Probleme, die uns große Sorgen machen.
Das Interview führte Hilde Regeniter.