Was bleibt, wenn das Heilige Jahr vorüber ist?

Torschlusspanik am Petersdom

Kurz vor dem Ende des katholischen Jubeljahres wollen noch Tausende durch die Heilige Pforte gehen. Insgesamt werden es mehr als 32 Millionen sein. Was bleibt vom Heiligen Jahr? Bereits 2033 steht das nächste kirchliche Mega-Event an.

Autor/in:
Sabine Kleyboldt
Kardinal Baldassare Reina, Generalvikar von Rom (Italien) und Erzpriester der Lateranbasilika, schließt am 27. Dezember 2025 die Heilige Pforte der Basilika Sankt Johannes im Lateran in Rom (Italien) / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Baldassare Reina, Generalvikar von Rom (Italien) und Erzpriester der Lateranbasilika, schließt am 27. Dezember 2025 die Heilige Pforte der Basilika Sankt Johannes im Lateran in Rom (Italien) / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Ausgerechnet ein tieftrauriges Ereignis drückte dem "Jubeljahr" 2025 seinen Stempel auf: Der Tod von Papst Franziskus am 21. April. Das gab es vorher nur im Heiligen Jahr 1700, das von Innozenz XII. eröffnet und von Clemens XI. beendet wurde. Doch der Tiefpunkt des Jahres 2025 markierte zugleich seinen Wendepunkt. Nach dem monatelangen Vakuum durch Franziskus' Schwäche, Klinikaufenthalt und Sterben war ein Neuanfang möglich. Und der am 8. Mai gewählte Leo XIV. startet seitdem durch.

Viele der rund 40 Sondertreffen zum Heiligen Jahr, die durch die Abwesenheit von Papst Franziskus ab Mitte Februar teils ganz ausfielen, waren wieder in voller Breite und Schönheit möglich. War der Zustrom im Frühjahr zunächst eher mau, drängten sich seit Ostern die Menschen auf der Pilgerspur zwischen der neu geschaffenen Piazza Pia an der Engelsburg und dem Vatikan - und das praktisch durchgängig bis zum Schluss. Auch deutschsprachigen Einrichtungen in Rom wie der Gemeinde Santa Maria dell'Anima und dem Campo Santo Teutonico am Petersdom spülte das Heilige Jahr viele zusätzliche Besucher zu.

56 Kriege weltweit

Erzbischof Rino Fisichella, Heilig-Jahr-Beauftragter des Papstes, spricht angesichts der Pilgerströme aus aller Welt sinnbildlich von einer lebendigen Kirche auf dem Weg. "Wir als Christen müssen wahre 'Pilger der Hoffnung' sein in einer Welt, die von 56 Kriegen erschüttert wird", spielt er auf das Motto des Heiligen Jahres an. Und: Das Mega-Event zeige die große Sehnsucht der Menschen nach Spiritualität, sagte er der Zeitung "Avvenire".

Zugleich setzt er auf politische Konsequenzen des Festjahres. Fast jedes Wochenende gab es thematische Sondertreffen, etwa für die Armen, die Gefangenen, für Regierungen, Priester, Diakone, Beschäftigte im Gesundheitswesen, in Justiz oder Medien, für Chöre, Sportler, Influencer, für Familien, Jugendliche und Senioren. Dabei mahnte der Papst unter anderem Formen des Straferlasses für Gefangene, die Begleichung der ökologischen Schuld der reichen gegenüber den armen Ländern sowie immer wieder das Ende von Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeiten an. Fisichella hofft, dass diese Impulse auch auf parlamentarischer Ebene ihren Niederschlag finden.

Neuer "Raum des Zuhörens" im Petersdom

Der Vatikan selbst reagierte auf die veränderten Erwartungen der Menschen an die Kirche: Im September wurde im Petersdom ein "Raum des Zuhörens" geschaffen. In einer schlichten Kabine im linken Seitenschiff kann man zu bestimmten Zeiten Priestern, Ordensleuten oder Laien sein Herz ausschütten über Probleme und existenzielle Fragen. Der Sekretär der Dombauhütte des Petersdoms, Orazio Pepe, nennt dies eine neue Form der Öffnung im Rahmen des Heiligen Jahres - und zwar für jeden Menschen, ob mit oder ohne religiöse Bindung.

Damit reagierte der Vatikan auf die Besuchermassen, die beileibe nicht nur als fromme Pilger die Heilige Pforte durchschritten. Schon Mitte Dezember bezifferten die Veranstalter deren Zahl auf 32 Millionen; bis zur Schließung der Pforte am 6. Januar dürften es 35 Millionen gewesen sein, und damit doch so viele, wie der italienische Regierungsbeauftragte des Heiligen Jahres, Roms Bürgermeister Roberto Gualtieri, geschätzt hatte. Zum Millenniums-Jubiläum 2000 kamen "nur" 25 Millionen Menschen, beim außerordentlichen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit 2016 waren es 20 Millionen.

1,2 Millionen junge Menschen

Gigantisch waren auch die Zahlen beim Heilig-Jahr-Treffen der Jugend: Anfang August versammelten sich auf einem Gelände südöstlich des römischen Zentrums laut Fisichella 1,2 Millionen junge Menschen, um sich, den Papst und ihren Glauben zu feiern - zwar deutlich weniger als die zwei Millionen, die im Heiligen Jahr 2000 dort Papst Johannes Paul II. zujubelten. Doch sei dies der Realität einer anderen Kirche und einer anderen Generation junger Katholiken geschuldet, so der Propräfekt der Evangelisierungsbehörde des Vatikans.

Inzwischen ist das Heilige Jahr fast zu Ende, und Leo hat deutlich an Selbstsicherheit im Auftreten gewonnen. "Nun, da das Jubiläum seinem Abschluss entgegengeht, ist Weihnachten für uns eine Zeit der Dankbarkeit und der Sendung", sagte er an Heiligabend. "Dankbarkeit für die empfangene Gabe; Sendung, um sie der Welt zu bezeugen."

Schließen der Heiligen Pforte kein Schlusspunkt

Denn für die Christen fängt die Arbeit jetzt erst richtig an. Sie sollen das, was sie im Heiligen Jahr erlebt hätten, in ihren Alltag tragen; Hoffnung verbreiten, wo Hass, Verzweiflung, gezielte Desinformation, Ungerechtigkeit und Zukunftsangst regieren. "Das Schließen der Heiligen Pforte ist kein Schlusspunkt", betont auch der Heilig-Jahr-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Weihbischof Rolf Lohmann: "Es geht weiter! Das Heilige Jahr wirkt länger als es gedauert hat."

Zumal Leo XIV. schon für 2033 das "Heilige Jahr der Erlösung" angekündigt hat, in Erinnerung an Tod und Auferstehung von Jesus Christus vor 2.000 Jahren. Der Papst wünscht sich, dass dazu nicht nur Katholiken, sondern alle christlichen Konfessionen ein Zeugnis des Glaubens und der Einheit ablegen: bei einem großen Treffen in Jerusalem. "Die zwei Jahrtausende seit der Erlösung müssen von der Kirche mit beispielloser Intensität vorbereitet und erlebt werden", betont Erzbischof Fisichella. Also heißt es schon jetzt: Ärmel hochkrempeln für das nächste Heilige Jahr.

Heiliges Jahr

Das Heilige Jahr ist ein Jubiläumsjahr in der katholischen Kirche. Es wird regulär alle 25 Jahre begangen. Das Heilige Jahr 2025 steht unter dem Motto "Pilger der Hoffnung". Einen Ablass von Sündenstrafen können Pilger dabei nicht nur bei Wallfahrten an eine der heiligen Stätten des Jubiläums oder eine der vier großen päpstlichen Basiliken in Rom erhalten, sondern auch beim Besuch der Verkündigungskirche in Nazareth, der Geburtskirche in Bethlehem oder der Grabeskirche in Jerusalem.

Pilger gehen durch die Heilige Pforte (2015) / © Cristian Gennari (KNA)
Pilger gehen durch die Heilige Pforte (2015) / © Cristian Gennari ( KNA )
Quelle:
KNA