Hildegard von Bingen steht nun im römischen Generalkalender

"Eine starke Frau, die Mut machen kann"

Hildegard von Bingen erhält im weltweiten liturgischen Kalender der Kirche ab sofort einen eigenen Gedenktag. Schwester Philippa von der Abtei St. Hildegard erklärt, warum die mittelalterliche Heilige auch heute noch ein Vorbild ist.

Bronzestatue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Kirche der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim / © Arne Dedert (dpa)
Bronzestatue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Kirche der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim / © Arne Dedert ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie leben in der Abtei, die sich in der Nachfolge des Klosters Eibingen im Rheingau sieht, das von Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert gegründet wurde. Wie wichtig ist es, dass Hildegard nun auch international einen Gedenktag hat?

Schwester Philippa Rath OSB (Benediktinerin der Abtei St. Hildegard im Rheingau): Dieser weltweite Gedenktag hat für den Konvent und für unsere Abtei natürlich eine große Bedeutung. Wir haben uns gefreut, als wir die Nachricht gestern lasen. Ich muss gestehen, ich war aber auch ein klein wenig überrascht.

Ich persönlich war nämlich der Meinung, dass dieser Gedenktag bereits seinerzeit, am 7. Oktober 2012, als Papst Benedikt die heilige Hildegard zur Kirchenlehrerin erhoben hat, in Rom eingeführt worden wäre. Aber da habe ich mich offenbar getäuscht. Umso mehr freue ich mich jetzt. Zumal wir ja auch wissen, dass Hildegard tatsächlich weltweit verehrt wird. Insofern ist dieser weltweite Gedenktag jetzt ein sehr schönes Geschenk von Papst Franziskus.

DOMRADIO.DE: Dass Sie das überrascht hat, liegt sicher daran, dass der Tag bei uns in Deutschland ja schon lange ein Gedenktag ist, der 17. September 1179 nämlich, ihr Todestag. Hildegard ist ja berühmt für vieles; für ihre Schriften, ihre Musik, ihre Predigten. Wie ist das bei Ihnen persönlich? Was fasziniert Sie am meisten?

Schwester Philippa Rath: Mich fasziniert am meisten die universale Gelehrsamkeit Hildegards. Sie war nicht nur Theologin, sie war Äbtissin und leitete zwei Konvente. Sie war eine zutiefst geistliche Frau, hat sich aber eben auch mit Musik, mit Naturwissenschaften, soweit es das damals gab, beschäftigt, hat Gott, Welt und Mensch als Einheit betrachtet. Zudem war sie eine große Lehrmeisterin. Sie hat ein umfangreiches theologisches Werk hinterlassen, sehr viele Briefe geschrieben; sie hat gepredigt, sie hat auch viele unbequeme Dinge gesagt und war eine kritische Beobachterin der Geschehnisse in Kirche und Welt. Insofern ist sie ein großes Vorbild!

DOMRADIO.DE: Wir diskutieren ja gerade ganz aktuell viel über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche. Wie kann sie da Frauen heute Mut machen?

Schwester Philippa Rath: Sie kann auf jeden Fall Mut machen, die eigene Meinung und Überzeugung deutlich zu sagen. Und sie kann Mut machen, sich überhaupt als Frauen einzumischen. Hildegard war sicherlich keine, die jetzt sagen würde, dass ein Priesterinnenamt der Frauen in der Kirche realisiert werden müsse. Das war überhaupt nicht in ihrem Horizont. Aber sie war Äbtissin zweier Klöster und war eine sehr starke, selbstbewusste, emanzipierte Frau. Und genau das, denke ich, können wir uns auch zum Vorbild nehmen. Sie hatte keine Angst. Sie ließ sich nicht einschüchtern. Sie hat die Wahrheit bzw. das, was sie für richtig hielt, gesagt - ob es bequem war oder unbequem.

DOMRADIO.DE: Sie selbst sind auch Delegierte beim Reformdialog "Synodaler Weg" in Deutschland, der ab morgen digital weitergeht. Würden Sie sagen, diese "Aufwertung" der heiligen Hildegard jetzt kann der Debatte um die Rolle von Frauen in der katholischen Kirche nochmal neuen Schub verleihen?

Schwester Philippa Rath: Da bin ich eher zurückhaltend. Ob Hildegard im Zusammenhang des synodalen Weges und des Unterwegsseins von Frauen jetzt aktuell oder in Zukunft den Debatten noch einmal einen Schub geben kann, das weiß ich nicht. Hildegard ist und bleibt immer eine der großen Frauengestalten in der Kirche, die Mut machen kann. Aber ich glaube nicht, dass der Beschluss, dass nun ein weltweiter Hildegard-Gedenktag am 17. September gefeiert wird, besonderen Einfluss auf den synodalen Prozess nehmen wird.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

 

Sr. Philippa Rath (SW)
Sr. Philippa Rath / ( SW )

 

Eine Figur der Hildegard von Bingen (dpa)
Eine Figur der Hildegard von Bingen / ( dpa )
Quelle:
DR
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