Florenz beansprucht Michelangelos David als städtischen Besitz

Streit mit Goliath

Er bringt gut fünfeinhalb Tonnen auf die Waage und ist der Goldjunge von Florenz: Michelangelos "David", die Kolossalstatue des jugendlichen Helden aus dem Alten Testament, zählt zu den Top-Sehenswürdigkeiten der Arnostadt. Jetzt ist mitten im Sommerloch ein Streit darüber entbrannt, wem das Kunstwerk gehört.

Autor/in:
Burkhard Jürgens
 (DR)

Zwar prunkt eine Kopie des nackten Heros vor dem Palazzo Vecchio, dem alten Sitz der Stadtregierung; das Original befindet sich aber im Kuppelsaal der Galleria dell'Accademia. Rund 1,3 Millionen Kunstliebhaber pilgerten im vergangenen Jahr dorthin und lösten ein Ticket, das zum vollen Preis 6,50 Euro kostet - ein erklecklicher Umsatz selbst im touristenverwöhnten Florenz. Doch dessen Stadtherren haben ein Problem: Die Accademia untersteht dem Staat, der deshalb auch das Geld einstreicht.

Kulturminister Sandro Bondi ließ eigens ein juristisches Gutachten erstellen, das die bestehenden Verhältnisse als rechtmäßig bestätigen soll. Doch Bürgermeister Matteo Renzi sieht die Dinge anders. Die "unanfechtbaren Dokumente im Besitz der Stadtverwaltung und des Staates" sprächen eine klare Sprache, versichert er. "Der David gehört der Stadt Florenz."

Renzi scheint gute Gründe auf seiner Seite zu haben. Schließlich war es die Bürgerschaft von Florenz, näherhin die Wollgilde, die den damals erst 26-jährigen Michelangelo Buonarotti mit dem monumentalen David beauftragte. Sechs Florentiner Goldstücke pro Monat erhielt der Künstler, um aus einem als "verhauen" geltenden Block weißen Carrara-Marmors die Statue herauszumeißeln, die zu einem der größten Kunstwerke der Hochrenaissance werden sollte.

Ein zweites "moralisches" Argumet
Jetzt stehen Besucher oft Schlange vor dem Eingang der Accademia in der engen Via Ricasoli, bekritzeln während der Wartezeit die Mauern und treten ihre Kaugummis auf dem Gehsteig fest. Und der gehört zum städtischen Grund und Boden - weshalb für die Reinigung die Kommune zuständig ist. Dass der Staat die Eintrittsgelder kassiert und Florenz den Dreck wegputzen muss, ist das zweite, sozusagen moralische Argument von Bürgermeister Renzi.

Clinch um die Säuberung und Überwachung des Museumseingangs gab es im zurückliegenden Jahrzehnt mehrmals. Erst vor wenigen Tagen schickte Renzi der Akademie und den - ebenfalls staatlichen - Uffizien eine Aufforderung, sie mögen bis spätestens Donnerstag vor ihrer Tür kehren. Akademieleiterin Cristina Acidini zeigte volles Verständnis: "Wie sollte man mit dem Kampf gegen Verwahrlosung nicht einverstanden sein?", fragte sie laut Lokalzeitung "La Nazione". Konkreter äußerte sie sich freilich nicht zu den Zuständigkeiten.

Was die Besitzverhältnisse um den David angeht, bringen unterdessen auch die Juristen von Minister Bondi die Historie in Anschlag. Die heutige Gemeinde Florenz, die sich erst zwischen 1771 und 1783 gebildet habe, könne nicht als Nachfolgerin der alten Renaissance-Republik gelten. Eine Erbfolge bestehe nur zwischen den Staaten - in dem Fall zwischen der Republik Florenz und dem im 19. Jahrhundert entstandenen italienischen Nationalstaat. Überdies habe die Stadt Florenz ohne Widerrede hingenommen, dass der David in die Akademie verlegt wurde - und das geschah immerhin schon 1872, ein Jahr nach der Übertragung des Palazzo Vecchio, des ursprünglichen Standorts, an die Kommune.

Bürgermeister Renzi könnte nach Einschätzung lokaler Medien aber noch Munition in der Tasche haben. Jedenfalls schickte er eine Warnung an das Kulturministerium. "Diese Regierung ist zu allen Überraschungen fähig", sagte er, Mitglied der oppositionellen Demokraten (PD), der "Nazione". "Aber ich hoffe, dass sie wenigstens diese Grenze nicht überschreiten." Renzi will Bondi zum nächstmöglichen Termin um ein persönliches Gespräch bitten, um "alle offenen Fragen in den Beziehungen zwischen Florenz und der Zentralregierung zu klären". Ein Treffen zwischen David und dem römischen Goliath.