Das Neue Testament und eine Peitsche aus dem Besitz von Hendrik Witbooi
Das Neue Testament und eine Peitsche aus dem Besitz von Hendrik Witbooi
Ein Friedhof für hochrangige Führer der Volksgruppe der Herero in Okahandja (Namibia)
Ein Friedhof für hochrangige Führer der Volksgruppe der Herero in Okahandja (Namibia)

28.02.2019

Museum gibt Kulturgut aus Kolonialzeit an Namibia zurück "Witbooi-Bibel" reist zurück

Nach jahrelangen Gesprächen restituiert Baden-Württemberg am Donnerstag Bibel und Peitsche des einstigen Nama-Führers Witbooi. Beide Objekte sollen auch in Namibia der Öffentlichkeit präsentiert werden. Doch wo werden sie künftig zu sehen sein?

Es ist bundesweit eine der ersten bedeutenden Restitutionen von afrikanischen Kulturgütern der Kolonialzeit: Die "Witbooi-Bibel", seit mehr als hundert Jahren im Besitz des Stuttgarter Linden-Museums, kehrt nach Namibia zurück. Im letzten Moment wollten Vertreter der Nama die Rückgabe an die Regierung des südafrikanischen Landes noch platzen lassen. Doch die Stuttgarter Verfassungsrichter wiesen ihre Klage ab. Der Streit ist ein Paradebeispiel für die Schwierigkeiten von Restitutionen.

Übergabezeremonie mit Regierungsvertretern

Im gut versicherten Handgepäck von Museumschefin Inés de Castro sollte das Buch in dieser Woche zurückreisen. Gemeinsam mit der Ethnologin will Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Bündnis 90/ Die Grünen) das Neue Testament des einstigen Nama-Anführers Hendrik Witbooi (um 1830-1905) und dessen Peitsche in einer Zeremonie am Donnerstag an namibische Regierungsvertreter übergeben.

De Castro nennt die Rückgabe eine "moralische Verpflichtung". Seit 2013 hatte Namibia - ehemals Deutsch-Südwestafrika - mit dem Land Baden-Württemberg darüber verhandelt. Es gab intensive Gespräche mit den Nachfahren Witboois und Nama-Vertretern. Die Familie stimmte schließlich der Übergabe an die Regierung zu und hat die Zeremonie an ihrem Stammsitz in Gibeon im Süden Namibias mitgestaltet.

"Koloniale Vergangenheit verbindet unsere Nationen"

Die "Witbooi-Bibel" wurde dem namibischen Präsidenten Hage Geingob übergeben. Bei der feierlichen Übergabezeremonie nahmen rund 3.000 Menschen teil, wie das Stuttgarter Ministerium am Donnerstag mitteilte. "Es ist ein bewegender und historischer Moment, dass wir die beiden Kulturgüter von nationaler Bedeutung an die Menschen in Namibia zurückgeben", sagte Theresia Bauer. Die Deutschen könnten die Geschichte nicht ungeschehen machen, aber sich ihrer Verantwortung stellen. "Die koloniale Vergangenheit verbindet unsere Nationen, für Namibia auf besonders schmerzhafte Weise", erklärte die Ministerin.

Protest der Nama-Stammesältesten

Unter den Nama gibt es allerdings auch Kritik an der Entscheidung. So versuchte die Vereinigung der Nama-Stammesältesten (NTLA), die selbst Anspruch auf das Kulturerbe erhebt, die Übergabe vor dem baden-württembergischen Verfassungsgerichtshof zu stoppen. Das Gericht sah ihren Antrag als unzulässig an. Vieles spreche dafür, den Rechtsstreit um die Eigentumsfrage innerhalb Namibias zu klären, hieß es.

Hendrik Witbooi, der christlich erzogene "Kaptein" der Nama in Deutsch-Südwestafrika, hatte zunächst mit den Deutschen kooperiert, dann aber den Aufstand seines Volkes und der Herero gegen die Kolonialherren angeführt, der 1908 brutal niedergeschlagen wurde. Er starb bereits 1905 an einer Kriegsverletzung. Seine in Nama-Sprache verfasste und mit handschriftlichen Vermerken versehene Familienbibel wurde wohl schon 1893 von den kolonialen Truppen erbeutet.

Schenkung an das Linden-Museum

Wie sie in den Besitz des Berliner Hofrats von Wassmannsdorf kam, der zwischen 1895 und 1898 "kommissarischer Intendant für die Schutztruppe und Chef der Finanzverwaltung" in Deutsch-Südwestafrika war, ist nicht bekannt. Wassmannsdorf schenkte das Buch jedenfalls dem Vorläufer des 1911 eröffneten Linden-Museums.

Das Völkerkundemuseum setzt heute auf Zusammenarbeit mit den Herkunftsgesellschaften seiner Objekte. Auch künftig sollten mögliche Rückgaben mit "dialogischen Prozessen" verbunden werden, sagt Museumschefin de Castro, die weiteren Restitutionen grundsätzlich offen gegenübersteht.

Weitere Rückgaben sollen folgen

Unterdessen deutet sich im Deutschen Historischen Museum in Berlin die nächste Rückgabe an: das Cape Cross, eine von den Portugiesen im 15. Jahrhundert aufgestellte steinerne Säule mit Kreuz. Namibia erhob 2017 Anspruch auf die Säule, die Kaiser Wilhelm II. nach Berlin bringen ließ. Bei einem Symposium im Sommer wurde als Lösung angedacht: Rückgabe und zugleich Aufbereitung der Geschichte des Cape Cross anhand einer Kopie in Berlin. Doch das letzte Wort ist noch nicht gefallen.

"Restitution sollte nicht als Nullsummenspiel betrachtet werden, wobei entweder der eine oder der andere alles bekommt, sondern sollte zur Win-win-Geschichte werden", sagt der Sondergesandte der Bundesregierung für deutsch-namibische Beziehungen, Ruprecht Polenz (CDU). Er nennt das Cape Cross und die gemeinsame Aufarbeitung seiner Geschichte als Beispiel. In diese Richtung würden mit Namibia Wege gesucht.

Eigentumsfrage schwierig

Der Weg über Recht und die Eigentumsfrage führe nicht zum Ziel; oft lasse sich gar nicht genau klären, wie die Objekte in deutschen Besitz gekommen seien, erläutert der CDU-Politiker die deutsche Linie, Gespräch und Kooperationen mit den Herkunftsländern zu suchen.

Die Eigentumsfrage ist schwierig, wie auch die Klage der Nama-Aktivisten zeigt. Im Falle von Witboois Bibel und Peitsche entzündet sich an ihr auch die Auseinandersetzung um den künftigen Ausstellungsort. Laut namibischer Botschaft ist er noch Gegenstand von Verhandlungen - auch wenn die Bibel zunächst ins Nationalarchiv gebracht werden soll.

Gaob PSM Kooper, Vorsitzender der NTLA, erklärte beizeiten, die für sein Volk wichtigen Gegenstände sollten an die Nama und nicht an die Regierung gehen, die nicht "kulturell homogen" sei. Der Staat habe nicht das Recht, über sie zu verfügen.

Renate Kortheuer-Schüring
(epd)

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