Dr. Peter Liese (MdEP), Archiv
Dr. Peter Liese (MdEP)

27.04.2018

Der Europaabgeordnete und Arzt Peter Liese zum Fall des Kleinkindes Alfie Evans "Moralisch völlig inakzeptabel"

Die Eltern wollen ihren schwerkranken Sohn am liebsten im Ausland weiterbehandeln oder zumindest nach Hause holen – beides verwehren die britischen Ärzte bislang. Auch der Papst bietet Hilfe an und das Europäische Parlament hat sich eingeschaltet.

DOMRADIO.DE: Das Argument der Ärzte lautet, dass Alfie wegen der neurologischen Erkrankung nicht mehr geholfen werden kann und dass es humaner sei, wenn Alfie stirbt, weil er sonst leidet. Die Eltern widersprechen. Was wiegt mehr - das Kindswohl oder das Recht der Eltern?

Dr. Hans-Peter Liese (Mediziner und seit 1994 Europaabgeordneter der CDU für Nordrhein-Westfalen in der Europäischen Volkspartei): Also, ich finde die Einstellung der Ärzte, die leider auch durch ein britisches Gericht bestätigt wurde, sehr problematisch. Man kann nicht argumentieren, dass es dem Kindeswohl entspricht, wenn das Kind stirbt. Zumal ja überhaupt keine klare Diagnose gestellt wurde. Das ist in diesem Fall auch sehr schwierig, aber es gibt andere Krankenhäuser, die bereit wären, Alfie zu behandeln. Die Eltern möchten das. Deswegen finde ich das moralisch völlig inakzeptabel und bin sehr, sehr beunruhigt über diese Einstellung der Ärzte und der britischen Gerichte. Ich habe mit Kollegen aus dem Europäischen Parlament eine Anfrage an die Europäische Kommission gestellt. Wir sagen darin ganz klar,  dass das so nicht in Ordnung sein und die Europäische Kommission tätig werden soll. Sie soll mit den britischen Behörden in Kontakt treten, damit  eine andere Lösung gefunden wird.

DOMRADIO.DE: Ein deutscher Arzt hat in einem Interview erklärt, das britische Gesundheitssystem sehe einfach nicht vor, dass todkranke Kinder zu Hause behandelt werden, weil das zu teuer sei. Sollte das aber in so einem Fall nicht ermöglicht werden?

Liese: Wir haben ja viele Diskussionen in Deutschland über unser Gesundheitssystem. Aber ich sage: Zu jeder Minute würde ich das deutsche System dem britischen vorziehen. Weil es da aus meiner Sicht viele solcher Fälle gibt, die unmenschlich sind, weil materielle, finanzielle Erwägungen über allem stehen. Ob wir bei Alfie rechtlich etwas tun können, steht auf einem anderen Blatt.

DOMRADIO.DE: Wie könnte man auf EU-Ebene helfen?

Liese: Wir haben eine Richtlinie über Patientenrechte in der Europäischen Union. Aber da steht aus gutem Grund drin, dass eine Therapie, die in einem Land nicht finanziert wird, auch in einem anderen Land nicht finanziert wird. Hintergrund ist, dass wir auch in Deutschland nicht wollen, dass Dinge, die bei uns aus ethischen Gründen nicht unterstützt werden wie Euthanasie oder bestimmte Formen von Abtreibung ,die nach dem deutschen Recht nicht möglich wären, dass die dann im Ausland von der Krankenkasse bezahlt werden. Aber die Eltern haben zumindest nach meiner Auffassung das Recht auf Freizügigkeit in der Europäischen Union. Die ist nicht in einer Richtlinie spezifiziert, sondern ist in den EU-Verträgen enthalten. Deswegen sehe ich zumindest noch eine Chance, dass wir da über das europäische Primärrecht, über die Verträge, den Eltern helfen können.

DOMRADIO.DE: Den Eltern wurde durch den Papst angeboten, dass Kind nach Rom auszufliegen für eine Weiterbehandlung. Wäre das gut?

Liese: Ich glaube, das wäre richtig, dass man da noch mal guckt, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, dieses Kind besser zu behandeln. Vielleicht ist es nicht so, aber dann hätte man zumindest aus Sicht der Eltern Gewissheit. Wir haben gerade deshalb die Anfrage gestellt, um das auch rechtlich noch mal zu klären. Ich hoffe, die Europäische Kommission wird schnell antworten. Und ich hoffe für die Familie, dass diese Möglichkeit einer Behandlung in Italien tatsächlich noch realisiert werden kann.

DOMRADIO.DE: Der Papst bietet Hilfe an, Menschen halten Gebetswachen ab, damit das Kind weiterbehandelt wird. Warum, glauben Sie, nehmen so viele Menschen Anteil daran?

Liese: Das ist schon ein dramatischer Fall. Ich freue mich, dass so viele Menschen am Schicksal von Alfie Anteil nehmen. Das ist ein Zeichen, dass wir uns dagegen wehren, wenn man sagt,  für Menschen mit Behinderung ist es das Beste, wenn sie sterben. Wir sollten stattdessen behindertes Leben akzeptieren, auch wenn das manchmal schwierig ist. Die künstliche Verlängerung eines Lebens durch qualvolle Maßnahmen ist da etwas anderes. Aber ich glaube, es ist schon wichtig, nicht sozusagen alles, das nicht perfekt ist, auszusortieren.  Dass so viel Anteilnahme der Menschen da ist, liegt sicherlich auch daran, dass Papst Franziskus sich persönlich eingeschaltet hat,  der zum Glück weit über die Katholische Kirche hinaus ein hohes Ansehen genießt.

(DR)

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