08.07.2012

Die USA blicken teils verwundert auf die deutsche Debatte um Beschneidungen "Ein trauriger Rückschritt"

Die USA gelten als Hochburg der Beschneidungen. Weit über jüdische und muslimische Kreise hinaus werden Jungen diesem Eingriff unterzogen. Die Debatte um das Urteil des Kölner Landgerichts wird hier entsprechend aufmerksam verfolgt.

Allerdings stammen die Kommentare, die auf das Urteil des Kölner Landgerichts reagieren, überwiegend von jüdischen und kaum von muslimischen Autoren; Muslime sind in den Chefetagen amerikanischer Medien auch kaum präsent.

Als ein Beispiel des amerikanischen Blicks auf die deutsche Debatte kann Michael Gerson gelten, Kolumnist der "Washington Post". Er verband seinen Kommentar mit einem Wink auf den Holocaust: Der Rest der einst großen jüdischen Gemeinde in Deutschland erfahre nun, dass das 4.000 Jahre alte Identitätsritual eine Verletzung individueller Rechte sei. "Ein trauriger Rückschritt von der Freiheit", schrieb Gerson - und wenn es dabei tatsächlich um Selbstbestimmung gehe, könne man auch jede religiöse Unterweisung für Kinder verbieten.

Symbol der Sexualitätsfeindlichkeit
Dass in den USA seit vielen Jahren neugeborene Jungen jenseits der jüdischen und muslimischen Gemeinden fast routinemäßig beschnitten wurden, hat weniger religiöse Gründe, sondern steht in der Tradition des einstigen Mutterlandes Großbritannien. Dort wurde im 19. Jahrhundert die Beschneidung vor allem zur Prävention der Onanie eingeführt und war das im wahrsten Sinne einschneidenste Symbol der Sexualitätsfeindlichkeit der viktorianischen Epoche.

Amerika folgte diesem Beispiel auch dann noch, als britische Ärzte in den 1940er Jahren die Beschneidung als überholt bezeichneten und der National Health Service die Mittel dafür sperrte. In den 1960er Jahren wurden fast 90 Prozent aller männlichen Neugeborenen in den USA beschnitten. In den letzten Jahrzehnten indes wuchs der Widerstand, oft mit Argumenten, wie sie im Kölner Urteil zu finden sind.

Befürworter der Beschneidung erhielten in den vergangenen Jahren Auftrieb aus der Aids-Forschung: Daten aus Afrika fanden unter beschnittenen Männern eine niedrigere HIV-Durchseuchung als bei unbeschnittenen. Doch bleibt unerklärt, weshalb das Fehlen der Vorhaut die Übertragung von Viren verhindern soll. Auch die Epidemiologie-Statistik wirft Fragen auf: In keiner westlichen Industrienation gibt es so viele beschnittene Männer wie in den USA, und zugleich hat keine andere so viele Aids-Opfer zu beklagen.

Mehr als jeder zweite Amerikaner wird beschnitten
Nach aktuellen Angaben des Center of Disease Control (CDC) in Atlanta beträgt die Beschneidungsrate unter allen neugeborenen Jungen in den USA 54,7 Prozent. Es gibt massive regionale Unterschiede: In einigen Staaten des Mittleren Westens wie Iowa werden rund 80 Prozent der männlichen Babies beschnitten, in Kalifornien hingegen rund 20 Prozent. Im Landesdurchschnitt sank im vergangenen Jahrzehnt die Beschneidungsrate jährlich um etwa einen Prozentpunkt. Statistiken zeigen auch, dass in Kliniken, in denen Beschneidung als Standardleistung der staatlichen Gesundheitsfürsorge angeboten wird, diese um 24 Prozent häufiger praktiziert wird als sonst.

Die amerikanischen medizinischen Fachgesellschaften erklären meist etwas gewunden, dass ein medizinischer Nutzen fraglich sei. An Beschneidung aus religiösen Gründen gibt es nur dann Kritik, wenn diese mit erkennbaren Gesundheitsschäden verbunden ist. In New York erkrankten 2005 drei kleine Jungen an Herpes, einer starb daran. Bei ihnen hatte der Mohel, der traditionelle Beschneider, "metzitzah b"peh" praktiziert, das Saugen an der Peniswunde - und dabei wahrscheinlich seinen Herpes übertragen.

Der Versuch des New York City Health Department, den Rabbi von diesem Verfahren künftig abzuhalten, scheiterte. Sprecher der orthodoxen Gemeinden warfen den Stadtbehörden einen Eingriff in die Religionsfreiheit vor. Jetzt wollen - nach neuerlichen Herpesfällen - die New Yorker Gesundheitsbehörden ein Gesetz einführen, wonach Eltern vor diesem Ritual eine Einverständniserklärung unterschreiben sollen, ähnlich entsprechenden Einwilligungen vor klinischen Eingriffen. Eine öffentliche Anhörung wurde für den 23. Juli anberaumt.

Ronald Gerste