Die Anklopfzeremonie von Canterbury

Bischöfe vor der Kathedrale von Canterbury nach dem Abschlussgottesdienst der Lambeth-Konferenz am 7. August 2022 in Canterbury (Großbritannien) / © Sabine Kleyboldt (KNA)
Bischöfe vor der Kathedrale von Canterbury nach dem Abschlussgottesdienst der Lambeth-Konferenz am 7. August 2022 in Canterbury (Großbritannien) / © Sabine Kleyboldt ( KNA )

Was haben Wien und Canterbury gemeinsam? - Antwort: ein Anklopf-Ritual. Sarah Mullally muss bei ihrer Amtseinführung dreimal ans Tor der Kathedrale klopfen, bevor der Kathedraldekan öffnet.

Ähnlich wie das habsburgische Hofzeremoniell an der Wiener Kapuzinergruft kennen auch die Inthronisierungsfeiern des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury ein Anklopf-Ritual. Demnach muss die neue Erzbischöfin Sarah Mullally (63) zunächst vor dem Westportal der Kathedrale warten.

Der Kathedraldekan verliest drinnen einen Brief von König Charles III., dem weltlichen Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche. Dieses Schreiben gestattet dem Dekan und der Kathedralgemeinde, die Erzbischöfin am Portal in Empfang zu nehmen und zu begrüßen.

Daraufhin klopft Mullally dreimal an das Tor, und der Dekan öffnet. Mullally wird zum Altar geleitet, wo die Nummer zwei der anglikanischen Kirchenhierarchie, Erzbischof Stephen Cottrell (67) von York, sie auffordert, einen Treueid auf die Gesetze der Kirche von England und einen weiteren auf den König zu schwören.

Schwur auf Evangeliar aus 6. Jahrhundert

Das neue geistliche Kirchenoberhaupt schwört in der Zeremonie auf das sogenannte Augustinus-Evangeliar, eine illuminierte Prachtbibel aus Oberitalien aus dem 6. Jahrhundert. Dieses Buch brachte womöglich der heilige Augustinus von Canterbury (gest. 604/605), der römische Missionar der Angelsachsen und erste Erzbischof von Canterbury, 597 selbst nach England mit. Es gehört zu den ältesten erhaltenen lateinischen Evangeliaren der europäischen Buchkunst.

Danach wird die neue Erzbischöfin zum Bischofsstuhl von Canterbury geführt; sie nimmt Platz und ist damit offiziell Leiterin der südlichen Kirchenprovinz Englands. Anschließend wird sie zum zweiten Thron geleitet, dem Stuhl des heiligen Augustinus; dort setzt sie der Kathedraldekan als Primas von England (und damit Ehrenoberhaupt der anglikanischen Weltgemeinschaft) ein. Sie verliest das Evangelium und predigt erstmals vom Stuhl des heiligen Augustinus. (Quelle: KNA, 23.03.2026)