Gaza-Konflikt stellt jüngere US-Juden vor inneren Zwiespalt

Zwischen Solidarität und Sorge

Nicht nur religiös verlaufen tiefe Gräben zwischen Juden in den USA. Auch wenn es um Israel und den Konflikt mit den Palästinensern geht, prallen Emotionen und Positionen aufeinander - vor allem bei unter 30-Jährigen.

Orthodoxe Juden in den USA / © Andrey Bayda (shutterstock)
Orthodoxe Juden in den USA / © Andrey Bayda ( shutterstock )

Meara Ashtivker sitzt zwischen allen Stühlen. In dem progressiven Bekanntenkreis ihrer New Yorker Nachbarschaft muss sich die 38-jährige Jüdin seit Wochen antiisraelische Kommentare anhören. Wie sie einem Reporter der New York Times jüngst erzählte, ist sie mit der Politik der Netanjahu-Regierung gegenüber den Palästinensern nicht einverstanden.

Zugleich sorge sie sich jeden Tag um ihren Schwiegervater, der in Israel lebt, und frage sich, ob er es mit seiner Gehbehinderung rechtzeitig in den Luftschutzkeller schafft, wenn die Sirenen aufheulen. So wie Meara ergeht es vielen Juden in den USA, vornehmlich den Jüngeren.

Sie haben ein kritisches Verhältnis zur Politik der amtierenden israelischen Regierung, Verständnis für die Palästinenser, wehren sich aber auch gegen pauschale Israel-Schelte, die oft genug von einem antisemitischen Unterton begleitet wird.

Verständnis für Palästinenser, Sorge wegen Antisemitismus

Ihr moralischer Kompass lässt sie Solidarität für die Palästinenser empfinden, gleichzeitig aber Antisemitismus fürchten. Auch Dan Kleinmann (33) sieht sich in einer Identitätskrise. Der in Brooklyn aufgewachsene jüdische Amerikaner nahm Israel lange als "Beschützer der Juden" wahr.

Wie viele andere seiner Generation zieht er nun jedoch Parallelen zwischen der Situation der Palästinenser und der Behandlung der Schwarzen in den USA. Das erklärt, warum sich viele liberale Juden in der "Black Lives Matter"-Bewegung engagieren und sich in Israel für die Rechte der Palästinenser einsetzen - was sie dem absurd empfundenen Vorwurf aussetzt, antisemitisch zu sein.

Wenig Verständnis für Rabbiner Ari Hart

Der orthodoxe Rabbiner Ari Hart aus dem US-Bundesstaat Illinois stößt dagegen bei den Anti-Rassismus-Aktivisten auf Stirnrunzeln, wenn er das Selbstverteidigungsrecht Israels betont. Für seine zionistische Weltanschauung findet er in diesen Kreisen wenig Verständnis.

Orthodoxe Juden lassen einen Vergleich zwischen Rassismus in den USA und einer Unterdrückung der Palästinenser in Israel nicht gelten. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Sklavengeschichte und dem Ringen mit der Verantwortung dafür seien Amerikaner schlechte Ratgeber in Sachen Gerechtigkeit.

Wie gespalten die jüdische US-Gemeinschaft mit Blick auf die Haltung zu Israel ist, belegte jüngst eine Pew Research-Studie. Die zwischen November 2019 und Juni 2020 durchgeführte Umfrage unter mehr als 4.700 US-Juden macht erhebliche Unterschiede in dieser Frage aus.

Emotional kaum mit Israel verbunden

Orthodoxe Juden haben einen anderen Blick auf Israel als die säkulare Mehrheit. Insgesamt sagen mehr als 40 Prozent der amerikanischen Juden, dass sie sich emotional nicht besonders mit Israel verbunden fühlen. Was nicht bedeutet, dass die Amerikaner jüdischer Herkunft nicht an dem Geschehen dort interessiert sind.

Acht von zehn US-Juden geben an, die Sorge um Israel sei ein wesentlicher Teil ihrer Identität. Während vier von zehn Befragten Boykottforderungen ablehnen, werden sie von zehn Prozent unterstützt.

Ältere US-Juden, die noch Erinnerungen an den Holocaust haben und auch den fragilen Staat Israel in seiner Entstehungsphase Ende der 1940er-Jahre kennen, solidarisieren sich stärker mit Israel in dem Konflikt mit den Palästinensern.

Jüngere erleben hingegen das heutige Netanyahu-Israel als starken Staat, in dem Palästinenser unterdrückt und an den Rand gedrängt werden. Unterdessen empfinden immer mehr Juden den Antisemitismus in den USA als besorgniserregend bis bedrohlich.

Engagement für "Black Live Matter"

Drei Viertel geben laut Pew an, das Phänomen habe in den vergangenen fünf Jahren zugenommen. Im vergangenen Jahr schnellte die Zahl antisemitischer Vorfälle auf die dritthöchste Quote, seitdem die «Anti-Defamation League» 1979 Angriffe auf US-Juden dokumentiert."Black Lives Matter"

Wie tausende andere Juden in den USA, hat sich Aviva Davis in diesem Frühjahr für "Black Lives Matter" engagiert. Aviva hat gerade ihren Universitäts-Abschluss an der Brandeis University in Massachusetts gemacht. Sie steht stellvertretend für liberale und jüngere US-Juden vor dem Hintergrund der neuen Gewalteskalation in Nahost.

Und sie sucht Antworten. "Ich bin auf der Suche nach der Wahrheit", sagt Aviva. "Aber was ist die Wahrheit, wenn jeder eine andere Sichtweise auf die Dinge hat?"

Autor/in:
Thomas Spang
Quelle:
KNA
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