Lateinamerika steht ein turbulentes Jahr 2021 bevor

Zwischen Armenspeisung und Wahlbeobachtung

In vielen lateinamerikanischen Ländern stehen richtungsweisende Wahlen an. Das Thema Abtreibung wird die gesellschaftliche Debatte sowie die Wahlkämpfe in Lateinamerika mitbestimmen. Beides könnte die Kirche vor Herausforderungen stellen.

Heftige Unruhen in Peru / © Martin Mejia/AP (dpa)
Heftige Unruhen in Peru / © Martin Mejia/AP ( dpa )

Das Jahr 2020 endete mit einer richtungsweisenden Entscheidung in Argentinien. Die von Präsident Alberto Fernandez angestoßene Liberalisierung von Abtreibungen im Heimatland von Papst Franziskus - gegen den ausdrücklichen Willen der katholischen Kirche - wird auf die Region ausstrahlen. In anderen Ländern des Kontinents, in denen Schwangerschaftsabbrüche bislang ebenfalls illegal sind, wird der argentinische Weg bereits als Vorbild betrachtet.

Das Thema Abtreibung wird daher 2021 die gesellschaftliche Debatte sowie die Wahlkämpfe in Lateinamerika mit bestimmen. Genauso wie die wirtschaftliche Lage zwischen Mexiko und Feuerland. Hier muss die katholische Kirche vor allem die Rolle des Helfers erfüllen. Armutsraten von bis zu 44 Prozent wie in Argentinien sorgen für lange Schlangen vor den Armenspeisungen. Und ein Ende der Entwicklung ist zumindest in der ersten Jahreshälfte 2021 nicht in Sicht.

Richtungsweisende Wahlen

In vielen lateinamerikanischen Ländern stehen richtungsweisende Wahlen an. Den Auftakt macht Ecuador: Dort wird am 7. Februar ein neuer Präsident gewählt. Gesucht wird ein Nachfolger für Lenin Moreno, einst ein enger Verbündeter des Linkspopulisten Rafael Correa, inzwischen aber ein politischer Intimfeind seines Vorgängers. Das Land leidet wie viele andere unter den Folgen der Corona-Pandemie und der daraus resultierenden Wirtschaftskrise. Zudem bestimmte auch dort zuletzt das Thema Schwangerschaftsabbrüche die Debatte.

Als Umfrage-Favorit gilt Andres Arauz, ein Mann aus dem Correa-Lager. Dem Ex-Präsidenten selbst wurde eine erneute Kandidatur als Vizepräsident aufgrund einer Verurteilung wegen Korruption untersagt. Gewinnt Arauz, dürfte aber einem politischen Comeback Correas nach Jahren des selbstgewählten Exils in Belgien, dem Heimatland seiner Ehefrau, nichts im Wege stehen.

Neuwahlen in Peru

Noch frisch in Erinnerung sind die Unruhen in Peru nach der Absetzung von Präsident Martin Vizcarra durch das Parlament. Hier sollen Neuwahlen im April das Land in ruhigere Fahrwasser bringen. Limas Erzbischof Carlos Castillo hatte sich während der Proteste hinter die Studenten gestellt. Von den Politikern forderte er ein größeres Problembewusstsein, gerade was das Thema Korruption betrifft.

Ein langer emotionaler Wahlkampf steht Chile bevor: Dort wird nicht nur um eine neue Verfassung gerungen, sondern Ende des Jahres auch ein Nachfolger für den glücklosen konservativen Amtsinhaber Sebastian Pinera gesucht. Der Ausgang der Wahl gilt als offen. Die klare Mehrheitsentscheidung beim Volksentscheid für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung deutet aber daraufhin, dass Chile vor einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung steht.

Umstrittene Amtszeiten in Honduras und Nicaragua gehen zu Ende

Gewählt wird auch in Honduras und Nicaragua. In Honduras geht die zweite Amtszeit von Präsident Juan Orlando Hernandez zu Ende, dessen Kandidatur ebenso umstritten war wie sein Wahlsieg vor vier Jahren. Das Land ist arg gebeutelt von Korruption sowie den jüngsten Hurrikanen. Zentrale Aufgabe einer neuen Regierung wird es sein, Aufbauarbeit zu leisten, wie der honduranische Kardinal Oscar Andres Rodriguez jüngst forderte.

In Nicaragua stellt sich das umstrittene Präsidentenpaar Daniel Ortega und Rosario Murillo zur Wiederwahl. Menschenrechtsorganisationen und die katholische Kirche kritisierten jüngst in scharfen Worten die neuen Gesetze, mit denen der Opposition jede Machtoption genommen werden soll. Das Regime Ortega versuche "ein System der Kontrolle von Organisationen der Zivilgesellschaft" zu errichten, sagte die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH). Es sei wichtig, dass sich die Europäische Union "als Verteidiger der Menschenrechte und der Demokratie bestätigt und Nicaragua nicht vergisst", betonte der im Exil lebende Weihbischof Silvio Baez. Doch auch hier gilt: Der Wahlausgang ist völlig offen.

Autor/in:
Tobias Käufer
Quelle:
KNA