Das schwere Kirchenjahr in Lateinamerika

Kirche blieb Rettungsanker

Das Jahr 2020 wird als eines der schwierigsten Jahre für die katholische Kirche in Lateinamerika in die Geschichte eingehen. Die Corona-Pandemie hat nicht nur den direkten Kontakt zu den Gläubigen fast unmöglich gemacht.

Blick auf Mexiko-City / © WitR (shutterstock)

Gestorbene Geistliche, verwaiste Kirchen, ausbleibende Spenden: Auch für die katholische Kirche in Lateinamerika ist das Jahr 2020 ein Katastrophenjahr, das in die Geschichte eingehen wird. Da sind zunächst einmal die Todesfälle in den eigenen Reihen. Allein in Mexiko starben laut Katholischem Multimedialem Zentrum bislang vier Bischöfe, 128 Geistliche und Ordensbrüder, acht Diakone und fünf Nonnen an den Folgen einer Covid-Infektion (Stand: 16. Dezember). 

Der vielleicht bewegendste Todesfall war der von Alt-Bischof Arturo Lona Reyes. Die Tageszeitung "El Universal" schrieb Ende Oktober: "Der Bischof der Armen aus Oaxaca ist gestorben." Nicht nur Mexikos Kirche trauerte um den Alt-Bischof aus der Diözese Tehuantepec, auch Staatspräsident Andres Manuel Lopez Obrador: Er betrauere sehr den Tod des wegen seiner beispielhaften Arbeit für die Verwundbarsten "Bischof der Armen" genannten Bischofs, twitterte Lopez Obrador und versah seine Nachricht mit einem Foto von einem gemeinsamen Treffen. 

Das direkte Gespräch ist kaum noch möglich

In Argentinien, dem Heimatland von Papst Franziskus, hat der Corona-Tod des Armenpriesters Basilico "Bachi" Britez die Menschen aufgewühlt. Der gebürtige Paraguayer war im August nach wochenlanger Krankheit einer Covid-19-Infektion erlegen. Franziskus hatte sich immer wieder nach dem Gesundheitszustand von "Padre Bachi" erkundigt, wie Britez inseiner Pfarrei in San Justo in der Provinz Buenos Aires gerufen wurde. Die ehemalige Staatspräsidentin und amtierende Vizepräsidentin Cristina Kirchner erinnerte mit einer Kondolenzbotschaft auf Twitter an den verstorbenen Priester.

Neben den Todesfällen unter Geistlichen ist es vor allem der fehlende oder zumindest stark eingeschränkte Kontakt, welcher der Kirche zu schaffen macht. Nicht nur die großen abgesagten Wallfahrten sind ein Problem. Mit den sonntäglichen Gottesdiensten, die seit Monaten praktisch nur noch virtuell stattfinden, ist das direkte Gespräch zwischen Pfarrer und Gläubigen quasi unmöglich geworden. 

 

Und das in Zeiten, in denen Millionen Menschen in der Region Todesfälle in den eigenen Familien zu beklagen haben, Seelsorge und Unterstützung dringend bräuchten. Beerdigungen finden unter zuvor kaum vorstellbaren Bedingungen statt. Menschen, die in Folge der historischen Wirtschaftskrise in die Armut abgerutscht sind, können nicht einfach so ins Pfarrhaus oder in die Kirche gehen, um seelischen Beistand zu erhalten. Das alles hat auch Folgen für die Einnahmen: Ohne Wallfahrten, ohne volle Gotteshäuser gibt es auch weniger Spenden, die aber gerade jetzt in Zeiten explodierender Armut und Arbeitslosigkeit besonders wichtig wären.

Kirche weiß sich zu helfen

Trotzdem ist es der Kirche gelungen, in zahlreichen Ländern Lateinamerikas ein letzter wichtiger Rettungsanker in der Not zu bleiben. So wurde die Venezolanerin Susana Raffalli von der BBC zu einer der einflussreichsten Frauen des Jahres 2020 gezählt. Die Ernährungswissenschaftlerin ist eine Beraterin von Caritas in Venezuela, einer der letzten Institutionen, der es in dem heruntergewirtschafteten südamerikanischen Land noch gelingt, zuverlässig humanitäre Hilfe an die Bevölkerung zu bringen. 

Überhaupt ist die Flüchtlingskrise von Venezuela - rund fünf Millionen Menschen haben das Land in den vergangenen Jahren verlassen - die größte humanitäre Herausforderung in Lateinamerika. In nahezu allen Großstädten Südamerikas gibt es tausende bettelnde Familien aus Venezuela, die nun in der Wirtschaftskrise durch alle sozialen Raster fallen - und auf die Kirche hoffen, weil sonst niemand mehr da ist, der sich überhaupt noch um sie kümmert. 

In Mittelamerika sind es kirchliche Hilfswerke wie Adveniat und Caritas, die die doppelt heimgesuchte Region unterstützen. Nach den verheerenden Wirbelstürmen im Oktober und November schickten sie ihren Partnerorganisationen Soforthilfen. Doch zum Jahresende reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Länder wie Brasilien oder Mexiko melden wieder einen deutlichen Anstieg der Corona-Infektionszahlen. Es scheint, als würde die Katastrophe auch im neuen Jahr ein treuer Begleiter der katholischen Kirche bleiben.

Autor/in:
Tobias Käufer
Quelle:
KNA