Wuppertal Ärzte behandeln Obdachlose und "Hartz-IV"-Empfänger im Medimobil

Ärzte "auf Platte"

Wenn andere Internisten nach einem langen Praxistag in den verdienten Feierabend gehen, beginnt für den Wuppertaler Mediziner Thomas Ahndorf einmal pro Woche der zweite Job. Jeden Donnerstag fährt der 44-Jährige nach Praxisschluss mit dem sogenannten Medimobil durch Wuppertal und behandelt kostenlos Obdachlose und "Hartz IV"-Empfänger.

 (DR)

Das Medimobil ist ein ausrangierter Krankenwagen, den die «Wuppertaler Tafel» vor zwölf Jahren von einer privaten Unfallrettung geschenkt bekam. Die soziale Einrichtung für bedürftige Menschen finanziert den Unterhalt des Wagens durch den Verkauf von Secondhand-Kleidung und Hausrat. Ahndorf ist einer von vier Ärzten, die sich mit der Arbeit im Medimobil abwechseln. An vier Stellen hält der Krankenwagen in Wuppertal, meist kommen jeweils rund zwei Dutzend Patienten. Vor sechs Jahren erzählte der Vorsitzende der Wuppertaler Tafel ihm von dem Projekt. Der Arzt bot seine Mitarbeit sofort an. Mittlerweile hat das Projekt Schule gemacht. Seit einigen Jahren wird es auch in Solingen und Remscheid angeboten. Der Malteserhilfsdienst bietet Ähnliches in Köln und Münster an. Statt im weißen Arztkittel steht Ahndorf in Motorradhose und Hemd im Medimobil. Das baut die Hemmschwelle ab, die viele vor einem Arzt haben. «Die meisten Patienten im Medimobil können sich keine Praxisgebühr leisten», sagt Ahndorf. Oft seien sie drogen- oder alkoholabhängig. Deshalb liegt im Krankenwagen schnell eine Mischung aus Bier- und Schweißgeruch in der Luft. Doch es sei nicht immer nur das fehlende Geld. Manche Ärzte wollten keine Bedürftigen im Wartezimmer haben, schließlich könnten diese andere Patienten vergraulen, berichtet Ahndorf. Erlaubt sei das nicht, denn ein Vertragsarzt sei verpflichtet, Kassenpatienten zu behandeln, sagt ein Sprecher der Ärztekammer NRW. Nur bei Privatpatienten und Nichtversicherten könne eine Behandlung verweigert werden, solange es sich nicht um einen Notfall handelt. Allerdings lägen der Ärztekammer NRW auch keine Beschwerden dieser Art vor. Schlimmer sei das Problem, dass Bedürftige oft keinen Arzt aufsuchten. Das kennt auch Ahndorf. Häufige Probleme der Patienten sind Prellungen oder entzündete Nadelstiche. Manchmal reicht ein Verbandswechsel, wenn die Bedürftigen vom Essenwagen der Tafel nebenan vorbeikommen. Viele fragen den Mediziner nach Tabletten gegen vermeintliche Schmerzen. Um einem möglichen Missbrauch vorzubeugen, verteilt Ahndorf nur niedrig dosierte Tabletten und Cremes in kleinen Mengen. Die meisten Medikamente würden von Ärzten, Apotheken oder Pharmareferenten gespendet. Für die kleinen Behandlungen im Medimobil sei das völlig ausreichend. Bei schweren Verletzungen oder Schmerzen muss der Patient ohnehin ins Krankenhaus, in besonders schweren Fällen auch gegen seinen Willen, betont der Arzt. Neben der medizinischen Behandlung ist Ahndorf vor allem das persönliche Gespräch wichtig, auch wenn vor dem Krankenwagen schon die nächsten warten. Und so gibt er seinen Patienten im Medimobil gerne hilfreiche Tipps: Statt einer teuren Creme aus der Apotheke helfe auch Olivenöl aus dem Supermarkt gegen die trockenen Nasenschleimhäute. Ahndorf ermutigt die Patienten, beim nächsten Mal in eine Arztpraxis zu gehen, doch wahrscheinlich sehen sie sich in einer Woche wieder - im Medimobil in Wuppertal.

Autor/in:
Sebastian Auer