Chöre, Orchester und Festivals in der "neuen Normalität" mit Corona

Wo spielt die Musik?

"Auferstehn, ja auferstehn" lautet das Motto des Beethovenfestes 2021 in Bonn. Hoffnung steckt darin: Dass klassische Musikevents wieder in größerem Umfang stattfinden können. Doch vorerst gibt Corona weiter den Takt vor.

Eine Musikerin spielt ihr Instrument mit Schutzhandschuhen / © andrea lehmkuhl (shutterstock)
Eine Musikerin spielt ihr Instrument mit Schutzhandschuhen / © andrea lehmkuhl ( shutterstock )

In gewisser Weise war es eine Premiere. Die 100. Auflage der Salzburger Festspiele im August elektrisierte diesmal nicht nur Musiker und Klassikfans - sondern auch Mediziner und Politiker. Als erstes Großevent seiner Art ging das traditionsreiche Festival in der "neuen Normalität" nach Corona über die Bühne - mit abgespecktem Programm und unter hohen Hygienestandards.

Die Ouvertüre mit 1.400 Mitwirkenden und 76.500 Besuchern scheint geglückt, folgt man dem abschließenden Fazit der Veranstalter. "Wir sind überglücklich, dass sich die Festspiele auch und gerade in der von Corona zutiefst verunsicherten Welt als Sinngeber und Arbeitgeber bewähren konnten", so Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler.

"Man wird durch Corona schlauer"

Unterdessen bereiten sich hierzulande Opernhäuser und Konzerthallen, Orchester und Sänger, Intendanten und Festival-Organisatoren auf eine besondere Spielzeit im Herbst und Winter bevor. Angst vor neuen Corona-Hotspots, finanzielle Nöte und das Ringen um die Gunst eines verunsicherten Publikums: Dieser Dreiklang begleitet die Branche seit Wochen. "Man wird durch Corona schlauer", meint Michael Rathmann, Manager des Festivals Alte Musik in Knechtsteden.

Die renommierte Konzertreihe in der romanischen Klosterbasilika bei Dormagen startet am 19. September. Und schon jetzt ist klar, dass wegen der geltenden Schutzmaßnahmen nur ein Fünftel der Tickets verkauft werden können.

Auf 20 Prozent beziffert Rathmann die finanziellen Einbußen für dieses Jahr. Das sei im Vergleich mit anderen Veranstalterkollegen noch ein überschaubarer Rahmen, "weil wir von öffentlichen und privaten Geldgebern gefördert werden und einen gewissen Vorlauf hatten, um uns auf die neuen Bedingungen einzustellen".

Verzicht auf ÖPNV und Konzerte

Anstatt über Besetzungslisten und Künstlerverträge beugte sich der Manager in den zurückliegenden Monaten über Coronaschutzverordnungen und Hygienekonzepte. Rathmann absolvierte einen Crashkurs in Sachen Bürokratie. "Und trotzdem hängt man oft im luftleeren Raum, da es für alle eine völlig neue Situation ist." Mehr als sonst musste Rathmann improvisieren und lernte nebenbei, dass "in Zeiten von Corona" alles mit allem zusammenhängt.

Viele Freunde der Alten Musik kamen bislang mit Bussen und Bahnen nach Knechtsteden. Doch jetzt verzichten die Menschen aus Angst vor der Pandemie auf den öffentlichen Personennahverkehr und damit den Besuch der Konzerte.

Ob und wie insbesondere freiberufliche Solisten, kleinere Ensembles oder Konzertreihen die Durststrecke überstehen, ist nach Ansicht von Rathmann ungewiss. "Wir bluten alle aus", befürchtet er. Obwohl die Bundesregierung in Berlin eine Menge Geld in die Hand nimmt, um die Branche zu fördern. Kaum eine Woche vergeht derzeit, in der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) nicht neue Hilfen ankündigt: für Musiker, Theater oder Museen, Kino- oder Clubbetreiber.

Langfristige Absicherung von Kulturschaffenden gefordert

Von "sehr wertvollen Initiativen" spricht Dorothee Oberlinger, Blockflötistin von Weltruf, frischgebackene Opus-Preisträgerin und selbst Intendantin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci und der Barock-Festspiele Bad Arolsen. In Krisensituationen seien sie allerdings ein Tropfen auf den heißen Stein. Deutschland brauche, wie bereits in einigen Nachbarländern praktiziert, eine langfristige Absicherung der Kulturschaffenden.

Wer im Moment Künstler aus dem Ausland engagiert, sieht sich mit weiteren Unwägbarkeiten konfrontiert: Wird das Herkunftsland zum Risikogebiet erklärt? Kann die Anreise wie geplant stattfinden?

Trotzdem: "Es wird Zeit, dass wieder was geht", sagt Christian Heiß, Domkapellmeister und Leiter der Regensburger Domspatzen. Sein Chor nimmt derzeit an einer von der bayerischen Landesregierung geförderten Studie teil, die ausloten soll, wie sich Corona-Ausbrüche in Schulen, aber eben auch bei Chören, vermeiden lassen. Nach sechsmonatiger Corona-Pause kehren die Domspatzen am Sonntag in nennenswerter Anzahl in den Dom zurück.

Das Konzerterlebnis wird anders sein, ist sich Dorothee Oberlinger sicher. Das gesellige Beisammensein in den Pausen entfällt. Aber: "Der Live-Charakter hat einen höheren Stellenwert bekommen." Reine Internetübertragungen könnten da auf Dauer nicht mithalten. "Ich freue mich riesig, dass es wieder los geht", sagt Oberlinger. Denn auch sie erlebte zuletzt eine etwas spezielle Premiere: einen nahezu spielfreien Sommer - erstmals seit 30 Jahren.

Kloster Knechtsteden, Dormagen / © Mathias Peter  (DR)
Kloster Knechtsteden, Dormagen / © Mathias Peter ( DR )
Autor/in:
Joachim Heinz
Quelle:
KNA