Die Corona-Auswirkungen treffen Israels Migrantengemeinde hart

Wo es schon vor dem Virus nicht bis zum Monatsende reichte

Vielleicht unterscheidet Covid-19 nicht zwischen den Menschen, die es befällt. Wer schon am Existenzminimum lebte, hat aber mit den Folgen der Krise besonders zu kämpfen. Ein Besuch bei der Migrantenseelsorge in Israel.

Israelische Frau mit Mundschutz / © Ilia Yefimovich (dpa)
Israelische Frau mit Mundschutz / © Ilia Yefimovich ( dpa )

John steht im Flur zwischen Wohnbereich und Spielplatz. Die Betreuerin bleibt hart. Die Mittagspause ist beendet, der 14-Jährige darf nicht mehr auf sein Zimmer, um von langen Hosen zu Shorts zu wechseln. "Disziplin ist wichtig, denn die Kinder haben zu Hause weder Ordnung noch Regeln", sagt Claudia Linati. Die Ordensschwester der Kongregation der Ursulinen des heiligen Karl ist verantwortlich für das "Sankt-Rachel-Zentrum" im Jerusalemer Westen, das sich um Flüchtlings- und Migrantenkinder kümmert. Die Corona-Pandemie hat das Leben in der katholischen Einrichtung auf den Kopf gestellt.

Wo sonst täglich 28 Kleinkinder und nachmittags zusätzliche 35 Schulkinder herumspringen, leben seit Wochen neun philippinische Gastarbeiterkinder mit einer Handvoll Betreuer und Freiwilligen in einer Corona-bedingten Hausgemeinschaft. Physische Außenkontakte gibt es keine. Eins zu eins ist in dieser außerordentlichen Zeit das Betreuungsverhältnis, und erstmals erleben die Erwachsenen die Kinder über einen so langen Zeitraum aus der Nähe. "Alles in allem eine sehr positive Erfahrung", sagt Benedetto di Bitonto, Priester des lateinischen Patriarchats und seit Beginn der Krise mit im Haus. Ebenfalls erstmals, so der Italiener, "lernen die Kinder jeden Tag", eine Routine, die den meisten Zöglingen unbekannt war.

Kleine Wohnungen

Weniger idyllisch ist der Grund, der die Kinder die Corona-Tage in dem Zentrum anstatt bei ihren Familien verleben lässt. "Manche Wohnungen sind derart klein, dass sich die Frage nicht stellte", sagt der Patriarchalvikar für die hebräischsprachigen Katholiken in Israel, Rafic Nahra, in dessen Bereich die Migrantenseelsorge fällt. Mit den am stärksten Betroffenen habe man für die Dauer der Pandemie im Zentrum eine Wohngemeinschaft eingerichtet, die "wie eine Familie" entsprechend der behördlichen Einschränkungen lebe.

Es ist eine der Aktionen, mit der die Gemeinde versucht, "Not da zu begegnen, wo sie auftaucht", sagt Katrin Tal, für die Migrantenseelsorge in Tel Aviv als Sozialarbeiterin tätig. Auch Lebensmittelhilfe oder Mietzuschüsse gehören dazu. Daneben versuche man, auf Hilfsangebote anderer Organisationen aufmerksam zu machen, aber "inzwischen sind alle an ihren Grenzen angelangt", so Tal. Genaue Zahlen zur Krise zu erhalten ist laut der Sozialarbeiterin schwierig, aber von rund 25.000 bis 30.000 registrierten Flüchtlingen in Israel haben wohl 15.000 seit Beginn der Pandemie ihre Arbeit verloren: Tagelöhner, Reinigungskräfte in Hotels und Restaurants, Küchenhilfen.

Covid-19 unterscheidet nicht zwischen Rasse, Religion, Nation oder Kontostand. Sätze wie diese, seit Wochen immer wieder gern wiederholt, klingen bitter in den Ohren der Migrantenhelfer und ihrer Klientel. Nicht nur, dass das Infektionsrisiko durch die beengten Wohnverhältnisse erhöht ist: Wem es schon vor der Krise nicht immer bis zum Monatsende gereicht hat, der steht inzwischen deutlich unter Druck, Geld für Miete und Essen aufzubringen. Durch das Netz staatlicher Hilfsleistungen fallen Geflüchtete in Israel hindurch, oft auch durch das soziale Sicherungsnetz.

Arbeitslosigkeit

Seit über einem Monat habe weder sie noch ihr Mann Arbeit, erzählt Einab. Ob sie ihren Putzjob in der Cafe-Kette "Aroma" je wieder zurückbekommt, weiß die zweifache Mutter aus Eritrea nicht. Der Supermarktgutschein aus der Krippe ist eine kleine Hilfe. Vor allem mit den Familien, deren Kinder sonst die wegen Covid-19 geschlossene Kinderkrippe nahe dem Tel Aviver Busbahnhof besuchen, halten Tal und die beiden verantwortlichen sri-lankischen Ordensschwestern Kontakt.

Mittels einer Crowdfunding-Kampagne will die Gemeinde die 100 bedürftigsten Familien wenigstens für einen Monat mit dem Nötigsten versorgt wissen; durchschnittlicher Bedarf: 1.300 Euro. Und hier kommt dann doch der vielzitierte Satz zurück ins Bild: "Unser Problem ist, dass es eine globale Krise ist, die alle betrifft, auch jene, die sonst unsere wichtigsten Partner sind." Das Ausmaß der Folgen - dessen ist man sich bewusst - wird erst langsam sichtbar; und sie werden die Migrantenhilfe noch lange beschäftigen.

Quelle:
KNA