Ernannter Paderborner Weihbischof Holtkotte im Interview

"Wir wollen eine einladende Kirche sein"

Sein Herz schlägt sowohl für das Ruhrgebiet, als auch für Ostwestfalen. Der Kolping Bundespräses Josef Holtkotte wird neuer Paderborner Weihbischof. Wie steht er zu Konfliktthemen wie der Segnung homosexueller Paare oder Frauen in der Kirche?

Pfarrer Josef Holtkotte / © Tobias Schulte (EPB)
Pfarrer Josef Holtkotte / © Tobias Schulte ( EPB )

DOMRADIO.DE: Der Papst und das Erzbistum Paderborn haben zeitgleich bekannt gegeben, dass Sie auf Hubert Berenbrinker folgen, der aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als Weihbischof niedergelegt hatte. Als Sie das erfahren haben, Sie werden Weihbischof, was dachten Sie da?

Josef Holtkotte (Kolping Bundespräses und ernannter Weihbischof von Paderborn): Der Nuntius hatte mich angerufen und mich gebeten, nach Berlin zu kommen. Ich bin dann da hingefahren und saß dann in der Nuntiatur bei ihm. Dann hat er mir das direkt so mitgeteilt. Ich hatte vorher keine Vorkenntnisse, keine Ahnung. Es ist schwierig zu beschreiben, wie genau meine Gefühle waren, es war ein bisschen Achterbahn und Wechselbad der Gefühle. Aber ich habe auch dann relativ schnell gedacht, wenn der Heilige Vater dir das zutraut, dann willst du dir es auch selber zutrauen. Ich muss es immer noch für mich annehmen und begreifen. Aber ich möchte versuchen, dieses Vertrauen auch anzunehmen und zu erwidern.

DOMRADIO.DE: Nun werden Sie neuer Weihbischof im Erzbistum Paderborn. Geboren sind Sie im Ruhrgebiet, in Castrop-Rauxel, das auch zum Erzbistum Paderborn gehört. Fühlen Sie sich eigentlich als Ruhrgebietler oder Ostwestfale? Oder - weil Sie ja in Köln leben - vielleicht doch als Kölner?

Holtkotte: Egal, was ich jetzt ausschließe, ich werde irgendwo in ein Fettnäpfchen treten. Ja, Ruhrgebietler bin ich. Ich bin da aufgewachsen und ich mag auch die Mentalität der Menschen. Ich bin da immer gut zurechtgekommen. Ich habe bis heute immer einen intensiven Kontakt zu meiner Heimatgemeinde gepflegt, zu den Menschen, Freunden, die ich da habe. Das ist mir wichtig gewesen. Castrop-Rauxel war aber immer Grenze zwischen dem Ruhrbistum und Paderborn.

Das Bistum Essen, auch das Bistum Münster, grenzen direkt an uns. Ich habe gerne im Ruhrgebiet gelebt. Ich habe aber auch gerne in Ostwestfalen gelebt, denn ich war ja auch zeitweilig in Verl und in Paderborn. Und ich lebe jetzt auch gerne in Köln. Von daher kann ich insgesamt sagen, alle Stationen waren gut, aber das Ruhrgebiet hat mich natürlich geprägt.

DOMRADIO.DE: Machen wir es mal noch ein bisschen an Köln fest und an einer wichtigen Aufgabe, die Sie haben. Sie sind ja noch Kolping Bundespräses und zugleich auch Präses des Kolpingwerkes Europa. Das sind Ämter, die Sie dann jetzt abgeben müssen. Fällt Ihnen das schwer?

Holtkotte: Ja. Es fällt mir schwer, weil ich wirklich diese Aufgaben gerne gemacht habe. Ich bin ja von Bielefeld aus - ich war Pfarrer in Bielefeld und Studierendenseelsorger - nach Köln gekommen als Bundespräses. Kolping im Herzen zu haben, das war bei mir schon sehr lebendig. Das habe ich auch immer gespürt. Und es hat mich auch dazu motiviert, mich für dieses Amt zur Verfügung zu stellen und bin dann ja auch gewählt worden.

Das Weggehen fällt mir schwer, weil ich gerne hier war und ich habe diese Aufgaben gerne gemacht. Ich habe Lebendigkeit erlebt im Kolpingwerk, was ja für die Lebendigkeit von Kirche spricht. Viele ehrenamtliche Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche, die sich engagieren in unserer Kirche. Und ich habe sie besucht, bin bei ihnen gewesen, bin mit ihnen gewesen, unterwegs gewesen als Weggemeinschaft. Das wird mir schwerfallen. Ich werde mich jetzt mit dem Gedanken tragen müssen und diese Zeit wird zu Ende gehen. Aber was für mich Kolping bedeutet und was für mich es bedeutet, in diesem Verband zu sein, das will ich aber inhaltlich auch mitnehmen in meine neue Aufgabe.

DOMRADIO.DE: Schwerpunkte der Arbeit bei Kolping sind Bildung junger Menschen, Arbeitswelt, Familie, eine Welt. Was können Sie denn davon mitnehmen ins Bischofsamt? Was wollen Sie da in diesem Sinne vielleicht angehen?

Holtkotte: Ich bin ja sehr pastoral unterwegs gewesen. Wenn ich eingeladen war, waren das Vorträge, Gottesdienste, Predigten, Einkehrtage. Und das war ja immer mit Seelsorge, wenn man so will, verbunden und aber auch mit direkten Begegnungen von Menschen. Das möchte ich gerne mitnehmen.

In dieser Vielfalt, wie ich Menschen da auch erlebt habe, die sich genau für diese Themen engagieren, für die ich eine große Offenheit habe, die ich ganz wichtig finde in unserer Zeit, die müssen sich wiederfinden, meine ich, in meinem Dienst. Die werden auch solche Felder besetzen. Ich werde sie bestärken, dass das wichtige Felder sind in unserem Miteinander. Gerade die Solidarität in unserer Gesellschaft, die Solidarität in unserer Kirche, das miteinander auf dem Weg sein, das aufeinander achten und die Würde des Menschen zu sehen. Das habe ich sehr stark im Verband erlebt. Und ich glaube, da sollte ich jetzt keinen Schnitt machen, sondern sagen: Das ist ein Doppelpunkt, was jetzt folgt, und das will ich inhaltlich mitnehmen.

DOMRADIO.DE: Die Kolping-Gemeinschaft strebt gerade die Heiligsprechung von Adolph Kolping an. Hätten Sie das nicht vielleicht als Bundespräses doch noch gern miterlebt?

Holtkotte: Das hätte ich tatsächlich gerne miterlebt, er hätte es auch wirklich verdient. Also so ein Mann, der weltweite Verehrung genießt und auf den sich so viele unterschiedliche Menschen berufen, der ihnen Motivation ist und Vorbild in der ganzen Welt, der hat es wirklich verdient, finde ich. Und der dann auch noch ein Seliger jetzt ist und dann hoffentlich bald ein Heiliger, der wirklich unter den Menschen ist und der Menschen motiviert, der Gottesliebe und Menschenliebe im Grunde verkörpert, der es wirklich verdient, aber ich hoffe, dass ich es erlebe, dann erlebe ich es vielleicht in einer anderen Funktion. Das wird mich auch froh machen.

DOMRADIO.DE: Die Kirche befindet sich in einer ziemlich weitreichenden Krise. Wie kommt Sie da wieder raus? Und was kann Ihr Anteil als Weihbischof sein, das zu bewältigen?

Holtkotte: Wenn ich den ersten Teil beantworten könnte, das wäre natürlich wunderbar. Ich kann ja nur überlegen: Was kann mein Anteil sein? Vielleicht in einer Art und Weise, wie ich bis jetzt auch versucht habe, mit den Menschen Kirche zu sein, Kirche abzubilden. Bei Kolping auch ein Ort von Kirche zu sein, indem man hörend miteinander unterwegs ist. Indem man versucht, Menschen mitzunehmen, in den Menschen auch zu entdecken, was ihre eigenen Charismen sind. Indem man sich bemüht, zwischen den Menschen zu sein und die Gottesfrage nicht nur offen zu halten, sondern auch selber zu thematisieren. Den Menschen deutlich zu machen, was es heißen kann, diesen Mehrwert zu spüren. An einen Gott zu glauben, der es gut mit einem Menschen meint, der auf der Seite der Menschen steht und mit uns unterwegs sein will.

Das sind alles so plakative Dinge. Aber ich glaube, dass die Menschen heute nach Glaubwürdigkeit suchen. Sie suchen nach Vertrauen und da sind ja Dinge verloren gegangen und wir können nur durch unsere eigene Art, wie wir mit den Menschen umgehen, wie wir versuchen umzusetzen, was für uns selber Glaube bedeutet, uns auch vielleicht ein Stück ins Herz hineinschauen zu lassen. Dadurch können wir nur versuchen, Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, die Tür von Weihbischof Holtkotte wird immer offen stehen?

Holtkotte: Im bildlichen Sinne ja. Ob die Haustür immer offensteht, kann ich jetzt nicht so richtig sagen, aber ich habe das bisher auch so verstanden. Ich war ja mit vielen Menschen unterwegs. Ich will jetzt hier nicht das Bild malen, dass ich vielleicht jedem gerecht werden kann. Das wäre vielleicht auch zu vollmundig. Ich weiß es nicht. Muss ich auch ehrlich sagen. Ich werde auch meine Grenzen haben und ich werde auch Fehler machen. Das wird sicherlich so sein. Aber die Signale, die ich sende, sind: Wir wollen eine einladende Kirche sein. Wir möchten miteinander unterwegs sein. Nicht als Menschen, die einfach nur alles wissen, sondern die auch vielleicht suchend miteinander sind. Glaubend und suchend.

DOMRADIO.DE: Die Kluft zwischen den Menschen an der Kirchenbasis und der Kirchenleitung scheint riesig zu sein. Stichwort Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.

Holtkotte: Das ist ein großes Thema, was wir auch beim Synodalen Weg ja bearbeiten. Mir ist immer wichtig gewesen bei allen Themen, dass wir eine Haltung mit einbringen und eine geistliche Haltung - das möchte ich auch nicht verändern jetzt in Zukunft - und alle Dinge, die da sind und alles, was die Menschen bewegt, wirklich auf den Tisch bringen. Ich bin der Meinung, es darf jetzt nichts geben, was wir ausgrenzen, was wir nicht ansprechen wollen. Dafür habe ich mich bisher stark gemacht und das möchte ich auch weiterhin so sehen. Ich kann nicht sagen, was am Ende rauskommt, aber ich finde es falsch, wenn wir zu schnell jetzt manche Dinge einfach festzurren - aber genauso falsch, wenn wir den Eindruck hätten, es dürfen manche Dinge nicht benannt werden.

DOMRADIO.DE: Streifen wir mal noch so ein Problemfeld: Frauen benötigen mehr Mitspracherechte - würden Sie mir da zustimmen?

Holtkotte: Die Frauen sollen auf jeden Fall mehr Mitspracherechte haben und Frauen machen die Lebendigkeit unserer Kirche aus. Ich komme aus einer Gemeinde - wenn ich die Frauen mir wegdenken würde, ja, dann würde ein ganz erheblicher Teil unserer Kirchengemeinde wegbrechen und Inhalte würden wegbrechen. Themen, die Art und Weise, Kirche zu leben und zu sein, würde wegbrechen. Ich hab das aber, das muss ich wirklich sagen, immer als ein wirkliches Miteinander erlebt. Ich kann mich an keine Kinder- und Jugendzeit erinnern, wo das z.B. in meiner Heimatgemeinde ein wirkliches Problem gewesen wäre im Miteinander. So war meine Gemeinde schon. Das hat mich auch geprägt, dass wir wirklich auch so gut unterwegs sind. Was am Ende immer in Erwartungen zu erfüllen ist, das kann ich Ihnen heute wirklich auch nicht sagen. Aber dass das Thema ein wichtiges Thema ist und dass wir da weiterkommen müssen, da bin ich schon der Meinung.

DOMRADIO.DE: Als Weihbischof bekommt man auch ein Titularbistum, weil ohne Bistum kein Bischof. Welches Bistum bekommen Sie denn?

Holtkotte: Das ist wohl eine untergegangene Diözese, wie man das wohl nennt, im heutigen Tunesien, nämlich Simingi. Das liegt wohl in der Nähe von Karthago, das wir ja alle aus dem Geschichtsunterricht kennen. Aber mehr kann ich Ihnen nicht dazu sagen.

DOMRADIO.DE: Fahren Sie da mal hin?

Holtkotte: Wenn das möglich ist, kann ich das ja mal in meine Reisepläne einbauen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

Paderborner Dom / © Andreas Kühlken (KNA)
Paderborner Dom / © Andreas Kühlken ( KNA )
Quelle:
DR