Kölner Regionalkantor blickt mit Sorgen auf Weihnachten

"Wir wissen, dass das Kaffeesatzleserei ist"

In einem Monat ist Weihnachten und viele Kirchenchöre proben für die Festtagsgottesdienste. Doch ob Chorgesang dann wirklich stattfindet, ist angesichts der Pandemie-Entwicklung ungewiss, weiß auch Wilfried Kaets.

Ein Chor singt (Archiv) (KNA)
Ein Chor singt (Archiv) / ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wichtigste Frage zuerst: Singen die Chöre im Erzbistum Köln?

Wilfried Kaets (Regionalkantor im Erzbistum Köln): Ja, im Moment singen sie noch. Wer weiß wie lange, aber sie singen noch. Sie singen auf unterschiedliche Arten, je nachdem: in Kleingruppen, weit verteilt. Die meisten, die ich kenne, haben inzwischen auf 2G umgestellt, um ein bisschen Normalität für die Menschen zu schaffen, die auch guten Willens sind und sich haben impfen lassen und nicht alles nur nach dem Rest auszurichten.

Ich kenne einige Chöre, die jetzt 2G-Plus machen. Das finde ich eine ganz gute Idee, dass man sagt, es können nur die 2G-Leute mitmachen. Aber vor jeder Probe gibt es im Foyer oder in der Kirche oder wo auch immer Platz ist nochmal einen aktuellen Schnelltest, so dass die Leute sich zumindest für ihr Gefühl einigermaßen sicher fühlen.

DOMRADIO.DE: Und dann wird das auch alles immer kontrolliert?

Kaets: Es gibt zum Beispiel bei mir im Chor ein Team von vier Leuten, da ist eine geprüfte Apothekerin dabei, die organisieren das. Wir haben aus der Chorkasse jetzt einige hundert Schnelltests gekauft und investieren das, damit wir wieder ein bisschen Normalität und Singfreude haben.

Denn schließlich ist Singen immer noch das schönste Hobby der Welt, auch wenn es jetzt seit einigen Jahren als das gefährlichste Hobby der Welt gilt.

DOMRADIO.DE: Sind denn alle Chormitglieder noch wirklich so motiviert, auch unter diesen Bedingungen da mitzumachen?

Kaets: Beides. Es gibt Leute, die trotz 2G-Plus erst einmal nicht mehr dabei sind, weil sie das beruflich nicht können. Ich habe zwei Leute, die kranke Angehörige haben und denen das trotz allem einfach ein bisschen zu heikel ist und ihre Kontakte völlig reduzieren; egal, ob das im Chor sicher ist oder nicht.

Es gibt aber auch viele, die froh sind wieder singen zu können, weil sie monatelang gar nichts gemacht oder nur Live-Stream oder Zoom-Proben oder Jamulus-Proben hatten. Die wollen jetzt, so lange es noch geht, singen.

DOMRADIO.DE: Meinen Sie, Sie können die Chormitglieder überhaupt dann noch einmal zu Proben per Zoom motivieren, wenn das denn wieder sein müsste?

Kaets: Gute Frage! Also Zoom so als solches sowieso nicht, weil das ja so eine One-Man-Show ist. Wir haben ja inzwischen viel bessere Möglichkeiten über Jamulus, über Livestream, wo man mit ganzen Chören gescheit singen kann und nicht nur der einzeln singende Solist als Chorleiter so eine One-Man-Show macht. Das sowieso.

Aber ich glaube schon, das wird schwierig. Nur wenn es tatsächlich das gesamte Leben ergreift, wird uns möglicherweise nichts anderes übrig bleiben.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie haben sich da so richtig reingefuchst, dann eben auch andere Wege zu finden, um diesen Chorgesang jetzt in dieser Zeit am Leben zu halten?

Kaets: Ja, natürlich. Und wir haben da ein ganz gutes System entwickelt. Das Bistum hat das auch sehr, sehr gefördert, dass wir das in die Breite bringen konnten. Es gibt also dutzende von Chören, die jetzt schon einen eigenen Server haben, und hunderte von Chören, die die Server des Bistums nutzen, um solche elektronischen Proben zu machen.

Aber natürlich, am Ende sind es die Menschen, die gerne auch wieder zusammen singen wollen. Bei mir ist es so, dass ich nächsten Sonntag mit dem ganzen Chor noch einmal singe, auf Abstand und auch vor dem Gottesdienst und in der Generalprobe gibt es jeweils einen tagesaktuellen Test.

Aber ehrlich gesagt: Wer weiß, wie es die Woche danach aussieht? Wir wissen es alle nicht. Und ob wir Weihnachten singen? Wir proben immer noch fleißig dafür. Aber ob wir es tun? Ich weiß es nicht. Und viele sind schon wieder auf kleinere Gruppen übergegangen.

Aber das ist letztlich ja genau das gleiche Thema.

DOMRADIO.DE: In einem Monat ist Heiligabend. Chorgesang an Weihnachten hätten wir alle gerne, aber ...

Kaets: Ich stimme Ihnen völlig zu. Letztes Jahr war es ja Tage davor, wo es dann radikal schnell abgesagt wurde. Bisher ist man mit einer trotzigen, zuversichtlichen Österlichkeit immer noch dabei und sagt sich: Wir machen es. Aber wir wissen, dass das Kaffeesatzleserei ist.

Das Interview führte Carsten Döpp.

Regionalkantor Wilfried Kaets / © Karsten Mülhaus  (privat)
Regionalkantor Wilfried Kaets / © Karsten Mülhaus ( privat )
Quelle:
DR
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