Abt Notker Wolf über soziale Distanz und Einsamkeit

"Wir sind nicht zum Alleinsein geboren"

"Social Distancing" ist das Gebot der Stunde – möglichst keine Kontakte pflegen und zu Hause bleiben. Benediktinerabt Notker Wolf fühlt sich an sein Noviziat erinnert: "Man muss lernen, sich auszuhalten" – und findet Trost in Gott. 

Symbolbild: Einsamkeit / © Maridav (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Distanzierte Nähe? Wie geht das?

Abt Notker Wolf OSB (Emeritierter Erzabt von Sankt Ottilien und Abtprimas des Benediktinerordens): Es ist natürlich ein Widerspruch in sich. Aber bei uns ist es so: Wir stehen im Chor weiter auseinander. Und wenn wir uns den Frieden reichen wollen, dann drehen wir uns zueinander und schmunzeln einander an.

Auch im Speisesaal sitzen wir jetzt auseinander – aber doch in "Sichtweite", würde ich sagen. Wir müssen einander spüren lassen: Wir sind einander zugetan, auch wenn wir jetzt einen Meter Distanz haben.

DOMRADIO.DE: In der Abtei, bei Ihnen, da haben Sie ja noch relativ viele Mitbewohner. Wenn man jetzt aber tatsächlich auch allein ist, in seiner Wohnung sitzt, wie kann dann distanzierte Nähe gehen?

Abt Notker: Ich rufe viele Leute an, die ich schon lange nicht mehr angerufen habe, weil mir die Zeit fehlt. Aber es ist so wichtig, die Leute aus der Einsamkeit herauszuholen. Oder ich schreibe ihnen. Sie sollen wissen, dass ich an sie denke. Deshalb habe ich mein Buch geschrieben "Ich denke an Sie", damit der Mensch nie allein ist. Wir sind nicht zum Alleinsein geboren. Wir sind für das Miteinander da. Aber dazu muss man sich nicht ständig in den Armen legen.

DOMRADIO.DE: Aber die Einsamkeit bekämpfen, das geht dann doch nicht zu hundert Prozent?

Abt Notker: Man muss es durchhalten. Mein alter Prior hat gesagt, für einen Novizen sei es im Noviziat das Schwierigste, sich aushalten zu lernen. Er muss lernen, sich auszuhalten. Man wird mit sich selbst konfrontiert, in einer Weise, die vorher nicht da war.

DOMRADIO.DE: Und das bedeutet nicht automatisch, dass das eine negative Situation ist?

Abt Notker: Nein, sondern das bedeutet, dass ich mal zur Besinnung komme. Dass ich Zeit habe – so, wie wenn man in Exerzitien geht, in Schweigeexerzitien und dass ich mich selbst wiederfinde. Für mich ist schon wichtig, dass ich auch die Einsamkeit dadurch überwinde, dass ich mich auf Gott hin öffne. Am Abend heißt es bei unserem letzten Gebet "In deine Hände, Herr, empfehle ich meinen Geist." Das war der Psalmvers, den auch Jesus in seiner größten Einsamkeit am Kreuz gesprochen hat.

DOMRADIO.DE: Müssen die Menschen die Einsamkeit also ein Stück weit zu akzeptieren?

Abt Notker: Wenn einer nicht glauben kann, dann ist es eine andere Sache. Aber wer glaubt, der kann sich auf Gott hin öffnen und ist nicht mehr allein.

DOMRADIO.DE: Es gibt nicht nur die Einsamen in der Krise – es gibt auch die, die wirklich Angst haben. Wie können wir denn diesen Menschen Mut machen?

Abt Notker: Ich denke, da müssen wir einfach aufklären. Wir müssen sagen: Es wird auch wieder vorbeigehen. Wir haben nicht die Möglichkeit, alles in den Griff zu bekommen. Wir meinen jetzt, dass wir jeden Virus sozusagen "abkapseln" können. Aber das geht nicht. Die schwirren frei in Tröpfchen herum.

Was sollen wir machen? Ich glaube, wir müssen uns einfach bewusst sein: Es kommt immer etwas auf uns zu. Und wenn diese Pandemie vorbei ist – irgendwann kommt wieder eine neue Epidemie. Wir haben das Leben nicht komplett im Griff. Wir sind nun mal Geschöpfe. Wir sind nicht absolut und wir können uns nicht total selbst bestimmen. Sondern wir müssen vieles im Leben in Demut hinnehmen.

DOMRADIO.DE: Abt Notker, haben Sie noch ein Mutmacher für unsere Hörerinnen und Hörer?

Abt Notker: Öffnen Sie sich einfach auf Gott hin. Und je mehr Sie an ihn denken, desto mehr landen sie bei den Menschen. So wie Gott den Menschen liebt, lieben Sie auch die anderen. Dann werden sie schon Wege finden, Menschen in der Einsamkeit beizustehen oder geradezu herauszuholen.

Notker Wolf OSB / © Wolfgang Radtke (KNA)
Notker Wolf OSB / © Wolfgang Radtke ( KNA )
Quelle:
DR