Trauer drückt sich zunehmend individueller aus

"Wir müssen die Symbole unserer Hoffnung wieder mehr erklären"

Nichts ist so faszinierend wie Todesanzeigen. Auffällig ist deren zunehmend persönlichere Gestaltung, allerdings immer seltener unter Verwendung christlicher Zitate oder Symbole. Weil sie nicht mehr verstanden werden?

Engel stehen oft symbolisch für die letzten Fragen / © Beatrice Tomasetti (DR)
Engel stehen oft symbolisch für die letzten Fragen / © Beatrice Tomasetti ( DR )

Giovanni Rocco* lehnt lässig an einer Balustrade; dahinter leuchtet golden im Abendrot das glitzernde Meer. Der 49-Jährige lächelt. Seine kurze Hose und das Polo-Hemd lassen darauf schließen: Er genießt die unbeschwerte Urlaubszeit in dieser Küstenregion. Denn Giovanni ist Sizilianer. Und wer ihn kannte, weiß, dass er das mit Leib und Seele war. Denn Giovanni lebt nicht mehr. Eines Morgens lag der Vater von drei Kindern einfach leblos im Bett. Die Familie stand unter Schock, denn der Tod kam ganz ohne Vorankündigung, ohne Warnsignale, wie es vielleicht bei einer Erkrankung oder einem Erschöpfungszustand gewesen wäre. Seine Frau Anna will nun, dass ihn alle so in Erinnerung behalten, wie er war: lebensfroh, freundlich, durch und durch Familienmensch – mit einem großen Herzen für seine Heimat. Daher dieses Foto auf der Todesanzeige, in das hinein die Sätze abgrundtiefer Trauer gedruckt sind. Mit je einem persönlichen Satz auf Deutsch und Italienisch gedenken die Kinder, die Ehefrau und die Eltern dieses Menschen, den sie alle geliebt haben und nun so schmerzlich vermissen. Dass sie Giovanni in einem katholischen Gottesdienst verabschieden werden, ist im Kleingedruckten angegeben, und dass sie sich im Sinne des Verstorbenen über eine Spende für ein Kinderheim in Catania freuen würden, auch. Aber ein Kreuz auf der Karte, das ausdrückt, dass der Verstorbene gläubiger Christ war, gibt es nicht.

Das Unwiederbringliche lässt sich nicht in Worte fassen

Janine Keller* kam durch einen tragischen Verkehrsunfall ums Leben. Die Eltern beklagen den traurigen Verlust ihrer 16-jährigen Tochter mit einer Anzeige, auf der viele bunte Sterne zu sehen sind. Als den "hellsten" Stern in ihrem eigenen Leben betrachten sie ihr geliebtes Kind, das einem auf dem Zeitungsfoto entgegenlacht und dessen Tod sie nicht verwinden können. Nun sei dieser Stern auf der Erde viel zu früh erloschen, leuchte aber am weiten Firmament weiter. Das Unfassbare haben die Hinterbliebenen versucht, ins Wort zu bringen. Und trotzdem ist spürbar: Keine Metapher reicht aus, das Unwiederbringliche an dieser schrecklichen Nachricht auch nur annähernd auszudrücken. Janine ist tot. Aber diese brutale Gewissheit ist schwer zu ertragen. So ist der blaue Horizont mit den strahlenden Himmelskörpern, von denen einer für das in einer weiteren Anzeige von der Schule betrauerte Mädchen steht, immerhin eine Art Ausweg, die erschütternde Tatsache zu verklären, um damit irgendwie leben zu können. Für Janine, die Messdienerin war, werden kirchliche Exequien gefeiert, aber einen Hinweis darauf, dass die Familie religiös ist, sucht man auch auf ihrer Todesanzeige vergeblich.

Ludwig Heinze* ist als Seniorchef einer anerkannten Kanzlei im gesegneten Alter von fast 93 Jahren "heimgegangen", wie seine Witwe und die fünf Kinder "in Liebe und Dankbarkeit für viele gute gemeinsame Jahre" annoncieren und hinzufügen, dass er "mit den Tröstungen der katholischen Kirche versehen" war. In Smoking und Fliege prostet er dem Leser zu, als wolle er sagen: Es gab viel zu feiern in meinem Leben. Und das nimmt man dem selbst im fortgeschrittenen Alter noch immer rüstig wirkenden Juristen sofort ab. Immerhin sind nicht nur zwölf Enkelkinder namentlich aufgeführt, sondern auch vier Urenkel. Ludwig Heinze war nicht nur Familienoberhaupt. Er war auch das "Herz" eines Unternehmens mit vielen Mitarbeitern und darüber hinaus in zahlreichen Ehrenamtspositionen aktiv. Denn mit fünf verschiedenen Anzeigen wird über seinen Tod informiert. Aber auf keiner taucht ein Kreuz auf, ein Alpha und Omega oder ein anderes christliches Symbol – als Zeichen dafür, dass der Verstorbene auch jahrelang im Kirchenvorstand seiner Gemeinde tätig war. Es ist das Gedicht „Mondnacht“ von Eichendorff mit der berühmten Zeile von der Seele, die weit ihre Flügel ausspannte, mit der die Familie an ihn erinnert. Gleichzeitig drückt es aus, dass Ludwig Heinze ein gebildeter Mann war. In deutscher Literatur kannte er sich – wie viele seiner Generation – noch aus. Teilhabe an kulturellem Leben – das war ihm stets wichtig.

Trauernde bedienen sich immer seltener christlicher Zeichen

Drei Beispiele für Menschen, die zu Lebzeiten zwar eng mit der Kirche verbunden waren, aber deren Tod dennoch von den Angehörigen nicht – jedenfalls nicht auf den ersten Blick – in einen religiösen Kontext gestellt wird. Und das sei ein Trend, wie Eva-Maria Will, Referentin für Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum, feststellt. Für viele ist der Glaube außerdem Privatsache. Abschiednehmen mit einer Traueranzeige oder auch eine Begräbnisfeier vorbereiten – das sei ein wichtiger, aber zugleich auch der traurigste Liebesdienst für Angehörige. Also wollten sie ihn auch so persönlich wie möglich gestalten. Hierfür sich dann aber der christlichen Symbolsprache zu bedienen, sei für viele nicht mehr naheliegend, so die Beobachtung der Expertin. "Vielmehr wird immer häufiger auf weltliche Song-Texte oder persönliche Gedichte gesetzt und auch auf sehr individuelle Symbole. Da bieten ja Bestatter mittlerweile eine große Palette an Vorlagen an. Bibelzitate oder Psalmverse gehören offenbar kaum noch dazu." Mitunter gebe es angesichts einer gewissen Hilflosigkeit, überhaupt mit dem Tod umgehen zu müssen, sehr phantasievolle Ideen, die der wachsenden Individualisierung der Gesellschaft entsprächen, sich aber auch eindeutig zu den ehemals klassischen christlichen Symbolen wie Kreuz, Ähre und Weinstock oder Christusmonogramm und der damit verbundenen Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod abgrenzten.

Christliche Symbolsprache verliert an Relevanz

"Viele Menschen haben zunehmend das Bedürfnis, ihre eigene Trauer und ihr Verhältnis zum Verstorbenen auf eine sehr eigene Weise zum Ausdruck zu bringen. Vor allem aber auch das, was den Verstorbenen ausgemacht hat. Das ist eine positive Entwicklung", betont Will. Die Narrenkappe in einer Anzeige oder der Clown auf einem Grab seien als ein Zeichen für Lebensfreude und die Verbindung des Verstorbenen zum Karneval nur ein Beispiel dafür. „Ein lustiger Geselle auf einem Friedhof ist mehr als nur Grabschmuck, er ist auch ein Statement. Angehörige wollen auch in den Worten und Zeichen – zum Beispiel bei einer Beisetzung – ihren Verstorbenen deutlich wiedererkennen: Ja, genau so war er! Er war ein fröhlicher Mensch! Und so wollen wir ihn auch in Erinnerung behalten!“ Ähnlich verhalte es sich, wenn ein Globetrotter grafisch auf einer Traueranzeige mit einem stilisierten Rucksack, eine Ballettlehrerin mit einem Spitzenschuh oder ein Musiker mit einem Notenschlüssel charakterisiert würden.

Dabei müsse das eine das andere keineswegs ausschließen – "unsere Welt ist im Vergleich zu früher differenzierter und auch toleranter geworden" – argumentiert die Theologin und verweist angesichts dieser weltlichen Zeichen bewusst auf den reichen Schatz an christlichen Symbolen, die zugleich mit ihrer Botschaft von der Auferstehung Jesu eine tröstliche und sinnhafte Aussage liefern. "Wir müssen die Symbole unserer Hoffnung nur wieder mehr erklären, sie für die Menschen mit Leben füllen." Für Angehörige sei tröstlich, den Verlust eines geliebten Menschen damit darzustellen, dass sie etwas Wesentliches von ihm noch einmal sichtbar machten. "Das kann ein Segelschiff sein, wenn er gerne auf dem Wasser war, oder auch ein Berg, weil Klettern sein Leben war, ein Motorrad, weil er leidenschaftlicher Biker war, aufeinandergetürmte Steine oder auch eine Pusteblume", sagt die Trauerexpertin. Aber die Symbolsprache der Christen, wie beispielsweise das Kreuz, ein Palmzweig oder auch die griechischen Buchstaben Alpha und Omega für Anfang und Ende transportierten zusätzlich noch die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. "Viele dieser christlich sehr bedeutungsvollen Zeichen sind nicht mehr bekannt und werden von daher nicht mehr abgerufen, weil sie eben auch nicht mehr verstanden werden und damit für die Menschen an Relevanz verlieren. Trotzdem müssen Angehörige eine Leerstelle füllen und suchen sich stattdessen säkulare Bilder für die Schwelle an der Bruchstelle von Leben und Tod."

Selbst wenig gläubige Menschen schätzen religiöse Rituale

Daher müsse Kirche immer wieder ihre Symbole und Rituale, an denen entlang Trauernde wie an einem Geländer aber Halt finden könnten und die Sicherheit in einer emotional aufwühlenden Ausnahmesituation gäben, als nützliche Wegweiser erläutern, ohne jemandem etwas überzustülpen. Zum Beispiel das Anzünden einer Kerze, die alles Dunkle hell mache und als typisches Hoffnungssymbol für das göttliche Licht verstanden werden könne. Oder der Segen, der nichts anderes sei als die Zusage Gottes von etwas Gutem und Tröstlichem. Und wenn etwas offen geblieben sei, was noch gesagt werden sollte, könne ein Brief mit ins Grab gelegt werden. "Auch die Totenwache ist ein Ritual, das wie über eine Brücke hinweg führt und dazu beitragen kann, wieder Halt zu finden", sagt Will. Oder aber das Waschen, Ankleiden und Aufbahren des Toten, wie es früher in den Familien üblich war, heute aber kaum noch von den Angehörigen selbst praktiziert wird. Letztlich fühlten sich nicht wenige Menschen in religiösen Ritualen wie einem Gebet oder einem Gottesdienst gut aufgehoben, auch wenn sie sich selbst als eher nicht gläubig betrachteten, weil so das Unfassbare und Unsagbare des Todes in die Macht eines Höheren gestellt werde. Von daher sei eine Trauersituation immer auch eine Chance, um mit dem Glauben in Berührung zu kommen.

Von christlichen Vollzügen geht große Kraft aus

Wer war der Verstorbene? Was macht seinen Kern aus? Woran hat er geglaubt, woran gezweifelt? "Dass das noch einmal im Abschied lebendig aufscheint, um den sogenannten letzten Weg zu einem guten Abschluss bringen zu können – das wünschen sich viele Hinterbliebene", weiß die Referentin für Trauerpastoral aus Erfahrung. Wer trauere, spüre eine große Leere, fühle sich oft haltlos und suche nach seinen eigenen Wurzeln, gerade auch wenn die alten Eltern sterben würden. Doch indem man sich in den Ritualen mit der Lebens- und Glaubensenergie seiner Vorfahren verbinde, könne das auch den eigenen Lebensbaum stärken. Das zeige letztlich die große Kraft, die von solchen christlichen Vollzügen ausgehe.

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

"Ich bin die Auferstehung und das Leben", sagt Christus. Eine tröstlichere Botschaft gibt es für Christen nicht / © Beatrice Tomasetti (DR)
"Ich bin die Auferstehung und das Leben", sagt Christus. Eine tröstlichere Botschaft gibt es für Christen nicht / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Eine Kerze steht in der christlichen Symbolik für das Licht und die Wärme Gottes, das die Dunkelheit hell macht / © Beatrice Tomasetti (DR)
Eine Kerze steht in der christlichen Symbolik für das Licht und die Wärme Gottes, das die Dunkelheit hell macht / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Von "erschwerter Trauer" sprechen Experten, wenn Eltern den Tod eines Kindes betrauern / © Beatrice Tomasetti (DR)
Von "erschwerter Trauer" sprechen Experten, wenn Eltern den Tod eines Kindes betrauern / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Bunte Windmühlen stehen mit starker Symbolkraft oft auf Kindergräbern / © Beatrice Tomasetti (DR)
Bunte Windmühlen stehen mit starker Symbolkraft oft auf Kindergräbern / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Nicht nur Kindergräber werden oft mit süßlichen Engelsdarstellungen geschmückt / © Beatrice Tomasetti (DR)
Nicht nur Kindergräber werden oft mit süßlichen Engelsdarstellungen geschmückt / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Rosen stehen - auch auf einem Friedhof - immer für eine Liebeserklärung / © Beatrice Tomasetti (DR)
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Das Kindhafte, aber auch Zärtliche kommt in diesem Putto zum Ausdruck / © Beatrice Tomasetti (DR)
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In jeder Hinsicht ein Zeichen für Vergänglichkeit: das vermooste Kreuz / © Beatrice Tomasetti (DR)
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Auf Melaten findet man viele Gräber mit monumentalen Heiligenstatuen / © Beatrice Tomasetti (DR)
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Bei den christlichen Symbolen geht es um die Botschaft, dass Christus von den Toten auferstanden ist / © Beatrice Tomasetti (DR)
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Memento mori - bedenke deine Sterblichkeit, haben die Mönche im Mittelalter gemahnt / © Beatrice Tomasetti (DR)
Memento mori - bedenke deine Sterblichkeit, haben die Mönche im Mittelalter gemahnt / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Aus Altem wird Neues. Der Tod ist nicht das Ende, besagt die christliche Botschaft / © Beatrice Tomasetti (DR)
Aus Altem wird Neues. Der Tod ist nicht das Ende, besagt die christliche Botschaft / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR
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