DOMRADIO.DE: Sie schreiben leidenschaftlich gerne über Kirchenschätze, zum Beispiel über den Roggendorfer Schnitzaltar. Was ist an dem so spannend?
Dr. Peter Schweikert-Wehner (Wikipedia-Autor, Apotheker, Politiker, Karnevalsprinz): Spannend ist, dass diese mehrere Jahrhunderte alten Kunstwerke viele Geschichten erzählen. Mechernich war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine eher arme Gemeinde, während Zülpich deutlich wohlhabender war. Dort gibt es allein rund vier erhaltene, sehr wertvolle Antwerpener Schnitzaltäre, in Mechernich hingegen lange Zeit keinen.
Erst mit dem Bleibergbau kam Wohlstand in die Region. Die Bergwerke wurden von der Familie Kreuser betrieben. Deren Witwe bestellte schließlich bei dem Bonner Restaurator Hieronymi einen Schnitzaltar. Auch, weil man in Mechernich nun etwas vorzuweisen hatte. Das erzählt viel über die Geschichte der Eifel.
DOMRADIO.DE: Beziehen sich die Kirchenschätze, über die Sie schreiben, alle auf die Eifel?
Schweikert-Wehner: Der Schwerpunkt liegt schon bei der Kölner Malerschule. Ich beschäftige mich viel mit Stefan Lochner und habe auch schon viel darüber geschrieben. Spannend sind aber auch, neben den bekannten Namen wie Lochner, die Werke von Künstlern mit sogenannten Notnamen. Viele ihrer Kunstwerke sind verbreitet, und sie zuzuordnen oder die regionalen Geschichten, Provenienzen und die Bedeutung für die Menschen zu erzählen, ist sehr interessant. Zum Beispiel bin ich in Sinzig aufgewachsen. Da gibt es den "Meister des Sinziger Kalvarienberges", wie man ihn nennt.
DOMRADIO.DE: Ihr Alias ist Tryptichon. Warum schreibt man unter einem Pseudonym?
Schweikert-Wehner: Das war bei Wikipedia so üblich. Da haben alle Pseudonyme. Ich finde es ganz gut, weil ich auch manchmal etwas in Fachzeitschriften mit richtigem Namen veröffentliche. In Wikipedia verwende ich etwas anderes. Außerdem kann ich natürlich mit Tryptichon etwas anfangen, wenn ich mich mit dem Thema befasst habe. Der Name war auch noch frei.
DOMRADIO.DE: Gab es bei Wikipedia schon Konflikte? Zum Beispiel mit Kunsthistorikern, die sagen, Laien würden Ungenauigkeiten verbreiten?
Schweikert-Wehner: Den Streit gibt es natürlich immer. Ich habe aber sehr gute Kontakte zu Museumskuratoren, Restauratoren und Kirchengemeinden. Meistens bekommt man Schlüssel oder wird herumgeführt, und sie sind froh, wenn darüber geschrieben wird.
Bei Wikipedia gibt es klare Richtlinien zur Zitierfähigkeit, die wir einhalten. Jeder Absatz muss belegt sein. Auch zu kritischeren Kunsthistorikern bestehen gute Kontakte; es gibt sogar Online-Seminare, um sich auszutauschen. Wir veröffentlichen keine Forschungsergebnisse selbst, sondern zitieren die Quellen von Kunsthistorikern, Theologen oder Architekten.
DOMRADIO.DE: Sie haben gesagt, dass Sie Leute befragen und sich Dinge erklären lassen, also journalistisch arbeiten. Dabei sind Sie Apotheker, aktiv im Karneval, waren schon mal Prinz, sitzen für die SPD im Stadtrat, haben sich um das Bürgermeisteramt beworben und haben 4.600 Wikipedia-Einträge verfasst. Wann schaffen Sie das alles?
Schweikert-Wehner: Der Stadtrat ist die eine Sache. Ich bin zum Kulturausschussvorsitzenden wiedergewählt worden. Da laufen natürlich einige Sachen zusammen. Wir haben am Freitag wieder eine Bilderausstellung in Mechernich. Da werde ich moderieren. Wer klassische Kunst kennt, kann auch etwas zur modernen Kunst sagen. Ich erledige das, während andere Krimis schauen.
DOMRADIO.DE: Jedenfalls haben Sie es mit Ihren 4.600 Beiträgen schon zu einer Wikipedia-Auszeichnung gebracht.
Schweikert-Wehner: Ja, das finde ich auch sehr interessant, denn obwohl vieles eher spontan und online stattfindet, habe ich nach fünf Jahren für die Hälfte meiner Einträge eine Bronzemedaille erhalten. Das überrascht viele.
DOMRADIO.DE: Woher kommt diese Bronzemedaille?
Schweikert-Wehner: Sie stammt aus Berlin, wo eine Handvoll Wikipedia-Mitarbeiter sie vergibt. Tatsächlich bekommt man sie verliehen. Sie besteht wirklich aus Metall und steht auf meinem Schreibtisch.
DOMRADIO.DE: Hat sich denn vielleicht schon mal jemand aus dem Erzbistum Köln bei Ihnen gemeldet und gedankt?
Schweikert-Wehner: Nein, bisher hat sich noch niemand gemeldet. Im Moment kläre ich einige Rätsel, vor allem zu einem Karnevalsorden, der 1983 gegründet wurde und mit dem Bistum zu tun hat. Dafür stehe ich in Kontakt mit dem Maternushaus, das mich weitervermittelt und bei der Recherche unterstützt. Die Kontakte sind sehr nett und engagiert, weil sie ebenfalls an der Geschichte interessiert sind.
Das Interview führte Dagmar Peters.