Wie wird mit Kirchenaustritten auf dem Land umgegangen?

"Jeder Austritt ist einer zu viel"

Es gibt immer mehr Kirchenaustritte. In großen Städten dauert es teilweise lange, bis man dafür überhaupt einen Termin bekommt. Auch auf dem Land merkt man, dass mehr Menschen aus der Kirche austreten. Wie wird dort damit umgegangen?

Symbolbild leere Kirchenbänke / © Benoit Daoust (shutterstock)
Symbolbild leere Kirchenbänke / © Benoit Daoust ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Auf dem Land ist das Gemeindeleben im Allgemeinen anders als in großen Stäften. Wie sieht das denn in der Realität aus?

Pfarrer Philipp Cuck (Leiter der GdG Hellenthal und Regionaldekan der Region Eifel): Wir haben natürlich noch in allen unseren Kirchen entweder Messfeier oder Wort-Gottes-Feiern und die werden auch noch besucht. Allerdings merken wir auch, dass die Zahlen wie überall rückläufig sind. Aber das hält sich noch in Grenzen.

Die Kirche steht bei uns insofern noch im Dorf, dass man sich auf jeden Fall bei Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen immer noch auf breiter Basis bei uns in den Kirchen trifft.

DOMRADIO.DE: Das klingt im Prinzip eigentlich positiv, aber ich vermute mal, Sie haben auch mit dem Thema Kirchenaustritt in Ihren Gemeinden zu tun.

Cuck: Hier ist wohl eine Hemmschwelle inzwischen gebrochen, während es vor vier, fünf Jahren total tabuisiert war, Kirchenaustritt im Grunde zu besprechen oder kundzutun. Keiner sagte, dass er aus der Kirche ausgetreten war. Bei den 15.000 Katholiken in meiner GdG Hellenthal Schleiden waren es vor vier, fünf Jahren maximal 20, die ausgetreten sind. In diesem Jahr könnten es 200 werden.

DOMRADIO.DE: Wie ist denn die Reaktion in den Gemeinden darauf? Sie haben gerade gesagt, das konnte man eigentlich gar nicht ansprechen. Wie ist da die Grundstimmung?

Cuck: Ich predige natürlich auch laufend über mögliche Ursachen, wie Missbrauch in der Kirche. Oder es heißt, wir Aachener leiden auch ein wenig unter Kölner Verhältnissen. Das wird oft angeführt und ich predige darüber. Ansonsten ist der Kontakt zu den Ausgetretenen gleich Null, weil der Datenschutz hier sehr hart greift.

Wenn wir also einen Kirchenaustritt vermeldet bekommen, dann schreiben wir jedem Ausgetretenen einen Brief mit den Daten, die wir von ihm haben: Taufe, Hochzeit und so weiter. Wir bedauern, dass er ausgetreten ist, nach dem Motto: Jeder Austritt ist einer zu viel. Dann schicken wir den Brief.

Auf Antworten brauchen wir nicht zu warten. Bei etwa 100 Austritten kommen vielleicht zwei Antworten. Wir dürfen aber, wenn jemand ausgetreten ist, den nicht mehr darauf ansprechen. Da greift dann der Datenschutz. Die meisten, die austreten, kenne ich nicht. Und bei den wenigen, die ich kenne, kann ich dann ahnen, was für Austrittsgründe da sind.

Aber natürlich frage ich mich selber als Seelsorger bei jedem Austritt, ob ich vielleicht was falsch gemacht habe. Das bedrängt mich manchmal.

DOMRADIO.DE: Es sind also eher Leute, die keinen großen Kontakt zum kirchlichen Leben haben, die bei Ihnen austreten?

Cuck: Das würde ich so zu 90 Prozent einschätzen. Alle Pfarreiräte, alle Kirchenvorstände, alle großen Gremien sind noch mit sehr engagierten Kirchenmitgliedern besetzt. Die, die austreten, kenne ich meistens nicht und sind auch nicht engagiert.

DOMRADIO.DE: Sie hinterfragen sich dann selber auch als Priester, als Geistlicher. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Cuck: Ich bin dann traurig darüber, weil ich zwar Regionalvikar und im Bistum und der Region viel tätig bin, aber in erster Linie bin ich Seelsorger vor Ort bei 15.000 Katholiken. Das ist natürlich nicht ganz so einfach. Aber mir geht durch den Kopf: "Lieber Philipp, hast du irgendwo mal wirklich was falsch gemacht, dass Leute empört austreten?" Das verfolgt einen schon, ob man will oder nicht. Zum Glück werde ich nicht sehr fündig, aber es bewegt einen schon.

DOMRADIO.DE: Wie wird es weitergehen? Denken Sie, bei Ihnen wird auch die gleiche Entwicklung einsetzen, wie es in Köln und anderen größeren Städten ist?

Cuck: Ich habe auch mit dem Generalvikariat Aachen telefoniert, wollte Zahlen wissen. Die deutschen und dann auch die nordrhein-westfälischen Bistümer geben, glaube ich, am 23. Juni konkrete Zahlen raus, auch mit Einschätzungen. Wie das hier vor Ort ist, weiß ich nicht.

Ich denke, dass wir dieses Jahr eine Rekordzahl haben werden. Das sind etwa 1 bis 2 Prozent, die dann austreten. 1 bis 2 Prozent, sagt man, ist nicht viel, aber es ist schon eine große Zahl, die für mich erschreckend ist. Ob die Entwicklung gebrochen werden kann, weiß ich nicht.

Das Problem ist auch, dass jetzt nacheinander in mehreren Bistümern hintereinander die Missbrauchsgutachten unter großer Beachtung der Presse herauskommen. Das wird sicherlich wieder manche motivieren, dann doch noch auszutreten. Ich bin da sehr unsicher.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Bistum Aachen

Die Spitze des Aachener Doms / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Die Spitze des Aachener Doms / © Elisabeth Schomaker ( KNA )

Das Bistum Aachen ist eine der fünf Diözesen in Nordrhein-Westfalen. Die westlichste Diözese Deutschlands grenzt an Belgien und die Niederlande. Sie erstreckt sich von der nördlichen Eifel um Euskirchen bis zum Niederrhein mit den Städten Mönchengladbach und Krefeld. Das Bistum zählt mit rund 1,0 Millionen Mitgliedern zu den mittelgroßen Diözesen in Deutschland. Die 333 Pfarreien sind in 71 "Gemeinschaften der Gemeinden" organisiert. (KNA)

Quelle:
DR